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Miss Evolution und ihre Handtasche

Miss Evolution und ihre Handtasche

NEUERBURG. Der Mann und das Meer: Schon jetzt hat das neue Sachbuch von Frank Schätzing "Nachrichten aus einem unbekannten Universum" eine Verkaufswelle ausgelöst. Im Eifel-Gymnasium in Neuerburg nahm der "Schwarm"-Autor im Rahmen des Eifel-Literatur-Festivals seine Zuhörer mit auf eine kurzweilige Zeitreise durch die Meere.

Chemie, Biologie, Physik - wer denkt da nicht gleich an dröge Schulbücher, Strickzeug unterm Tisch, natürlich das Handy, Galgenmännchen auf dem Papier. So ging es auch Frank Schätzing. "Was habe ich unter der staubtrockenen, stinklangweiligen Art gelitten, mit der einige Lehrer ihre Seriosität zu unterstreichen meinten", sagt er in einem Interview mit dem Magazin Stern. Wer nicht mindestens fünf Lacher in einer Stunde ernte, sei falsch in diesem Job, findet er. Und macht es besser. Mit dem Headset am Kopf stürmt der zur Zeit erfolgreichste Autor Deutschlands auf die Bühne der Aula des Eifel-Gymnasiums in Neuerburg. Oranges Shirt, Karottenjeans, Westernstiefel, Drei-Tage-Bart und lässige Frisur - die Show kann beginnen. Denn das, was Schätzing vorne auf der Bühne zelebriert, hat wenig zu tun mit einer lauschigen Lesung. Anfangs war die Welt bei weitem nicht so schön, wie die Eifel heute, beginnt er seine Zeitreise ins Gestern. Die mehr als 430 Zuschauer folgen ihm in die Zeit, als alles begann, vor etwa 13,7 Milliarden Jahren. Schon als Kind hat Frank Schätzing eine Affinität zum Meer. Mit Mitte 20 entwickelt er ein Faible für Naturwissenschaften. Mittels Internet "ergoogelt" er sich Hintergrundwissen, Ansprechpartner, knüpft Kontakte. In seinem Sachbuch "Nachrichten aus einem unbekannten Universum" verpackt er in dem ihm eigenen Plauderton Wissenschaft und Unterhaltung, Zahlen und Zoten, komplizierte Kost und Kalauer. Die fünf Lacher pro Stunde gelingen ihm in Neuerburg spielend. Dort erfährt das Publikum, dass auch "Miss Evolution" über eine Handtasche verfügte. "Frauen bewahren dort den wesentlichen Teil ihres Selbst auf, sozusagen ihren Persönlichkeitscode", sagt er und fährt fort: "Denken wir uns die Handtasche weg, wird die Frau sofort um einige Entwicklungsstufen zurückgeworfen und landet dort, wo Männer augenblicklich sind." Wie die Handtasche der Evolution aussah? Ein kleines Säckchen voll genetischer Information. Ein Membransack aus dem Zellen entstanden, auch echte Bakterien genannt. Schätzing setzt sich (nun doch) an den Tisch und liest die Tagesthemen der vergangenen 2,5 Milliarden Jahre untermalt mit Musik (selbstkomponiert), bebildert mit kleinen Filmsequenzen und Dias. Das Publikum erfährt, dass sich die sexuelle Revolution im Proterozoikum vollzog und nicht erst in Woodstock, dass Rädertierchen, Nacktschnecken und Seegurken ohne Sex auskommen, dafür aber in Kauf nehmen müssen, weich, formlos und schleimig zu sein. "Zugegeben, Sex ist schweißtreibend, oft frustrierend, mitunter brutal, man investiert Zeit, Energie und teure Abendessen, aber als Verfahren, Gene zu mischen, eignet er sich ganz vorzüglich", sagt Schätzing. Der Wetterbericht verheißt nichts Gutes. Die nächste Eiszeit wird kommen, zuvor aber erst die Erwärmung. Es werde Tauchexkursionen nach Neuerburg geben und die Eifel sich zur Seenplatte entwickeln, orakelt der Sachbuchautor. Schätzing erklärt dem Publikum die Welt. Wissenschaftler wüssten, was er meine, wenn er von dem Absturz des Golfstroms spreche, Politiker nicht. Mit seinem Buch möchte der ambitionierte Schriftsteller mehr erreichen, als Unterhaltung. Er möchte den Blick auf das große Ganze ermöglichen. Er wünscht sich, dass sein Buch zu einem besseren Verständnis der Welt beiträgt und damit zu einer differenzierten Sicht auf uns selbst. Danke für den Vortrag Schätzing, setzen, eins plus. Und mehr als 430 Zellkonglomerate applaudieren einem Zellkonglomerat, dass witzig den Bogen vom Urknall zum Morgen gespannt hat.