"Es gibt nur zwei Motive: Geld und Liebe" - Interview mit "Wilsberg"-Krimiautor Jürgen Kehrer

"Es gibt nur zwei Motive: Geld und Liebe" - Interview mit "Wilsberg"-Krimiautor Jürgen Kehrer

Ein bisschen was haben Jürgen Kehrer und seine berühmteste Figur gemein: Sie haben in Münster studiert und sind irgendwie dort geblieben. Der eine wurde Journalist, später Krimiautor, der andere Anwalt, später Privatdetektiv. Jürgen Kehrer ist der geistige Vater der beliebten Roman- und Serienfigur Wilsberg.

Im TV-Interview sprach der 61-Jährige mit Redakteurin Stefanie Braun über gute Motive, gute Figuren und eine gute Sprache zum Morden.

TV: Herr Kehrer, wie sind Sie denn überhaupt zum "Morden" gekommen?
Jürgen Kehrer: Ich habe in Münster Diplom-Pädagogik studiert und nach dem Studium zusammen mit anderen ein Stadtmagazin gegründet, bei dem ich über zehn Jahre gearbeitet habe. Auf die Krimis kam ich über den Journalismus, ich habe Prozessberichte geschrieben und mich mit historischen Kriminalfällen in Münster beschäftigt. Und irgendwann hatte ich dann Lust, selbst einen Krimi zu schreiben.

Von der Pädagogik hin zum Krimi ist es aber ein weiter Sprung, oder?
Kehrer: Ich glaube, dass Kriminalromanschreiben auch eine Beschäftigung mit der Gesellschaft und deren Problemen ist. Ich bin kein Freund von blutrünstigen Szenarien, in meinen Romanen spritzt kein Gehirn an die Wand oder Ähnliches. Mir kommt es auf Hintergründe an, erzählt mit einer Portion Ironie. Das ist ja auch bei meiner Serienfigur Wilsberg so, dass nicht alles furchtbar ernst genommen wird.

Wie sind Sie denn auf die Figur des Wilsberg gekommen?
Kehrer: Das war nicht mein erster Einfall, muss ich zugeben. Meine ersten Krimiideen spielten auch gar nicht in Münster, zu der Zeit war der Lokal-Krimi noch nicht so weit verbreitet. Damals habe ich Münster für viel zu harmlos und bieder gehalten, als das man da eine Krimiserie ansiedeln könnte. Ich merkte aber, als ich Krimis schrieb, die in Berlin oder sonstwo spielten, dass mir einiges fehlte, vor allem die Atmosphäre der Stadt. So bin ich auf Münster gekommen. Meine damaligen Lieblingskrimis waren die amerikanischen Privatdetektivromane, deswegen habe ich mich für einen Privatdetektiv entschieden. Wilsberg ist aber nicht nur Privatdetektiv, sondern eben auch ein typischer Münsteraner, der seinen Job quasi nebenberuflich - im Hauptberuf ist er ja Antiquar - erledigt. Die Fälle, die Wilsberg löst, sind erheblich harmloser als das, was sich in amerikanischen Romanen abspielt, angepasst an die eher friedliche Dom- und Universitätsstadt Münster.

Jetzt ist Wilsberg eine recht ungewöhnliche Figur - was reizt Sie an dieser?
Kehrer: Es gibt relativ wenige Romane mit Privatdetektiven in Deutschland. Bevor ich angefangen habe zu schreiben, habe ich mich über Privatdetektive in Deutschland informiert, habe recherchiert und mit ihnen darüber gesprochen, was ihre Arbeit ausmacht. Zum Teil ist das also schon realistisch, was in meinen Büchern steht. Gereizt hat mich, dass ich mit Wilsberg eine Figur hatte, mit der ich frei war, auch im moralischen Sinn, die ich überall hinschicken konnte. Mit einem Polizeibeamten als Figur wäre ich eingeschränkter gewesen.

Wie erklären Sie sich die Beliebtheit der Figur, auch die Fernsehserie läuft ja schon seit 1995. Dabei gibt es ja wahrlich genug Krimis in Deutschland.
Kehrer: Ich glaube, den Reiz der Figur macht aus, dass sie für deutsche Fernsehverhältnissse eher ungewöhnlich ist. Dass sie keine vorgestanzte Figur ist, wie es sie zu Dutzenden gibt. Oft wird aus wenigen Eigenschaften eine Figur zusammengezimmert, das ist eben das Brotgeschäft vieler Autoren. Wilsberg ist vielleicht authentischer. Man kann sich vorstellen, dass so jemand tatsächlich in Münster lebt, ein Wesen aus Fleisch und Blut. Inzwischen besuchen viele Touristen das Antiquariat in Münster, in dem Wilsberg arbeitet, es gibt also sogar einen Ort, an dem man ihm nahe sein kann.

2007 haben Sie die Wilsberg-Romane eingestellt, 2015 kam dann noch mal ein Buch - Hatten Sie 2007 das Gefühl, dass die Fernsehserie die Bücher vom Markt verdrängt?
Kehrer: Ein bisschen hat es mir das Romanschreiben verleidet, dass Leser oft gefragt haben, warum es eine Figur im Roman nicht gibt, die im Fernsehen zu sehen ist - und umgekehrt. Ich wollte das nicht immer erklären. Romane und Filme hatten sich im Laufe der Zeit auseinander entwickelt und ich wollte dem Fernsehen nicht hinterher schreiben. Deswegen, dachte ich, wäre eine Pause ganz angebracht. Zum doppelten Jubiläum, also 25 Jahre Roman und 20 Jahre Fernsehserie, war's dann mal wieder an der Zeit für ein neues Buch.

Bei der Erfolgsgeschichte kann man sagen, Sie sind ein Krimiexperte - was braucht es für einen guten Krimi?
Kehrer: Es braucht eine gute Geschichte, interessante Figuren und vor allen Dingen einen guten Stil. Viele Bücher haben durchaus ein spannendes Thema und auch Figuren, die auf den ersten Blick interessieren, aber dann sind sie so schlecht geschrieben, dass man die Lust verliert. Bei Romanen und Kurzgeschichten ist Stil extrem wichtig. Ein eigener Stil, der einem nicht das Gefühl vermittelt, alles schon zehnmal gelesen zu haben. Im Krimi gibt es eigentlich nur zwei Tatmotive: Geld oder Liebe. Das muss man irgendwie variieren. Mich interessiert mehr, wie eine Geschichte geschrieben ist und mit welchen Figuren sie erzählt wird, als wer es nun war und warum oder wo. Für den Buchmarkt spielt es allerdings eine große Rolle, wo ein Krimi angesiedelt ist. Da war die Eifel mit Jacques Berndorf einer der Vorreiter des Regionalkrimis.

Als Jurymitglied des KurzkrimiPreises - welche Arten von Krimi, glauben Sie, werden zur Bewertung auf Ihrem Schreibtisch landen?
Kehrer: Natürlich möchten wir Krimis mit Eifelbezug, aber wenn man Hunderte von Geschichten bekommt, sucht man immer etwas Originelles. Also wenn ich beispielsweise die zehnte Geschichte lese, in der eine Frau ihren Mann mit Gift umbringt, weil der nicht die Spülmaschine ausräumt, dann weiß ich schon, dass das nicht der Gewinner sein kann. Originalität ist das A und O. Das muss aber nicht bedeuten, dass man sich einen besonders abstrusen Mord einfallen lässt, sondern das kann auch die Sprache sein. Dass der Autor eine ganz eigene Sprache für seine Geschichte gefunden hat.

Haben Sie schon viele Einsendungen bekommen?
Kehrer: Die Einsendungen sind zurückgegangen, vor vier Jahren haben wir noch 400 Geschichten bekommen, vor zwei Jahren 200. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass diejenigen, die sich öfter beteiligt haben und nicht in die engere Auswahl kamen, irgendwann aufgegeben haben. So groß ist der Nachwuchs in Deutschland nicht, dass sich jedes Mal 400 neue Autorinnen und Autoren bewerben könnten.

Haben Sie Tipps für die Kurzkrimi-Autoren dieser Region?
Kehrer: Beherzigt die amerikanische Party-Regel: Enter late and leave early: Spät einsteigen und früh aufhören. Kurzgeschichten brauchen keine Vorgeschichte und keine Nachgeschichte, man möchte direkt im Geschehen sein. Alles, was die Leser wissen müssen, kann man während der Handlung erzählen. Ich möchte direkt mit dem ersten Satz gefesselt werden. Wenn man seine Leser mit den ersten Sätzen nicht erreicht, hat man sie schon verloren.

Wird in der Eifel anders gemordet als sonst überall?
Kehrer: Ich glaube, es gibt keine speziellen Krimiregeln für bestimmte Gebiete, was für die Eifel gilt, gilt auch für alles andere. Wir wollen gute Geschichten, wir wollen spannende Geschichten, die die Leser unterhalten. Wir möchten natürlich, dass die Geschichten in der Eifel spielen. Insofern achten wir darauf, ob die Schreiber sich in der Eifel auskennen, oder ob sie ihr Wissen aus dem Internet bezogen haben. Lokalkolorit geht darüber hinaus, dass man ein paar Fakten aufzählt. Schön ist, wenn man das Gefühl hat, die Figuren werden lebendig. Wir wünschen uns einfach die besten Geschichten, deshalb sind alle aufgerufen, die sich talentiert fühlen oder es tatsächlich sind.