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Schriftstellerin Alissa Walser beim Eifel-Literatur-Festival

Bitburg. Wie kommt eine Geschichte in die Köpfe der Zuhörer? Autorin Alissa Walser, die zum Eifel-Literatur-Festival nach Bitburg gekommen ist, malt sie hinein - mit kurzen Sätzen, klarer Sprache und subtilen Andeutungen. Sarah-Lena Gombert

Ein flüchtiger Blick, ein kurzer Gedanke, ein knapper Dialog: Die Geschichten von Alissa Walser, der Tochter von Martin Walser, zeichnen sich durch ihre Flüchtigkeit aus. Am Dienstagabend hat die Autorin, die in Frankfurt lebt, im Haus Beda aus ihrer jüngsten Erzählung "Immer ich" vorgelesen. 220 Zuhörer kamen zu der Veranstaltung nach Bitburg, die im Rahmen des Eifel-Literatur-Festivals stattfand.
Im Zentrum ihrer Erzählung, so erklärt Walser gleich zu Beginn der Lesung, steht die Geschichte "In einem anderen Leben". Sie handelt von der Französin Berthe Morisot, der "impressionistisch sten Malerin der Impressionisten", wie Alissa Walser sagt.
Die Geschichte, die Walser über die im 19. Jahrhundert lebende Morisot erzählt, ist wie ein Aquarellgemälde. Mit klarer Stimme und kurzen Sätzen beschreibt Walser Episoden aus dem Leben ihrer Protagonistin. Es sind kurze Begegnungen mit der Schwester, mit anderen Künstlern, mit ihrem zukünftigen Ehemann. Walser verzichtet auf beschreibende Adjektive. Nur durch kleine Nuancen in ihrer Stimme gerät gelegentlich ein Anflug von Traurigkeit oder Anspannung in die Erzählung. Nach und nach, wie mit feinen Pinselstrichen, entwickelt sich ein Kinofilm im Kopf der Zuhörer. Dabei kommen kleine, erotische Anspielungen zwischen den Männern und Frauen in den Geschichten nie zu kurz.
Raum für Spekulationen


Selten habe eine Autorin einen so spektakulären Eintritt in die Gegenwartsliteratur hingelegt, sagt Josef Zierden, Initiator des Eifel-Literatur-Festivals. Damit bezieht er sich auf Walsers Erzählung "Geschenkt", mit der sie 1992 den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat. Die Geschichte dreht sich um eine Vater-Tochter-Beziehung und spielt mit dem Inzestmotiv. "Das bot vielen Literaturkritikern Raum für Spekulationen. Viele fragten sich, ob es autobiografische Bezüge gibt", erzählt Zierden. Doch Walser erklärt: "Es gibt einen Unterschied zwischen meiner Person und dem ‚Ich\' in den Geschichten. Das sollten die Kritiker wissen." "Sind Sie besonders stolz auf Ihre kreative Familie?", fragt Josef Zierden nach der Lesung.
Er spielt damit auf ihren berühmten Vater, den Autor Martin Walser, und die anderen Walser-Töchter an, die ebenfalls in künstlerischen Berufen arbeiten. Alissa Walser zögert nicht lange: "Ich wäre genauso stolz, wenn wir alle Schreinerinnen wären oder kleine Cafés betreiben würden." Nicht nur für diese klare Aussage erntet die 51-Jährige lauten Applaus aus dem Publikum.Extra

Alissa Walser, Jahrgang 1961, ist eine von vier Töchtern des Autors Martin Walser. Sie arbeitet als Schriftstellerin, Malerin und Übersetzerin. Frühere Werke von ihr sind auch unter dem Pseudonym Fanny Gold erschienen. Walser hat Malerei in Wien und New York studiert. Heute lebt sie in Frankfurt am Main. Sie ist unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis (1992) ausgezeichnet worden. Für ihren Roman "Am Anfang war die Nacht Musik" hat die Autorin 2010 den internationalen Spycher Literaturpreis Leuk (Kanton Wallis, Schweiz) bekommen. slg