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Sieben Nationen in einem Sprachkurs

Sieben Nationen in einem Sprachkurs

Nepal, Georgien, Mexiko - im Saarburger Sprachkurs für Au-Pairs (siehe Extra) treffen alle möglichen Nationalitäten aufeinander. Oft geht es dort lustig zu. Wenn die Teilnehmer über die Unterschiede zwischen Deutschland und ihrer Heimat berichten, wird es aber auch mal ernst.

Saarburg. Dienstag, 10 Uhr, Sprachkurs für Au-pairs und andere Deutsch-Interessierte in der Volkshochschule Saarburg. Heute geht es nicht um Grammatik. Beim TV-Besuch stehen die Teilnehmer und ihre Geschichte im Mittelpunkt. Die zierliche Khaira stellt sich vor: "Ich bin 22 Jahre alt und Au-pair in Saarburg. In Indonesien habe ich als Hebamme gearbeitet, das würde ich auch gerne hier tun."
Dozentin Eugénie Gauer van Lent greift das ungewöhnliche Wort auf und fragt in die achtköpfige Runde: "Weiß jeder, was eine Hebamme ist?"Einige nicken, andere rätseln. Die rothaarige Pauline, eine Französin mit zupackendem Charme, versucht sich an einer Erklärung. Sie sagt: "Ach so, du machst …" und zieht mit ihren Händen einen imaginären Säugling flott aus dem Mutterleib. Alle lachen, alle haben nun verstanden. Gelacht wird viel in dem Sprachkurs im kargen VHS-Raum, den Eugénie Gauer van Lent in ihrer herzlichen Art leitet. Einmal pro Woche kommen die Teilnehmer, die sich der Einfachheit halber alle duzen, von 9 bis 12 Uhr zusammen, um ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen.

Die Indonesierin: Ob Khaira tatsächlich einmal in Deutschland als Hebamme arbeiten kann - eventuell nach einer erneuten Ausbildung - steht in den Sternen. Als Angehörige eines Nicht-EU-Staates benötigt sie dafür einen Aufenthaltstitel, der das Arbeiten gestattet. Dafür wiederum braucht sie die Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit. Als Au-Pair muss sie sich um solche Dinge nicht kümmern. Was Khaira in Deutschland fehlt, sind scharfe Speisen und Reis. Zu Hause isst sie meistens pikant. Dennoch mag sie deutsche Currywurst und Schnitzel. Was auch anders ist in Indonesien: Zwar können Frauen entscheiden, was sie machen, aber ein Zusammenleben mit einem Mann vor der Ehe wäre undenkbar.

Die Französin: Die meisten Schüler im Sprachkurs von Eugénie Gauer van Lent sind Au-pairs. So verschieden ihre Kulturen, so unterschiedlich sind auch ihre Beweggründe für den Kurs und ihre Wahrnehmung Deutschlands. Die 22-jährige Pauline, Au-pair in Wincheringen, reist gerne und steuert einen Job in der Tourismusbranche an. Die Französin, die deutsche Brezeln und deutschen Quark liebt, erhofft sich von ihren neu erworbenen Sprachkenntnissen bessere Chancen in der Branche. "In Frankreich ist es schwierig, Arbeit zu finden", sagt sie.

Die Georgierin: Die gleiche Erfahrung hat Ketevan in ihrer Heimat Georgien gemacht. "Heute hast du Arbeit, morgen hast du keine", sagt die 23-Jährige, Au-pair in Fisch. Sie will in Deutschland Wirtschaft studieren. In ihrer Heimat sei es schwierig, Praxis zu erlernen und Praktika zu absolvieren. Es gebe wenige Firmen. Was ihr in Deutschland auffällt: Alle machen Sport. In Georgien hätten die Menschen dafür keine Zeit. Dort werde auch sonntags gearbeitet, an diesem Tag seien auch die Geschäfte offen.

Die Mexikanerin: Ein Uni-Diplom hat Renata aus Mexiko-City, die als Au-pair in Körrig arbeitet, schon in der Tasche. Sie hat Grafikdesign studiert und in Mexiko ein Jahr lang in ihrem Beruf gearbeitet - manchmal von 9 Uhr morgens bis drei Uhr nachts. "Für ein Taschengeld", sagt sie. Das habe nur funktioniert, weil sie bei den Eltern gelebt habe. "Aber ich möchte selbstständig sein", sagt Renata. Sie würde gerne in Deutschland bleiben, auch wenn ihr Vater sie vermisst und bittet, nach Hause zu kommen. Ob es klappt, ist auch bei Renata unklar. Für sie ist im Übrigen das deutsche Frühstück mit Brot und Käse etwas trocken. In Mexiko isst sie morgens schon warme Gerichte mit Bohnen und Käse. Dennoch mag sie deutsches Brot (in Mexiko gibt es nur Toastbrot) sowie Rouladen, Knödel, Sauerkraut.

Die Nepalesin: Die sonst recht zurückhaltende Bhawana mit langen dunklen Haaren und Nasenring spricht an diesem Tag laut Dozentin erstmals recht viel. Nach Worten ringend - mit dem Deutschen kämpft sie noch etwas - skizziert sie eine fremde Welt: Nepal. Dort gebe es noch Kasten. Bei ihr zu Hause würden ihre Eltern über ihr Leben entscheiden. Sie würden bestimmen, wen sie zu heiraten habe und was sie lernen solle. Das Leben in Deutschland hingegen sei frei, alle könnten alles selbst entscheiden. Das sei viel besser. Ihre Eltern würden nicht viel davon halten, dass sie in Deutschland sei. Als die 24-Jährige berichtet, dass sie nur wenig Kontakt zu ihnen habe, kommen ihr die Tränen. Eugénie Gauer van Lent nimmt sie in den Arm, tröstet sie. Alle sprechen Bhawana Mut zu. Pauline bietet ihr gar an, sie solle doch zu ihren Eltern kommen, dort könne sie tun, was sie wolle. Bhawana fängt sich wieder. Sie wolle selbstständig leben, etwas lernen und dann ihren Eltern zeigen, was sie erreicht habe, sagt sie.

Die Kanadierin: Die Kanadierin Géraldine (24), Au-pair in Orscholz, ist ebenfalls hin- und hergerissen wegen ihrer Eltern. Aber ihre Situation ist ganz anders als die von Bhawana. Der Vater ist gebürtiger Franzose, die Mutter stammt aus der Dominikanischen Republik. Wegen der Kinder sind die Eltern von der Domrep nach Kanada gezogen. Die Mutter vermisst ihre Tochter sehr, in ihrer Heimat ist Familie sehr wichtig. Doch Géraldine würde gerne erstmal in Deutschland bleiben. Sie hat in Kanada und Mannheim angefangen, Deutsch zu studieren.
Die Dozentin: Die Frauen hören einander während der ganzen Zeit aufmerksam zu. Nur Dozentin Eugénie Gauer van Lent unterbricht den Redefluss gelegentlich, um Fehler zu korrigieren. Am Ende lobt sie alle dafür, dass sie an diesem Tag so viel und gut gesprochen haben. Im Rückblick sagt die gebürtige Niederländerin: "Es war schön an diesem Tag, und beim nächsten Mal wollten sie wieder, dass jede von ihrer Heimat erzählt." Da Khaira an diesem Tag Geburtstag hatte, seien Geburtstagsbräuche Thema gewesen.
Seit 2009 leitet Gauer van Lent die Sprachkurse für Au-pairs. Sie meint: "Es geht hier nicht nur um Sprache. Der Austausch auch über Probleme ist wichtig für die jungen Frauen." Für diejenigen, die auf Dörfern lebten, sei es oft der einzige Tag, an dem sie rauskämen. Einige der Frauen hätten sich angefreundet. Für sie selbst sei es immer wieder interessant, Menschen aus so vielen verschiedenen Kulturen und Ländern zu begegnen, die sich noch dazu meist gut verstünden. Gauer van Lent: "Das ist ein gutes Zeichen für die Völkerverständigung."Extra

Sieben Nationen in einem Sprachkurs
Foto: (h_sab )
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Foto: (h_sab )
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Foto: (h_sab )
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Au-pair (französisch für Gegenseitigkeit) ist die Kurzform von Au-pair-Mädchen oder -Junge. Dabei handelt es sich um junge Erwachsene, die gegen Verpflegung, Unterkunft und Taschengeld bei einer Gastfamilie in der Regel im Ausland tätig sind, um dort Sprache und Kultur des Gastlands kennenzulernen. Hauptaufgabe für Au-pairs ist die Kinderbetreuung. Zudem wird in der Regel erwartet, dass leichte Hausarbeiten übernommen werden. Der Anteil der Hausarbeiten sollte maximal die Hälfte der gesamten Arbeitszeit ausmachen. Au-pairs und Gastfamilien finden sich über Internetseiten wie <%LINK auto="true" href="http://www.aupairworld.com" text="www.aupairworld.com" class="more"%> oder mit Hilfe von Agenturen, die dann auch bei dem Beschaffen eines Visums und Ähnlichem behilflich sind. mai