Reformer in den Weinbergen

Die Winzerszene verändert sich. Etliche Weingüter sind in neue, jüngere Hände übergegangen. Und in Serrig und Ockfen werden Flächen mit exotischen Reben statt Riesling bepflanzt.

Serrig/Konz Michael Schnur-Schmitt ist vor zwei Jahren schwer erkrankt. Knapp überlebte der Winzer eine Herzerkrankung. "Danach stellte sich die Frage, wie es mit unserem Weingut König Johann weitergeht", erinnert er sich im TV-Gespräch. Zunächst hatte er eine Weinberaterin eingestellt und wollte sich von dem Betrieb in Konz-Filzen trennen. Doch als ihm die "neue" Stilistik der Beraterin nicht gefiel, trommelte er den Familienrat zusammen. Für seine Kinder Dennis, Nicole und Sarah war es keine Frage. Sie wollten das Weingut halten und entschieden sich, in den Betrieb miteinzusteigen. Gemeinsam wurde - von den Anfangsbuchstaben der drei inspiriert - die Marke DNS entwickelt. "Wir setzen jetzt wieder komplett auf spontan vergorene Weine", sagt Dennis Schmitt. Der Jungwinzer setzt bei der Gärung also auf natürlich vorkommende Hefearten statt speziell gezüchtete Weinhefe zuzusetzen. Sein Handwerk erlernt er an der Hochschule Geisenheim in Hessen, wo er Weinbau und Önologie (Kellerwirtschaft) studiert. Dort bildet sich auch Felix Heimes. Er ist verantwortlich für den Ausbau der Weine. Dazu gehört alles, was zwischen dem Abschluss der Gärung und der Abfüllung geschieht, beispielsweise die Lagerung in speziellen Fässern. Heimes arbeitet im Serriger Weingut Würtzberg, das seine Familie vor einem knappen Jahr von Doktor Jochen Siemens übernommen hat (der TV berichtete). Siemens hatte im Sommer 2016 das Weingut aus Altersgründen verkauft (Info). Ludger Neuwinger-Heimes ist bei der weltweit aktiven Freudenberg-Gruppe, einem Technologieunternehmen für die Bereiche Finanzen, Informationstechnologie und Unternehmensübernahmen verantwortlich. "Wir wollen die beiden Lagen Herrenberg und Würtzberg mit ihrem jeweils typischen Lagen-Charakter setzen", sagt Felix Heimes, dessen beiden Geschwister ebenfalls im Weingut mitarbeiten.Christiane Wagner aus Saarburg hat bereits vor einigen Jahren das Familienweingut übernommen. Seit diesem Jahr bewirtschaftet sie auch eine der exponiertesten Lagen in Saarburg: den Laurentiusberg unterhalb der Laurentiuskirche. Josef Dienhart hat sich altersbedingt von einem Teil seiner Weinberge getrennt. "Der Laurentiusberg ist ein Wingert mit Geschichte und großem Potenzial", erklärt Christiane Wagner, während sie von einem Schieferfelsen aus auf die rund 1000 Rebstöcke blickt. Die Winzerin, die Mitglied im Verband der Prädikatsweingüter (VdP) ist, will die Lage mit den großteils wurzelechten Reben - meist ältere Gewächse, bei denen Wurzel und Zweige derselben Pflanze entstammen - von diesem Verband klassifizieren lassen.Wer zurzeit über die K 139 von Serrig in Richtung Greimerath fährt, sieht auf der anderen Seite des Serriger Bachtals große Veränderungen. Die Weinberge vor der früheren Weinbaudomäne (siehe Info) sind großflächig gerodet. Es laufen Vorbereitungen, die Flächen mit neuen Reben zu bepflanzen. Die frühere, 22 Hektar - das entspricht der Größe von etwa 30 Fußballfeldern - große Weinbaudomäne hat 2016 Markus Molitor aus Bernkastel-Wehlen (Landkreis Bernkastel-Wittlich) von Eric Le Moguen erworben (der TV berichtete).Bewegung kommt auch in den Ockfener Geisberg. Hier werden zurzeit von Markus Molitor und Roman Niewodniczanski, Inhaber des Weinguts van Volxem inWiltingen, die Rebflächen bepflanzt. Beide hatten vor rund zwei Jahren die brachgefallenen Flächen von etlichen Eigentümern gekauft. Ihre damalige Vision war, eine der zu Beginn des 20. Jahrhunderts renommiertesten Lagen wieder wachzuküssen (der TV berichtete).Während die meisten Winzerbetriebe an der Saar weiter auf Riesling setzen, geht Helmut Plunien, Inhaber des Weinguts Vols in Ayl, mit einer jüngst neu bestockten Fläche im Wiltinger Schlangengraben einen anderen Weg. Er hat dort gemeinsam mit dem Weingut Rinke aus Mertesdorf im Ruwertal Cabernet-Sauvignon-Klone gepflanzt und setzt auf eine Umkehrerziehung. Dabei werden die Reben so befestigt, dass die Trauben später nach unten hängen. Abgeguckt hat er sich diese Idee vom Arbustum in Ayl. In der europaweit einzigartigen Versuchsfläche der Universität Freiburg wachsen die Weinreben zwischen Pappeln und Eichen. "Die Weine aus diesem Wingert sind fantastisch. Allerdings verzichte ich dann doch auf die Bäume in meinem Weinberg. Das würde die Arbeiten im Weinberg nur verkomplizieren", sagt Plunien.Um den Riesling dreht sich dann wieder fast alles beim Weingut Cantzheim in Kanzem. Dort hat Anna Reimann das ehemalige Weingutshaus des Prämonstratenserklosters Wadgassen (Saarland) zu einem Weingut umgebaut. Ihren ersten Jahrgang präsentiert sie am Samstag, 24. Juni, und Sonntag, 25. Juni. Zeitgleich ist in Rheinland-Pfalz der Tag der Architektur, an dem sich auch das Weingut beteiligt und besichtigt werden kann.KommentarMeinung

Mythos SaarweinDer Weinbau an der Saar erlebt zurzeit eine Renaissance. Er kann anknüpfen an die großen Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg, als Weine von der Saar teurer waren als die aus dem Bordelais. Zeichen hierfür sind Rekord-Preise, die beispielsweise Egon Müller vor zwei Jahren mit einer 2003er Trockenbeerenauslese erzielte, und die vom Weinkritiker Gault-Millau 2015 und 2016 ernannten Winzer des Jahres Florian Lauer (Ayl) sowie Hanno und Dorothee Zilliken (Saarburg). Es sind aber nicht nur diese Höchstleistungen, die den Saarwein pushen. Es sind sowohl junge wie erfahrene als auch mutige Winzer, die ihr Herz für die Steillagen am längsten Nebenfluss der Mosel entdeckt haben. Mit Leidenschaft setzen sie sich für die Kulturlandschaft ein und bauen so am Mythos Saarwein mit. saarburg@volksfreund.deExtra: ABLEGER DER TRIERER DOMÄNE

Die Staatliche Weinbaudomäne Trier wurde 1896 auf Initiative des Agrarwissenschaftlers Hugo Thiel (1839-1918) gegründet. Als Modellbetrieb sollten rationelle Weinanbaumethoden gefördert und zu Fragen des Pflanzenschutzes geforscht werden. Zur Weinbaudomäne Trier (im Besitz des Landes Rheinland-Pfalz) gehörten ursprünglich auch die Domänenweingüter in Ockfen und Serrig. 1977, nach der Fusion der Domäne mit der Landes-Lehr- und Versuchsanstalt, wurden die Lagen Serrig und Ockfen privatisiert.Extra: EINSTEIGER INVESTIEREN AN DER MOSEL

(nhl) Viele alteingesessene Winzer können ihr Handwerk aus Altersgründen nicht mehr ausüben. Weil ihnen der Nachwuchs fehlt, müssen sie ihren Betrieb aufgeben. Gleichzeitig gibt es immer mehr Quereinsteiger, die sich den Traum vom eigenen Weinberg erfüllen (der TV berichtete am Montag). Günther Jauch (Weingut Othegraven, Kanzem) oder Heidi Klums Vater Günther Klum (Weinberg Güntherslay, Piesport) sind prominente Beispiele. Auch für ausländische Investoren ist die Region attraktiv. So kauften Chinesen den Ürziger Mönchhof.