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Regionalentwicklung
Wo sind all die Amerikaner hin?

Und es gibt doch noch Leben in der Housing: Die Natur holt sich das Binsfelder Areal Stück für Stück zurück.
Und es gibt doch noch Leben in der Housing: Die Natur holt sich das Binsfelder Areal Stück für Stück zurück. FOTO: TV / Christian Altmayer
Spangdahlem/Binsfeld. Die Zahl der US-Soldaten, die in Spangdahlem stationiert sind, ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Das macht sich im Leerstand in den Gemeinden rund um die Air Base bemerkbar. Die Bürgermeister hoffen auf baldigen Nachschub aus Mildenhall. Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Wer in Spangdahlem ein Haus kaufen will, hat die Qual der Wahl. Soll es das „schöne gepflegte Einfamilienhaus“ sein, oder doch lieber das „außergewöhnliche Haus für die ganze Familie“? Die Auswahl an freien Eigenheimen rund um die Air Base ist groß auf den Immobilienportalen im Internet. Nur leider nicht die Nachfrage. So werden einige der Gebäude zu Spottpreisen zwangsversteigert, weil sich kein Käufer findet.

Der Leerstand, vor allem in den Ortskernen der Gemeinden, ist in den vergangenen Jahren größer geworden. Wer durch Spangdahlem, Binsfeld, Herforst oder Arenrath spaziert, sieht runter gezogene Rollläden, Briefkästen und Klingeln ohne Namensschild, Verkaufsschilder in den Fenstern.

Wie viele leerstehende Gebäude es rund um den US-Stützpunkt insgesamt gibt, scheint nicht bekannt zu sein. Auf Anfrage des TV können weder die Kreisverwaltungen Bernkastel-Wittlich und Bitburg-Prüm, noch die Verbandsgemeinden (VG) Wittlich-Land und Speicher, genaue Angaben machen. Klaus Rodens glaubt, dass einmal von 600 Leerständen in den Anrainergemeinden die Rede war. Und der Ortsbürgermeister von Spangdahlem kennt auch den Grund: „Es sind einfach viel weniger Amerikaner da.“

Und tatsächlich unterstehen dem 52. Jagdgeschwader derzeit nicht einmal mehr 10 000 Soldaten. Es ist der niedrigste Personalstand seit Langem. Und es wird damit gerechnet, dass die Truppenstärke auf der Eifel-Base in naher Zukunft weiter abnimmt. Zumindest solange, bis die 1200 neuen amerikanischen Militärs nach Spangdahlem kommen.

Nach aktuellem Stand wird die Verlegung einer Spezialeinheit aus dem britischen Mildenhall aber noch bis 2024 auf sich warten lassen. Manche Beobachter, wie der Aktivist Günther Schneider, gehen sogar davon aus, dass es womöglich überhaupt nicht zum Umzug kommt. Das Gerücht kursiert seit Monaten. Inzwischen mache es aber auch auf dem Flugplatz die Runde, meint der Binsfelder.

Die Ortskerne: Manfred Rodens rechnet hingegen noch immer fest mit der Ankunft der Truppen und ihrer Familien. Und darauf hofft der Bürgermeister der VG Speicher auch. Denn der Leerstand ist rund um die Töpferstadt fast überall sichtbar. Es gebe zwar genügend Wohnungen, sagt Rodens, aber nicht die richtigen. Auch nicht für die wenigen Amerikaner, die noch da sind.

„Die wollen heute einen bestimmten Standard. Sie haben andere Ansprüche als früher“, sagt der VG-Chef. So bevorzugten die Soldaten inzwischen – übrigens genauso wie die meisten Deutschen –  moderne Einfamilienhäuser, die möglichst nicht im Ortskern liegen. In die Jahre gekommene Gebäude an den Hauptstraßen seien hingegen nur schwer an den Mann zu bringen.

Das bestätigt auch der erste Beigeordnete von Binsfeld, Werner Pitsch. Er schätzt, dass in seiner Gemeinde etwa 60 Gebäude leerstehen – die meisten davon im Ortskern.

Die Housing-Gelände: Wie sehr Angebot und Nachfrage auseinander klaffen können, zeigt sich aber  nirgendwo besser als in der ehemaligen Housing des Dorfes. Zwei ganz unterschiedliche Typen von Häusern flankieren den alten Basketballplatz in dem Ortsteil am Binsfelder Waldrand, in dem früher die Militärs wohnten.

Heute wirft hier keiner mehr Körbe. Die meisten der weißen Reihenhäuser sind verlassen, in den Briefkästen stapelt sich die Post, Putz bröckelt von den Wänden. Die Soldaten sind auf Anordnung des Pentagons 2010 ausgezogen und auch die meisten anderen Mieter (der TV berichtete).

Die Blocks stehen rechts des Spielfelds. Teils von Unkraut überwuchert, wirken sie wie aus der Zeit gefallen. Auf der linken Seite hingegen  sind die Art Häuser zu sehen, die sich viele junge Familien wünschen: hell, modern, quadratisch mit Garten und Balkon.

Doch sollte sich hier nicht langsam etwas tun? Die Münchener Aktiengesellschaft „GIEAG Immobilien AG“ hatte die ehemaligen Housing-Gelände in Speicher und Binsfeld doch vor einiger Zeit gekauft, um die Anlage umfassend zu sanieren und zu modernisieren. Im Frühjahr 2018 sollten die Arbeiten beginnen. Zu sehen ist davon bislang allerdings wenig – auch nicht in der Töpferstadt.

Hinter den Kulissen tue sich aber etwas, verspricht Vermarkter Heiko Jakobs. Es habe Workshops mit Politikern, Vereinen und Mietern gegeben. Dort seien Ansätze erarbeitet worden, die Stärken und Schwächen der Siedlung durchgesprochen worden, und so weiter.

Über die Planungsphase ist das Projekt also nicht hinaus – noch hat man sich offenbar nicht mal geeinigt, welche Bäume man pflanzen, welche Mülleimer man aufstellen und mit welcher Farbe man die Fassaden streichen will. Der Baubeginn verschiebt sich laut Jakobs auf den Herbst 2018. Dann sollen erstmal Spiel- und Sportplätze, etwa das angesprochene Basketballfeld, erneuert werden.

Da sei man in Herforst schon weiter, sagt Ortsbürgermeister Werner Pick. Die Siedlung in dem kleinen Ort im Speicherer Land wurde als eine der ersten von den Amerikanern aufgegeben. Entsprechend viel Zeit hatte man für die Vermarktung. Die Wohnblocks seien inzwischen größtenteils verkauft oder vermietet, meint Pick. Allerdings nicht an Amerikaner, sondern an Deutsche.

Die Neubaugebiete: Und auch beim Bau von neuen Eigenheimen haben die Herforster in der Vergangenheit mitgemischt. Neubaugebiete auszuweisen – das scheint die einzige Möglichkeit zu sein, Nachwuchs in den Ort zu bekommen. Derzeit wollen auch Binsfeld und Preist neue Flächen für Eigenheime erschließen. Die Speicherer planen derweil die Vergrößerung des Neubaugebietes „Lermesbrück“.

Meist sind die Grundstücke schnell vermarktet. Wer sich die Einwohnerzahlen der Gemeinden, auch rund um die Base ansieht, bemerkt: die Dörfer wachsen trotz des Leerstandes. Am Ortsrand entstehen ganze Siedlungen, während die alte Bausubstanz innerorts verfällt.

Doch die Speicherer haben auch im Stadtkern einiges vor, wie VG-Bürgermeister Rodens sagt. Ein Teil des Geländes der ehemaligen Firma Plein-Wagner soll zu einem Wohnpark umgebaut werden. Amerikanische Soldaten wollen die Speicherer als Zielgruppe besonders ins Auge fassen. Wenn die Flugzeuge aus Mildenhall kommen, will Rodens ihnen in der Stadt etwas bieten können.

Die Konkurrenz: Er will verhindern, dass noch mehr US-Soldaten in andere Regionen abwandern. Denn längst lebten nicht mehr alle Amerikaner in den Dörfern seiner Verbandsgemeinde. Viele wohnten heute an der Mosel oder in Wittlich. Von dort aus seien sie über die Autobahn 60 ja auch schnell auf der Base. Die Zeiten, als Militärs sich nur wenige Kilometer vom Stützpunkt entfernt einmieten durften, sind vorbei.

Die Befürchtung, dass auch die Neuankömmlinge aus Mildenhall nicht in die Dörfer ziehen werden, sondern womöglich auf dem Flugplatz unterkommen, räumt eine Sprecherin des Stützpunktes aus: „Nur ein kleiner Prozentsatz der Truppen aus Mildenhall muss auf der Air Base leben.“

 Die restlichen 75 Prozent des Personals werden sich wie gewohnt auf den deutschen Wohnungsmarkt verlassen.

Wohnungen gibt es genug, nur nicht die richtigen: Ganze Straßenzüge in der ehemaligen Binsfelder Housing sind verlassen (links). In Spangdahlem stehen drei benachbarte Häuser zum Verkauf (rechts).
Wohnungen gibt es genug, nur nicht die richtigen: Ganze Straßenzüge in der ehemaligen Binsfelder Housing sind verlassen (links). In Spangdahlem stehen drei benachbarte Häuser zum Verkauf (rechts). FOTO: TV / Christian Altmayer
Wer hier klingelt, wird nicht gehört (links). Die Makler, die die Anzeige in dieses leerstehende Haus geklemmt haben (rechts), würden sich hingegen über ein Klingeln freuen.
Wer hier klingelt, wird nicht gehört (links). Die Makler, die die Anzeige in dieses leerstehende Haus geklemmt haben (rechts), würden sich hingegen über ein Klingeln freuen. FOTO: TV / Christian Altmayer
Bilder wie aus dem Ghetto einer Großstadt: In dieser Garage lagert jemand lieber Müll statt Autos.
Bilder wie aus dem Ghetto einer Großstadt: In dieser Garage lagert jemand lieber Müll statt Autos. FOTO: TV / Christian Altmayer
„Wohnungen gibt es genug, nur nicht die richtigen“: Ganze Straßenzüge in der ehemaligen Binsfelder Housing sind verlassen. In Spangdahlem stehen drei benachbarte Häuser zum Verkauf.
„Wohnungen gibt es genug, nur nicht die richtigen“: Ganze Straßenzüge in der ehemaligen Binsfelder Housing sind verlassen. In Spangdahlem stehen drei benachbarte Häuser zum Verkauf. FOTO: TV / Christian Altmayer
Wer hier klingelt, wird nicht gehört (rechts). Die Makler, die die Anzeige in dieses leerstehende Haus geklemmt haben (links), würden sich hingegen über ein Klingeln freuen.
Wer hier klingelt, wird nicht gehört (rechts). Die Makler, die die Anzeige in dieses leerstehende Haus geklemmt haben (links), würden sich hingegen über ein Klingeln freuen. FOTO: TV / Christian Altmayer
Eine Lösung für den Leerstand: Die VG Speicher will das Plewa-Gelände zum Wohnpark ummodellieren.
Eine Lösung für den Leerstand: Die VG Speicher will das Plewa-Gelände zum Wohnpark ummodellieren. FOTO: TV / Christian Altmayer