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Biedermann auf dem Weg zur Hölle

Biedermann auf dem Weg zur Hölle

Ein Biedermann wird zum Verbrecherfürsten: Die US-Serie "Break- ing Bad" zeigt die Wandlung eines Familienvaters zum Herrscher eines Drogenimperiums. Das preisgekrönte Drama bestätigt die Veränderungen im Filmgeschäft: Das beste Kino bietet nicht mehr die Leinwand, sondern die Fernsehserie. Das deutsche Publikum fiebert dem Finale entgegen.

Walter White ist ein guter Mann. Wenn man ihm überhaupt etwas vorwerfen wollte, dann seine extreme Korrektheit in allen Dingen und möglicherweise ein zu hohes Maß an Biederkeit. Er ist dem Anschein nach ein typischer Normalo in Albuquerque/New Mexico, untergehend in der Masse anderer Normalos. Niemand hätte je Notiz von ihm genommen, hätte er nicht die furchtbare Nachricht erhalten. Krebs.
Damit beginnt das Drama, das der amerikanische Bezahlsender AMC seit 2008 erzählt und das auch in Deutschland enorm beliebt ist. Das große Finale erschütterte in den USA Millionen Fans, in Deutschland steht es noch aus. Hier läuft die Serie auf Arte und RTL Nitro.Meisterhaft gespielt


"Breaking Bad" - sinngemäß übersetzt bedeutet das "böse werden" oder "auf die schiefe Bahn geraten". Genau das widerfährt dem von Bryan Cranston meisterhaft gespielten Walter White. In 62 Folgen und damit 2920 Filmminuten erreicht die Serie ein Ziel, an dem Filmprojekte scheitern, weil sie schlicht viel zu wenig Zeit haben: die glaubwürdige und überzeugende Änderung eines Menschen. Cranston spielt den liebevollen Ehemann und Vater ebenso überzeugend wie den Verdammten, in den der Biedermann sich langsam verwandelt. Dreimal erhielt Cranston dafür den Emmy, den wichtigsten Fernsehpreis der USA, als bester Hauptdarsteller.
Action gibt es kaum, ab und zu fallen Schüsse. Dafür erreichen die Dialoge der Serie eine Intensität, die der Fernsehzuschauer normalerweise nicht kennt. Walter White beschließt nach seiner Krebsdiagnose den Einstieg ins Drogengeschäft, um damit bis zu seinem Tod ein Vermögen zu machen, das seine Frau und seinen an einer Behinderung leidenden Sohn versorgt. Zusammen mit dem Junkie Jessie Pinkman (ebenfalls grandios: Aaron Paul) beginnt der frühere Forscher und jetzige Chemielehrer White, die synthetische Droge Methamphetamin - im Jargon Crystal Meth - zu "kochen". Da er einerseits Chemieprofi ist und andererseits an diese Produktion mit der für ihn typischen Ordnung und Penibilität herangeht, kommt dabei eine Variante des Crystal Meth heraus, deren Reinheit und Qualität alles andere auf dem Markt übertrifft.
Der Biedermann entdeckt in sich ein Talent für Mord, Intrigen und das Führen eines Drogenimperiums, verfällt der Lust an der Macht über Leben und Tod und beschreitet den Pfad zur Hölle, während um ihn herum alles zerbricht. Das Ende der Serie wird in den USA und in Deutschland von den Fans, die es auf DVD oder im Bezahlfernsehen bereits gesehen haben, als schockierend, konsequent und grandios gefeiert. Noch gibt es auf Arte keinen konkreten Sendetermin.Meinung

Serien sind das bessere Kino
Die Erkenntnis gab es bereits in den 80ern: Serien sind das bessere Kino. Hätte man aus Dallas damals keine Serie, sondern nur einen Film gemacht, wäre Larry Hagmanns geniale Bösartigkeit in der Rolle des J. R. Ewing kaum zur Legende im Filmgeschäft geworden. Dennoch brauchte die Filmindustrie lange, diesen Weg konsequent weiterzugehen. Die Welt der Serien wurde lange von repetitivem und belanglosem Blödsinn geprägt. Ausnahmen wie Seinfeld, Akte X oder die Sopranos waren rar. Das hat sich gewaltig geändert. Heute feiert die Filmwelt die Dramatik in "Breaking Bad", den schwarzen Humor in Dexter oder den neurotischen Witz in How I met Your Mother. j.pistorius@volksfreund.de