Zurückbleiben in Sorge

PREIST. In Texas geboren, lebte Raymond Elmore auch mehrere Jahre in Preist. Seit drei Monaten hilft der US-Soldat beim Wiederaufbau im Irak. Seine Familie in den USA und in Deutschland bangt derweil um sein Leben.

Vor zwei Wochen wurden zwei Ingenieure im Irak entführt. Ihr Schicksal ist weiter ungewiss (der TV berichtete). Sie arbeiteten in der irakischen Stadt Baidschi. Die liegt etwa 200 Kilometer nördlich von Bagdad. 80 Kilometer nordwestlich von Bagdad, in Ballad, arbeitet der Soldat der amerikanischen Luftwaffe Raymond Elmore. Seit November lebt der 26-Jährige getrennt von seiner Familie. Bis zum Familienzusammenschluss wird es noch weitere vier Monate dauern. Zu Hause in Amerika vermissen ihn seine Mutter, seine Ehefrau und zwei kleine Kinder. In Preist warten Tante, Onkel und Großmutter auf seine Rückkehr.Wanderer zwischen zwei Welten

1979 in Del Rio (Texas) geboren, wechselte Elmore mit seiner Familie immer wieder seinen Wohnsitz. Eben ein klassischer Wanderer zwischen zwei Welten. Zu Hause fühlte er sich deshalb in den USA genauso wie in Deutschland. Scherzhaft bezeichnete er sich während seines Auslandseinsatzes im Land zwischen Euphrat und Tigris als "Preister im Irak". Grund für einen solchen Titel hat er allemal. Insgesamt sechs Jahre lang ging er am Flugplatz Bitburg in den Kindergarten und zur Schule, da sein Vater Soldat in Spangdahlem war. Für drei Jahre lebte er in den USA. Es folgten zehn Jahre Deutschland. Preist, Ramstein, Geilenkirchen hießen seine damaligen Wohnorte. Zurück in den USA wollte er studieren. Weil das in Amerika teuer ist, verpflichtete sich Elmore zu acht Jahren Militär. Aus finanzieller Sicht wurde dadurch das Studieren einfacher: Er erhielt ein Stipendium und wurde Ingenieur. Dann die Schreckensmeldung: Er musste in den Irak. Elmore nahm den Befehl mit Fassung. Das ist sein Job. Er kannte das Risiko von Anfang an. Schlimmer erscheint es für die Zurückgebliebenen. Das Aufschrecken, wenn das Telefon läutet. Die Sorge, wenn die Medien wieder von neuen Bombenattentaten und Entführungen im Irak berichten. Immer mit der Gewissheit, irgendwo mittendrin ist der Enkel, Sohn und Neffe. Das macht Angst. Dennoch will seine Oma, Katharina Lichter, das gefährliche Potpourri aus aller Welt nicht missen: "Jeden Abend schaue ich Nachrichten. Ich will wissen, was da los ist", sagt sie. Mit dem Auslandseinsatz Elmores rückt die Familie enger zusammen. Symbolisch auch im Wohnzimmer. Am runden Tisch sitzt die Großmutter neben ihrer Tochter, Christine Becker und dem Schwiegersohn, Volker Becker. Auf dem Tisch liegen ausgebreitet E-Mails und das Hochzeitsbild von Raymond Elmore. Der beschreibt seinen Tagesablauf im Irak mit dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier". Morgens um fünf Uhr ist Aufstehen angesagt. Ab und an steht Fitness auf dem Programm. Ab 8.30 Uhr erledigt er die Büroarbeit. Als Offizier, schreibt er, müsse er eigentlich nicht zusätzlich zur Büroarbeit die Arbeit seiner 55-köpfigen Truppe übernehmen. Aber er tue dies dennoch und merkt bescheiden an: "Ich will zeigen, dass ich nicht besser bin, nur weil ich die Uni besucht habe." Sein Arbeitstag umfasst fast 20 Stunden. Mitten im Alltagstrott auch Grund zur Freude. In einem amerikanischen Supermarkt gibt es heimatliches Bitburger Bier: Leider nur "Drive", konstantiert Elmore. Getröstet werden die Daheimgebliebenen, wenn Elmore schreibt: "Es ist nicht so schlimm, wie man es im Fernsehen sieht oder in der Zeitung liest. Man hört nur das Schlimmste." Dennoch verschweigt Elmore auch nicht die alltäglichen Gefahren des Soldatenlebens. "Wir wurden in letzter Zeit sehr häufig angegriffen, aber die Bomben und Raketen haben unseren Stützpunkt nicht erreicht", schreibt er in einer Mail an die Cousine in Deutschland. Irgendwann schickte Elmore seinen Verwandten in Preist eine weiße Flagge mit blauem Stern. Außen am Haus angebracht, soll sie an den Soldaten erinnern, der gerade Dienst tut. Ein goldener Stern hingegen erinnert an diejenigen, die als Soldat ihr Leben lassen mussten.

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