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Reifer Ausdruck und jugendliche Frische

Reifer Ausdruck und jugendliche Frische

Ein Abend, so eindringlich und berührend wie wenige: Stargeigerin Anne-Sophie Mutter war mit ihrem Stipendiaten-Ensemble "Mutter’s Virtuosi" in der Philharmonie zu Gast. Etwa 1300 Zuhörer bejubelten das musikalische Miteinander aus Reife und Frische.

Luxemburg. Vielleicht hat niemand im strengen Regelwerk der musikalischen Form so tief empfunden und so phantasievoll gelebt wie Johann Sebastian Bach. In Anne-Sophie Mutter hat der barocke Großmeister, wie die Musik überhaupt, eine geniale Mittlerin gefunden. Das war einmal mehr in Luxemburg zu erfahren.
Dass sie etwas ganz Großes erlebten, sie womöglich ein Hauch Göttlichkeit streifte, dessen waren sich die Gäste des Konzertabends in der Philharmonie wohl bewusst. Ganz still war es im Saal, als die Geigerin das Largo aus BWV 1043 beendet hatte, bevor der Jubel losbrach. So, als ob Mutter mit ihrem Spiel alle Geräusche dieser rastlosen, lauten Welt zum Verstummen gebracht hätte.
Die Geigerin war mit ihrem Stipendiaten-Ensemble "Mutter's Virtuosi" angereist. Aber natürlich galt die Aufmerksamkeit des Publikums vor allem der inzwischen 52-jährigen Künstlerin. Im schulterfreien grünen Seidenkleid, ein typischer "Mutter-Look", stand sie auf der Bühne, faszinierend wie eh und je. Seit mehr als 35 Jahren ist sie inzwischen unterwegs. Ihr Geigenton ist makellos, ihre Vibrati sind das reinste Seelenflimmern, ihr eindringliches Spiel kommt ganz von innen heraus und ist dabei selbst in Augenblicken höchster Angriffslust und Erregung doch niemals unbeherrscht.
Musik berühre nur, wenn sie Geschichten erzähle, hat sie einmal gesagt. Wie viel Mutter zu erzählen hat, machte Krzysztof Pendereckis Duo concertante, für Violine und Kontrabass, das der Geigerin gewidmet ist, gleich eingangs deutlich. Mit dem polnischen Komponisten verbindet die Künstlerin eine lange Freundschaft. Nicht zuletzt der Beschäftigung mit seiner Klangwelt verdankt sie auch das Wissen um die Brüche und Dissonanzen, das ihr geradezu überirdisch schönes Spiel wohltuend erdet.
Mutters sprechende Geige erzählte aus der Seelenkammer. Im Dialog mit Roman Patkolós dunklem, ernsten Kontrabass entstand ein packendes, zuweilen gespenstisches Seelenpanorama widersprüchlicher Stimmungen und widerstreitender Gefühle.
Lebendige Rede und Gegenrede und Lust am Spiel waren in André Previns Nonett für Streicher von 2014 angesagt, das die Geigerin gemeinsam mit ihren jungen "Virtuosen" spielte. Als einfühlsame engagierte Förderin erwies sich Mutter in Bachs berühmtem Doppelkonzert für zwei Violinen in d-Moll BWV 1043, in dem sich ihre Stipendiaten im Solopart abwechselten. Es wurde zum faszinierenden Miteinander reifen Ausdrucks und jugendlicher Frische.
Zum Schluss: Antonio Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Mutter und ihr Ensemble, verstärkt durch Knut Johanessen am Cembalo, zeigten, wie die Komposition, die mancher Virtuose mit überdosierten Energiespritzen aufzupeppen versucht, wirklich neu zu beleben ist. Farbenreich, frisch und dynamisch entfalteten die Musiker das vielfältige Innenleben der schillernden Komposition. er