| 00:15 Uhr

Er ging für seinen Glauben in den Tod

Starb für seine Überzeugung: Dechant Kaspar Josef Zilliken. Fotos (3): Franz-Peter Zilliken; TV-FotoS (2): Maria Adrian (1); Recbecca Schaal (1)
Starb für seine Überzeugung: Dechant Kaspar Josef Zilliken. Fotos (3): Franz-Peter Zilliken; TV-FotoS (2): Maria Adrian (1); Recbecca Schaal (1) FOTO: (e_kultur
Prüm/Mayen/Dachau. Er bot den Nazis die Stirn und verlor dafür sein Leben: Vor 75 Jahren starb Dechant Kaspar Josef Zilliken aus Mayen im KZ Dachau. Von 1922 bis 1938 war er Priester in Prüm - und predigte dort gegen das Regime. Ulrike Löhnertz

Prüm/Mayen/Dachau Es ist der 27. Mai 1940. Ein schöner Tag. Deshalb besuchen Dechant Kaspar Josef Zilliken, Pfarrer von Wassenach, und sein Freund Johannes Schulz (1884 bis 1942), Pfarrer des Nachbarortes Nickenich, nach einem Abendspaziergang die Terrasse des Ausflugslokals "Waldfrieden" in Wassenach (heute Kreis Mayen-Koblenz). Ebenfalls dort zu Gast ist Hermann Göring.
Was Zilliken und Schulz ignorieren. Weder ein "Heil Hitler" noch ein anderer Gruß kommt ihnen über die Lippen. Damit ist ihr Schicksal besiegelt. Göring fühlt sich brüskiert, Zilliken und Schulz werden von der Gestapo noch am gleichen Abend verhaftet und kommen zunächst ins Gefängnis nach Andernach, wo mehrere Wochen lang Verhöre stattfinden. Damit beginnt ein Martyrium, das für beide mit dem Tod endet.
Zum 75. Mal jährt sich in diesem Jahr am 3. Oktober der Todestag des ehemaligen Prümer Dechanten. Ein Tag, an den Franz Peter Zilliken aus Treis-Karden sich gerne an seinen Großonkel erinnert. Für ihn war Kaspar Josef Zilliken ein besonderer Mann, "über den in der Familie viel gesprochen wurde".
Zu Recht. Denn Kaplan Zilliken, 1872 in Mayen geboren, durchschaut das antichristliche Unrechtsregime des Nationalsozialismus schon früh und nimmt es in seinen Predigten immer wieder ins Visier.
"Als wir Schüler des Prümer Regino-Gymnasiums im Jahre 1934 auf dem Kalvarienberg an einer Sonnenwendfeier teilnehmen und Lieder von ,Blut und Boden' singen mussten, da erklang mit einmal das Kampflied der Katholischen Jugend ,Christus, Herr der neuen Zeit' (...)". Es gab an unserer Schule Lehrer, es gab Priester, die uns die Unterscheidung der Geister ermöglichten. Zu diesen geraden Männern gehörte Josef Zilliken", berichtet Heinrich Schäfer 1985 in seinem Artikel "Opfer des Nationalsozialismus". Schäfer schreibt weiter: "Seine wuchtige Gestalt und unbeugsame innere Gesinnung drängten uns zum Vergleich mit dem Gestein, das Mayen und seiner Umgebung den Charakter gibt, dem Basalt." Schon im Priesterseminar in Trier habe man ihn achtungsvoll "das Pferd" genannt.
Anzeigen, Verurteilungen und immer neue Verhöre bei der Gestapo sind die Folge. Schließlich versetzt ihn der Trierer Bischof 1938 von Prüm nach Wassenach am Laacher See. Das ist bereits seine vierte Station im Berufsleben. Denn nachdem er in Trier Philosophie und Katholische Theologie studiert und am 26. März 1898 in Trier die Priesterweihe empfangen hat, ist er bis 1901 Kaplan in Sulzbach (Saarland), danach Pfarrer in Wolfersweiler (Kreis St. Wendel) und ab 1922 Pfarrer und Dechant von Prüm.
Die Versetzung nach Wassenach bringt den Nazis auch keine Ruhe. Denn dort findet Zilliken viele gleichgesinnte Priester. Und auch hier predigt er gegen das "Neuheidentum", wird überwacht und immer wieder mit Zwangsgeldern bestraft.
Den Widerstand wollen die Nazis ihm und Schulz austreiben. Am 14. Juni 1940 werden sie in das KZ Buchenwald und am 31. Juli ins KZ Sachsenhausen-Oranienburg überstellt. Hier werden sie geschlagen, getreten, bespuckt und auf vielfältige Art und Weise schikaniert und gequält. ´Zilliken wird sogar eine Holzkiste mit Ratten auf den nackten Bauch gebunden. Die Tiere sollen ihm in den Bauch fressen, was jedoch nicht geschieht.
Am 14. Dezember 1940 werden beide nach Dachau gebracht. Insgesamt waren während zwölf Jahren dort etwa 2700 Geistliche dort inhaftiert - im sogenannten "Priesterblock". Hier beginnt die Zeit schikanöser Strafexerzitien mit Stockhieben und Hunger. Zilliken scheint unbeugsam. Nachdem er schon vielen Mitbrüdern aus der Region die letzte Ölung und sie auf ihrem Sterbetag begleitet hat - sein Freund Johannes Schulz stirbt am 19. August 1942 - kommt auch für ihn am 3. Oktober 1942 der Tag der Erlösung.
Der Trierer Benediktinerpater und Mithäftling Maurus Münch, der 1945 aus dem KZ befreit wurde, schreibt: "Ehe er uns verließ, gaben wir ihm die letzte Ölung in der Kapelle. Wie ein Patriarch kam er mir vor, dieser auch im Angesicht des Todes noch so souveräne Mann. Ganz bewusst empfing er das Sakrament und umarmte jeden von uns, ehe er aus der Kapelle ins Revier getragen wurde. Am 3. Oktober gab er seine Seele in Gottes Hand."
Die Urne mit seiner Asche wird am 13. Oktober 1942 in einem Sterbeamt im Beisein von 60 Geistlichen und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Wassenacher Friedhof beigesetzt. In Wassenach gibt es noch den Grabstein auf dem Friedhof, auch hat man dort eine Straße nach ihm benannt. In Prüm erinnert ein Gedenkstein auf dem Friedhof an diesen mutigen Menschen.
Großneffe Franz Peter Zilliken freut sich, dass auch heute noch über seinen Vorfahren gesprochen wird. Er schreibt: "Pfarrer Ludwig Müller hielt einen Gedenkgottesdienst zu seinem Gedächtnis am 1. Oktober in der St.-Clemenskirche. In seiner beeindruckenden und ergreifenden Predigt legte er den Lebenslauf des Priesters dar. Er erinnerte weiter daran, dass das so Schreckliche wohl durch Gottes Fügung zu etwas Gutem führte."
So sei in Wassenach der heutige Bischof von Münster, Felix Genn, geboren und getauft worden sowie in Mayen der Trierer Bischof Stefan Ackermann geboren, der wie Josef Zilliken in St. Clemens getauft wurde. Beide enthüllten im August 2010 am Hotel Waldfrieden eine Gedenktafel zur Erinnerung an Josef Zilliken und Johannes Schulz
Auch in Trier gedenkt man Zilliken, Schulz und fünf weiterer Priester (siehe Info), die von den Nazis ermordet wurden: An sie erinnern seit 30. Mai 2005 die Stolpersteine vor dem Eingang des Bischöflichen Priesterseminars in der Jesuitenstraße, die von Gunter Demnig verlegt wurden. Auch Franz Peter Zilliken wünscht sich, dass die Erinnerung an seinen Großonkel wachgehalten wird: "Ich möchte, dass das nicht vergessen wird - gerade in der heutigen Zeit."

Quellen: Zeugen für Christus, Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, von Helmut Moll.
Burckard Neunheuser OSB, Zeugen für Christus bis ins Sterben hinein, in: Paulinus, Trierer Bistumsblatt, 29/1982.
Heinrich Schäfer: Opfer des Nationalsozialismus: Dechant Josef Zilliken, Pfarrer in Wassenach, in: Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler 1985.
Maurus Münch: Unter 2579 Priestern in Dachau. Zum Gedenken an den 25. Jahrestag der Befreiung in der Osterzeit 1945, Trier 1972.
Sandra Ost: Joseph Kaspar Zilliken, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon XXIV (2005).
Sandra Ost: Josef Kaspar Zilliken auf der Seite des Landschaftsverbands Rheinland, <%LINK auto="true" href="http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/Z/Seiten/JosefKasparZilliken.aspx" text="www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/Z/Seiten/JosefKasparZilliken.aspx" class="more"%> (2012)
Martin Persch: "Meine Zeit hier ist reich…". Die Trierer Märtyrerpriester im Konzentrationslager Dachau 1940 bis 1945, in: Kurtrierisches Jahrbuch 37 (1997), Seiten 157-182.
Martin Persch: Joseph Kaspar Zilliken, in: Helmut Moll (Hrsg.), Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, Paderborn 1999, Band 1, S. 584-587.
Albrecht Zutter/Richard Elsigk: Weil er Göring nicht grüßte. Das Schicksal des saarländischen Pfarrers Johannes Schulz, St. Ingbert 1995.
Extra: VERFOLGTE KIRCHENMÄNNER AUS DEM BISTUM TRIER


An sie erinnern seit 30. Mai 2005 Stolpersteine vor dem Eingang des Bischöflichen Priesterseminars in der Jesuitenstraße: Pfarrer Johannes Schulz, geboren am 3. April 1884 in Obervölk lingen, gestorben am 19. August 1942 im KZ Dachau. Dechant Josef Zilliken, geboren am 17. September 1872 in Mayen, gestorben am 3. Oktober 1942 im KZ Dachau. Kaplan Peter Schlicker, geboren am 12. März 1909 in Saarbrücken-Malstatt, gestorben am 19. April 1945 an den Folgen der Lagerzeit in Dachau. Pfarrer Joseph Bechtel, geboren am 18. Juli 1879 in Kinheim an der Mosel, gestorben am 12. August 1942 im KZ Dachau. Pfarrer Johannes Ries, geboren am 9. Juli 1887 im saarländischen Elversberg, gestorben am 4. Januar 1943 im KZ Dachau. Pfarrer Jakob Anton Ziegler, geboren am 15. Juni 1893 in Nalbach an der Saar, gestorben am 12. Mai 1944 im KZ Dachau. Pfarrer Wilhelm Caroli Wilhelm, geboren am 7. April 1895 in Saarlouis, gestorben am 23. August 1942 im KZ Dachau. Quelle: Zeugen für Christus, Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, von Helmut Moll.. <%LINK auto="true" href="http://thema.erzbistum-koeln.de/deutsches-martyrologium/verzeichnis_aller_martyrer" text="thema.erzbistum-koeln.de/deutsches-martyrologium/verzeichnis_aller_martyrer" class="more"%>

Diesen Zettel (Vorderseite, Foto links; Rückseite, Foto rechts) verteilte Josef Zilliken zu seinem Abschied aus Prüm 1938 unter den Gläubigen. Damals hat er bereits Anzeigen, Verurteilungen und Verhöre bei der Gestapo hinter sich.
Diesen Zettel (Vorderseite, Foto links; Rückseite, Foto rechts) verteilte Josef Zilliken zu seinem Abschied aus Prüm 1938 unter den Gläubigen. Damals hat er bereits Anzeigen, Verurteilungen und Verhöre bei der Gestapo hinter sich. FOTO: (e_kultur
FOTO: (e_eifel )
FOTO: (e_kultur
Im Gedenken an Johannes Schulz und Josef Zilliken liegen vor dem Priesterseminar Stolpersteine.
Im Gedenken an Johannes Schulz und Josef Zilliken liegen vor dem Priesterseminar Stolpersteine. FOTO: (e_eifel )
„Eine der markantesten Priesterpersönlichkeiten unter den Märtyrern des ,Dritten Reiches'“: So wird in der Prümer Basilika an Josef Zilliken erinnert.
„Eine der markantesten Priesterpersönlichkeiten unter den Märtyrern des ,Dritten Reiches'“: So wird in der Prümer Basilika an Josef Zilliken erinnert. FOTO: (e_pruem )