… und der Haifisch hat noch Zähne

… und der Haifisch hat noch Zähne

Spielzeiteröffnung im Theater Trier: Das Regietrio Goldfarb & Goldfarb inszeniert Brecht/Weills "Dreigroschenoper".

Foto: (h_servi )
Der Gangster Macheath (Thomas Peters), besser bekannt als Mackie Messer, durchlebt Höhen und Tiefen. Fotos (3): Theater Trier. Foto: (h_servi )

Trier Das Theater ist ausverkauft. Nur hier und da eine Lücke im Zuschauerraum. Fröhliche Erwartung liegt in der Luft. Die Neuen sind da, und alle wollen sie sehen. Auch einige von denen, die in den vergangenen Monaten einen großen Bogen um das Haus gemacht haben. "Es muss etwas Neues geschehen", zitiert der Eiserne Vorhang mit weißen Großbuchstaben aus dem Text und gibt gleichzeitig das Motto der Saison vor. Na, dann mal los!
"Die Dreigroschenoper": antiquiert und aktuell wie immer schon seit der Uraufführung und seit jeher ein sicherer Hafen für jedes ins Schlingern geratene Theaterschiff. Wie man einen solchen, fast 90-jährigen Seelenverkäufer für einen neuen Törn aufhübschen kann, beweisen Lisa, Laura und Tobias Goldfarb mit ihrem "retrofuturistischen Dekadenzvariété" (O-Ton Regietrio), in das sie den Berliner Klassiker verpflanzen. Die Bühne mit Totenkopf und Kirmeslämpchen (Fabian Lüdicke) ist eine Mischung aus Geisterbahn, purpurrotem Puff und plüschigem Nachtclub; die Huren sind liederlich und lüstern wie auf den jugendunfreiesten Bildern von Otto Dix und Heinrich Zille (Kostüme: Agnes Hamvas). Und die Schauspieler erfüllen alle Erwartungen hinsichtlich Dekadenz, Schlechtig-, Seelen- und Herzlosigkeit.
Betrogen und geklaut wird, was das Zeug hält, gleich zu Beginn: Mackie Messer wird seines Auftrittssongs beraubt - Viola von der Burg steht mit endlos langen Beinen und luftabschnürender Korsage erstmals auf der Bühne in Trier und bemächtigt sich des zähnebleckenden Haifischs aus verrucht-rauchiger Kehle: eine Frau, der nichts Männliches fremd ist und die trotz oder gerade wegen aller Sittenlosigkeit auch einen Hauch von zu Herzen gehender Tragik verströmt. Barbara Ullmann als spitzmündige Mrs. Peachum ist bis aufs Knochenmark eine eiskalt-opportunistische Geschäftsfrau, die, obwohl sie auch die Aura einer Puffmutter umweht, ihrem Hitsong, der "Ballade von der sexuellen Hörigkeit", eine geradezu elegante Damenhaftigkeit verleiht. Klaus- Michael Nix nennt sich großmäulig "Tiger" Brown, steppt aber eher hasenfüßig über die Bühne, wenn er klare Kante zeigen soll. Norman Stehrs polternder Bettlerkönig Peachum steht, obwohl er gern auf dicke Hose macht, zweifellos unter dem Pantoffel seiner Frau und seiner Tochter Polly. Die spielt hinreißend Franzsika Marie Gramss als rotzfreche Göre mit stachliger Jungmädchenstimme, halb Cheerleaderin in blaugoldglitzernden Cowboystiefeln und kühn abgeschnittenem Commedia-dell-Arte-Kostüm, halb Marionette mit starren Armen und staksigem Gang.
Nina Jankes Lucy schließlich schrillt ihre Eifersuchtsarie wie eine betrogene Königin der Nacht als boshafte Weill'sche Opernparodie heraus. Der Grund für diesen Ausbruch ist die Entdeckung, dass sie sich mit Polly ihren Mann teilt: Mackie Messer. Ebenso neu in Trier wie die beiden Letztgenannten ist Thomas Peters, der in Gold gewandete Herzens- und Gesetzesbrecher - skrupellos, ichsüchtig und selbsternannter Nabel der Welt. Wenn er, der Blondgelockte, bei der Hochzeit mit Polly kurzzeitig zum Golfschläger greift, fühlt man sich an einen amerikanischen Möchtegern-Präsidenten erinnert, der mit diesem Gauner Charaktereigenschaften teilt. Für Peters spricht allerdings seine charmante Schlitzohrigkeit, die pfiffige (Selbst-)Ironie und eine ganz ordentliche Singstimme. Martin Geysen, ebenfalls neu am Haus, gibt seinen Einstand als gleich drei Bettler, und Christopher Ryan rollt als fabelhaft skurriler (Märchen-)Erzähler in jüdischer Anmutung mit schwarzem Kaftan und Wolfskappe auf einem Elektro-Skateboard durch die Handlung.
Malte Kühn dirigiert das Philharmonische Rumpf-Orchester souverän durch die schräge Partitur, trifft den rauen, morbidenTon der Weill'schen Anti-Hits mit voller Zickig- und Zackigkeit und spießt die opernparodistischen Elemente mit schriller Exaktheit auf. Nur im "Kanonen-Song", jenem Lied, das in der Uraufführung 1928 sämtliche Dämme beim bis dato verhalten reagierenden Publikum brechen ließ, sind Solisten und Musiker bei Text und Takt nicht immer einer Meinung. Alle Beteiligten werden am Ende mit geradezu ausgelassenem Jubel belohnt. Fast ein bisschen so, als wollte das Publikum sich selbst versichern: Jetzt wird alles wieder gut!
Drei Leute sitzen am Regiepult dieser "Dreigroschenoper", dennoch ist die Inszenierung von "Goldfarb & Goldfarb" wie aus einem Guss: Sie erweist der Werksgeschichte ihre Reverenz, bricht ironisch und witzig mit einigen liebgewordenen Erwartungen - und ist gleichzeitig von brandheißer Aktualität. Ein Brecht/Weill fürs Krisenjahr 2017.