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Ein aussichtsloses Leben

Ein aussichtsloses Leben

Zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren wieder ein Horváth-Stück auf der großen Bühne des Trierer Theaters: Das wurde Zeit. Auch wenn die neue Produktion von "Glaube Liebe Hoffnung" mancherlei Fragezeichen hinterlässt.

Trier. "Ich habe den Kopf nicht hängen lassen." Ein ums andere Mal wiederholt Elisabeth diesen Satz. Wie ein Mantra. Vertreterin war sie, doch ihr fehlte der notwendige Gewerbeschein. Sie bekam eine Geldstrafe, verlor ihren Job, geriet in die Mühlen der Bürokratie. Keine Genehmigung, kein Verdienst, kein Geld. Kein Geld, keine Genehmigung, kein Verdienst. Der Versuch, den Körper schon zu Lebzeiten an die Anatomie zu verkaufen, scheitert.
Ein verpfuschtes Leben


Prostituieren will sie sich nicht, eine gutbürgerliche Existenz ist nicht mehr möglich, seit sie aufgrund einer kleinlichen Intrige vom Gericht wegen Betrugs verurteilt worden ist. Ein verpfuschtes, aussichtsloses Leben. Obwohl sie immer um ihr Glück gekämpft hat. Ihr Irrglaube, wer den Kopf nicht hängen lasse, der habe auch immer eine Chance, endet erst mit ihrem Tod.
Ödön von Horváths Stücke sind düster. Sie beschreiben den aussichtslosen Kampf eines Einzelnen gegen die fratzenhafte Ignoranz der Umgebung, gegen die herrschenden Verhältnisse, gegen die Regeln einer hierarchischen Gesellschaft. Sie skizzieren das Scheitern von Menschen, die vom Leben mehr erwarten, als dass es irgendwie erträglich ist.
Das funktioniert nur, wenn man Empathie für die Helden entwickeln kann. Horváth lebt von der Reibung zwischen ihrem Leiden und der grotesken Selbstgefälligkeit all derer, die auf der Gewinnerseite stehen.
Das ist das Problem der Trierer Inszenierung von Charles Muller. Er lässt die Akteure in einer fast brechtischen Versuchsanordnung herumkrabbeln, kühl, distanziert und auf das Minimalste verknappt. Die Figuren rücken einem nicht auf den Leib, bleiben auf Distanz. Was bewegend sein müsste, lässt kalt, und was grotesk sein müsste, wirkt wie eine flache Parodie. Der Zuschauer bleibt Analytiker, wird nicht Betroffener.
Das macht die Sache schwer für Fabienne Elaine Hollwege in der Hauptrolle. Elisabeths naive Annahme, man müsse an sein Glück nur glauben, dann stehe es einem auch zu, kommt geradezu pene-trant daher. Erst am Ende, wenn sie taumelnd, desillusioniert, kaputt auf der Polizeiwache stirbt, darf sie mitreißend sein - was ihr großartig gelingt.
In der Schlussszene traut sich Muller dann auch, die Absurdität auszuspielen, den scharfen Kontrast zwischen dem elenden Ende der Hauptfigur und den grotesk-komischen Funktions- und Amtsträgern drumherum. Es darf gelacht werden - bis einem das Lachen im Hals stecken bleibt.
Was an diesem Abend den mit Abstand stärksten Eindruck hinterlässt, sind die Bilder, die Muller und sein Bühnenbildner Helmut Stürmer (Kostüme: Kathelijne Schaaphok) erzeugen, wenn die Oberflächen-Handlung anhält. Wenn sich die halbdurchsichtigen Kulissen bewegen wie in einem Schattenspiel, wenn die Figuren wie Scherenschnitte stumm über die Bühne gleiten, wenn achtsam ausgewählte Musik zum Nachdenken und Nachfühlen einlädt. Das berührt mehr als die abgespielte Handlung.
Konzentrat einer Katastrophe


Das Ensemble legt sich mächtig ins Zeug, vor allem Tim Olrik Stöneberg, Klaus-Michael Nix und Christian Miedreich als skurriles Präparatoren-Trio in der Anatomie. Jan Brunhoeber sorgt als Elisabeths Verlobter für eine menschliche Komponente, Manfred-Paul Hänig und Daniel Kröhnert sind in Mehrfach-Rollen präsent. Zu den Frauenrollen (Sabine Brandauer, Alina Wolff, Friederike Majerczyk) sind der Regie leider überwiegend nur flache Klischees eingefallen.
Dem Publikum im zu drei Vierteln besetzten großen Haus scheint die verknappte, das Stück als Konzentrat auffassende Erzählweise gut gefallen zu haben: Nach eineinhalb pausenlosen Aufführungsstunden gab es mächtigen Jubel.
Die nächsten Aufführungen: 14., 23., 27. 5.; 6., 14., 22., 26. 6.; 4. 7.; Kartentelefon: 9651/718-1818.