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Gesundheit
„Ich habe keinen Ausweg mehr gesehen“

Bitburg/Neichen. Selbst Duschen und Anziehen wurden für Ilka Borsch aus Neichen zum Kraftakt. Die 38-Jährige leidet an krankhafter Übergewichtigkeit. Die Behandlung im Adipositas-Zentrum hat ihr — wie sie sagt — ihr Leben zurückgegeben.
Andrea Weber

185 Kilogramm wiegt Ilka Borsch bei einer Größe von 1,70 Meter, als sie sich vor drei Jahren zum ersten Mal in die Behandlung des Adipositas-Zentrums des Bitburger Marienhaus Klinikums begibt. „Das war mein Höchstgewicht“, sagt die 38-Jährige. Sie geht nicht mehr vor die Tür, zieht sich zurück, kann kaum noch laufen. „Ich habe mich nicht mehr mit Freunden im Café verabredet, weil ich Angst hatte, dass es nur Stühle mit Lehne gibt, in die ich nicht rein passe.“ Alles sei ihr zu anstrengend gewesen, sogar zu duschen oder sich anzuziehen. „Andere denken da gar nicht drüber nach, die hüpfen unter die Dusche und fertig. Für mich war das ein Kraftakt.“

„Ich habe wieder ein Leben“ — Ilka Borsch (links) geht es seit ihrer Magenoperation deutlich besser. Chefarzt Christian Blöchle zeigt die verschiedenen chirurgischen Möglichkeiten bei krankhafter Übergewichtigkeit. Inzwischen würden 99 Prozent der OPs mit der Schlüssellochtechnik durchgeführt, einem schonenden Verfahren mit einem Schnitt von fünf bis zehn Millimetern, erklärt der Facharzt für Adipositaschirurgie. ⇥TV-Foto: Andrea Weber
„Ich habe wieder ein Leben“ — Ilka Borsch (links) geht es seit ihrer Magenoperation deutlich besser. Chefarzt Christian Blöchle zeigt die verschiedenen chirurgischen Möglichkeiten bei krankhafter Übergewichtigkeit. Inzwischen würden 99 Prozent der OPs mit der Schlüssellochtechnik durchgeführt, einem schonenden Verfahren mit einem Schnitt von fünf bis zehn Millimetern, erklärt der Facharzt für Adipositaschirurgie. ⇥TV-Foto: Andrea Weber FOTO: Andrea Weber

Als sie dann auch noch ihre Stelle verliert und ihr ein Vermittler der Agentur für Arbeit sagt, dass sie mit diesem Gewicht nicht vermittelbar sei, entscheidet Borsch, sich behandeln zu lassen. Ob sie sich mit ihrem Gewicht unwohl gefühlt habe? „Unwohl ist stark untertrieben. Ich habe keinen anderen Ausweg mehr gesehen“, sagt sie. Ein Arbeitskollege hatte ihr von der Adipositas-Station im Bitburger Marienhaus Klinikum erzählt. Zunächst habe sie sich einfach informieren wollen. „Dann habe ich es langsam in Angriff genommen“, erzählt sie. Vor einem Jahr wurde sie operiert. Bis dahin war es ein langer Weg.

Wenn ein Patient in die Klinik komme, werde erst einmal die Vorgeschichte seiner Krankheit aufgerollt, sagt Chefarzt Prof. Dr. med. Christian Blöchle. Außerdem müsse er drei Wochen lang ein Ess- und Trinktagebuch führen, damit die Ärzte sähen, wie er sich ernähre. Anschließend begibt sich der Patient für mindestens sechs Monate in Ernährungs- und Bewegungstherapie und erhält psychologische Betreuung. Denn Fehlernährung, zu wenig Bewegung und psychische Gründe sind laut Blöchle die drei Ursachen dafür, dass jemand krankhaft übergewichtig ist.

„Bei mir spielt die Psyche viel mit rein“, sagt Borsch. „Ich bin ein Frustesser.“ Sie sei von klein auf übergewichtig gewesen, das liege in ihrer Familie. „Ich kann mich noch an die Hänseleien im Kindergarten erinnern.“ Mit zehn Jahren wog Borsch 90 Kilogramm. Ihre Eltern hätten viel versucht. „Die haben das nicht stillschweigend mit angesehen.“ Dennoch sei sie Jahr für Jahr schwerer geworden.

Die konservativen Behandlungsmethoden wie Ernährungs- und Bewegungstherapie und psychologische Betreuung hatten bei Borsch keinen Erfolg. Erst dann werde über eine Operation (OP) nachgedacht, erklärt Blöchle. Von etwa 60 Patienten im Jahr würden etwa 20 operiert. 30 Prozent der Menschen, die zu ihnen kämen, eigneten sich nicht für eine OP, weil sie nicht mitarbeiteten. „Man kann alle Behandlungsmethoden überlisten, wenn man seine Kalorien über Softdrinks oder Süßigkeiten wie Schokolade zu sich nimmt“, sagt der Facharzt für Adipositaschirurgie. Dann helfe auch eine OP nicht. Die sei nur als Hilfe gedacht.

70 Prozent eigneten sich für eine Behandlung, 35 Prozent davon kommen unters Messer. So wie Ilka Borsch. Nach anderthalb bis zwei Jahren Behandlung wurde sie operiert. „Obwohl ich mit dem Rücken zur Wand stand, habe ich lange gebraucht, mich zu entschließen“, sagt sie. Zwei Drittel von Borschs Magen wurden entfernt. „Das Stück zwischen Speiseröhre und Darm ist nur noch ein Schlauch in Größe einer Banane“, sagt sie. Deshalb nenne man das Schlauchmagen. Das sei mit 50 Prozent die häufigste Operationsmethode, erklärt Blöchle. Die zweithäufigste (45 Prozent) ist der Magen-Bypass, bei dem ein Teil des Magens stillgelegt, also von der Verdauung abgekoppelt wird. Diese Operation kann im Gegensatz zum Schlauchmagen wieder rückgängig gemacht werden.

Heute kann Ilka Borsch nur noch ganz kleine Mengen essen. Früher hat sie vier bis fünf belegte Brote zu Abend gegessen, heute nur noch eine Scheibe. Mehr passt nicht mehr rein in ihren Magen. Kohlensäure verträgt sie nicht mehr, manche vertrügen kein Fleisch, sagt sie. Auch alles, was „schwer im Magen liegt“, wie Rohkost könne sie nicht mehr gut essen. Gewöhnt hat sie sich an diese Folgen der OP auch nach einem Jahr noch nicht. Bei Feiern würde sie manchmal gerne mehr essen. „Es dauert ein bisschen, bis der Kopf nachkommt“, sagt die 38-Jährige. Trotzdem bereut sie die OP nicht. „Ich habe jetzt wieder ein Leben“, sagt sie. „Ich kann mich wieder bewegen und regelmäßig Sport machen.“ Außerdem geht sie wieder aus, ins Kino, trifft sich mit Freunden — da habe sie vorher keinen Spaß mehr dran gehabt. „Das war ein Teufelskreis, den ich erst jetzt, mit 37 Jahren, mit der OP durchbrechen konnte.“

„Ich hatte noch keinen Patienten, der gesagt hat, ich bereue das“, sagt Blöchle. Viele hätten es durch die Behandlung zurück ins Erwerbsleben geschafft. Deshalb ärgert es ihn, dass es erhebliche Widerstände bei den Krankenkassen gebe, die Behandlung zu finanzieren. „Das Geld, das Kassen für Chirurgie ausgeben müssen, steht in keinem Verhältnis zu den Kosten für Begleiterkrankungen von Adipositas.“

Ilka Borsch hat schon 60 Kilogramm abgenommen, heute wiegt sie 125. 26 weitere sollen in den nächsten Jahren noch purzeln. „99 Kilo ist das Ziel. Das hatte ich zuletzt als Teenager.“ Sie möchte nun auch anderen helfen und hat vor ein paar Monaten die Leitung der Adipositas-Selbsthilfegruppe übernommen. „Ich kann nur jedem empfehlen, sich zu informieren“, sagt sie.

Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeden ersten Dienstag im Monat von 18 bis 20 Uhr im Konferenzraum 1 im Marienhaus Klinikum Eifel in Bitburg. Info unter
adipositasgruppe.bitburg@gmail.com