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Verliebt in Venedig

 Nach der Lesung: Donna Leon im Gespräch mit Fans und Autogrammjägern. TV-Foto: Alexander Schumitz
Nach der Lesung: Donna Leon im Gespräch mit Fans und Autogrammjägern. TV-Foto: Alexander Schumitz
Bitburg. Ihre einzige Lesung in Deutschland in diesem Jahr hat Krimiautorin Donna Leon in die Stadthalle nach Bitburg geführt. Beim Eifel-Literaturfestival stellte sie den 800 Zuhörern ihr jüngstes Buch "Reiches Erbe" vor. Begleitet wurde sie von der Fernsehmoderatorin Pegah Ferydoni, die für Leon dolmetschte. Alexander Schumitz

Bitburg. Vielleicht wäre Guido Brunetti Kommissar in Bitburg, wenn sich Donna Leon vor 30 Jahren in die Eifel verliebt hätte. Die Autorin lebte in den 1980er Jahren für einige Monate in Spangdahlem. Damals unterrichtete sie in Bitburg englische Literatur."Ich habe mich vor 44 Jahren in Venedig verliebt, als ich dort mit dem Zug angekommen bin", verrät Leon in Bitburg, als sie von einer Zuhörerin gefragt wird, weshalb ihre Krimis in der italienischen Lagunenstadt spielen. Gestenreich erklärt sie, dass die politischen Verhältnisse Venedigs ein Spiegelbild der italienischen Politik seien. "Das erschreckende für mich ist, dass sich diese enge Verbundenheit von Geschäft und Politik niemals ändert, egal wer die Stadt regiert."Sprachwitz und starke Gestik

Pegah Ferydoni, Schauspielerin und Moderatorin der ZDF-Kulturzeit, übersetzt fortlaufend den Redefluss der amerikanischen Autorin. Einfacher haben es die Zuhörer, die Englisch gut verstehen. Leons Sprachwitz im Zusammenspiel mit Mimik und Gestik machen aus der Lesung ein kleines Schauspiel. Leon hat bisher 21 Brunetti-Krimis geschrieben, von denen bislang 20 in Deutschland veröffentlicht wurden. Das Manuskript für den 22. Band hat sie gerade abgeschlossen. "Ich brauche zehn Tage an einem Ort, damit ich konzentriert arbeiten kann", erzählt Leon den Zuhörern. Dann sitze sie von 10 Uhr bis zum Abend an ihrem Schreibtisch und schreibe - manchmal bis zu 20 Seiten am Tag. Ihren Protagonisten Guido Brunetti charakterisiert Leon als eine konsequent aufgebaute Romanfigur: Älter, sonst wäre er nicht "Commissario", verheiratet mit seiner Universitätsliebe, mit der er auch Kinder hat. "Was mich an ihm stört? Er hat Vorurteile gegenüber Süditalienern - schon irgendwie merkwürdig, wenn ich mir überlege, dass man sofort in der Kritik steht, wenn man Vorurteile verbreitet."Was die Menschen antreibt

Wie ein Kriminalfall letztlich aufgelöst wird, ist für die Bestsellerautorin zweitrangig. "Mich interessieren die Charaktere und das, was die Menschen antreibt, sich so zu verhalten, wie sie sich verhalten haben", sagt Leon. In ihren Romanen gehe es vor allem um Familien- und Liebesbeziehungen. Durch diesen Rahmen unterscheide sie sich von klassischen Krimiautoren wie beispielsweise Agatha Christi, für die meist die Auflösung des Mordfalls im Vordergrund stehe. Leon erzählt den Zuhörern in Bitburg viel über ihre Wahlheimat Italien und den Prozess des Schreibens. Nur zu Beginn liest sie zwei kurze Passagen aus "Reiches Erbe" auf Englisch vor. Ferydoni, die mit der Autorin befreundet ist, stellt drei weitere Abschnitte vor. Die Fans bedanken sich zum Schluss der Lesung mit viel Applaus für den sehr persönlichen Auftritt der Schriftstellerin. Extra

Ihre Brunetti-Krimis sind in Italien bisher nicht erschienen, weil Sie das nicht wollen. Können Sie sich vorstellen, einer Veröffentlichung der Romane in der Heimat von Commissario Brunetti zuzustimmen? Donna Leon: Niemals, so lange ich lebe. Ich ziehe es vor, in Venedig und in ganz Italien anonym zu bleiben. Zudem würden die Italiener nur schwer akzeptieren, wie ich mich als Amerikanerin trauen kann, die Verhältnisse in ihrem Land zu kritisieren. Wo finden Sie Ihre Ideen für die Bücher? Leon: Meine Ideen finde ich beim Lesen der Zeitungen. Außerdem lieben es die Venezianer zu tratschen. So entdecke ich viele spannende Geschichten, die sich toll dazu eignen, als Plot zu dienen. Zur Zeit verfolge ich mit großem Interesse die Veröffentlichungen zum Innenleben des Vatikans. Wie dort Listen mit männlichen Intimpartnern unter den Klerikern kursieren, ist spannend zu erfahren. Warum ist die Familie in den Brunetti-Romanen immer wieder ein so zentrales Thema? Leon: Die Romane spielen hauptsächlich in Italien. In diesem Land spielt und spielte das Leben in der Familie immer eine große Rolle. itz