Durchgeknallt unterm Rettungsschirm

Luxemburg · Die Welt ist ein durchgedrehter Finanzplatz. In der Luxemburger Banannefabrik hatte das schwarz-humorige Stück "Aber sicher" der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek Premiere. Die gelungene Inszenierung ist eine Produktion des Theaters Trier im Rahmen des Festivals Maximierung Mensch.

 Sabine Brandauer (links) und Vanessa Daun glänzen in ihren Doppelrollen - hier als Versicherungsangestellte. Foto: Marco Piecuch

Sabine Brandauer (links) und Vanessa Daun glänzen in ihren Doppelrollen - hier als Versicherungsangestellte. Foto: Marco Piecuch

Luxemburg. Sie kann so herrlich österreichisch böse sein. Einmal mehr hat sich Elfriede Jelinek die Macht des Kapitals und seine Folgen, den "Finanztsunami", vorgenommen. "Aber sicher" heißt das Stück, das im Nachgang zu Jelineks Wirtschaftskomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" entstanden ist. Eigentlich handelt es sich nur um eine atemlos vorgetragene Litanei, deren Gereimt- und Ungereimtheiten sich, wie eine auf Hochgeschwindigkeit gestellte Gebetsmühle, um sich selbst drehen.
Wir alle sind "unsehend sehend", erfahren wir, Selbstmörder ohne es zu wissen. Und im Übrigen ist die Welt eine große Klapsmühle ( das Wort bietet sich wegen der Dreherei an), beherrscht von der Macht der Banken und ihren absurden Geschäften mit dem Nichts, das die Versicherungen ihrerseits rückversichern. Wenn dann alles zusammenbricht, kommt der Staat und spannt seinen Rettungsschirm auf, selbstredend nur für die Banken und auch das ordnungsgemäß versichert. Wobei der Versicherungsfall nie eintritt, weil hier das Nichts mit dem Nichts Geschäfte macht, was unterm Strich nichts ergibt. Als Referenz für all die irre Blindheit muss König Ödipus her. Rosa Luxemburg kommt dagegen nicht zu Hilfe, nicht mal als Leiche, dafür wird die Autorin eingeblendet.
Ganz schwindlig kann einem bei Jelineks Wirtschaftslogik werden. Macht aber nichts, und verstehen muss man das Ganze auch nicht unbedingt. Dafür hat man jede Menge Spaß, durchaus auch Einsichten, bei Judith Kriebels flotter, temporeicher Inszenierung (Dramaturgie Sylvia Martin), die allerdings sensibel genug ist, dass einem immer wieder das Lachen im Hals steckenbleibt. Gleich zu Beginn liegt Matthias Stockinger als blinder Obdachloser (ein Bankenopfer und selbst geblendeter Seher, wie sich später herausstellt) so überzeugend draußen vor dem Mülleimer, dass man drauf und dran ist, den Krankenwagen zu rufen. "Wer kein Geld für Kultur hat, ist auch politisch am Ende", holt einen ein Plakat an der Tür und in der Gegenwart ab. Drinnen empfängt einen Stockingers Wut. Auf der schwarzen Bühne (Büho/5914, Kostüme Carola Vollath) gibt der tropfende Wasserhahn den Takt an. Dann geht es ohne Pause los, mit szenischen Einlagen immer im Kreis herum.
Opfer und Täter, vor allem aber ein hinreißender Komödiant ist Jan Brunhoeber als "Bank". Christian Miedreich gibt einen "Staat", der sich auf die große Klappe genauso wie auf die leisen Töne versteht, anrührend kindlich ist Daniel Kröhnerts "Bote". Umwerfend: Sabine Brandauer und Vanessa Daun in ihren Doppelrollen als Versicherungstussis mit Callcenter-Stimme und als abgedrehte Pathologinnen in Tatort-Manier.
Allesamt ein Team, das vielfarbig komisch ist, weshalb es auch immer rechtzeitig die Kurve kriegt, bevor das Stück in Klamauk abdriftet. Genau das Richtige für einen Sommerabend. Schade, dass nur etwa 20 Leute bei der Luxemburger Premiere waren. Womöglich hat man dort genug vom Bankspektakel. Dafür ist die Trierer Premiere am Freitag ausverkauft.
Die Trier-Premiere ist am Freitag, 21. Juni, um 20 Uhr im Studio des Theaters (ausverkauft). Weitere Aufführungen am 30. Juni, 3., 6., 10. und 13. Juli, jeweils 20 Uhr. Karten an der Theaterkasse, Telefon 0651/7181818, und auf www.theater-trier.de

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