Mit Viebig-Augen durch die Eifel

EISENSCHMITT. Vor einem Vierteljahrhundert packte den Elektromeister Heinz-Dieter Polte bei einer Lesung in Manderscheid das Clara-Viebig-Fieber. Heute besitzt er die vermutlich weltgrößte Viebig-Buch-Sammlung. Was er doppelt hat, wird am Wochenende in Eisenschmitt ausgestellt und verkauft.

Es passierte vor 25 Jahren in Manderscheid. Heinz-Dieter Polte aus Herzogenrath bei Aachen machte - wie so oft - Urlaub in der Eifel. Diesmal ging der sonst nicht sonderlich an Literatur interessierte Mann mit seiner Frau zu einer Lesung des neu aufgelegten Romans "Vom Müller Hannes" von Clara Viebig. Für Polte war es Liebe beim ersten Hören. "Ich war Feuer und Flamme. Wie im Rausch habe ich mir Autogramme von den Vorlesern geholt", sagt der 58-jährige Elektromeister und klingt wie sonst auch: ruhig und sachlich. Auf Nachfrage präzisiert er: "Was mir so gut gefallen hat, war, wie sie diesen Menschen Müller Hannes beschrieben hat, sein Kampf mit den Mitbewerbern, das Realistische. Ich kenne das, ich bin selbst Handwerker." Auch die Umgebung, die er in seinen Urlauben schon erkundet hatte, erkannte er in den Jahrzehnte alten Zeilen von Clara Viebig wieder.Polte dachte: "Mit der Frau musst du dich mehr beschäftigen", und obwohl er als Selbstständiger mit Familie nur recht begrenzt über Zeit verfügt, setzte er diesen Vorsatz in die Tat um. "Wo ein Wille, da ein Weg", erzählt er. Er fing an, auf Trödelmärkten nach Viebig-Werken zu suchen und wurde nach und nach zum Experten. Er begann, von den 26 Romanen der Schriftstellerin, unterschiedliche Auflagen zu sammeln. Auf 16 unterschiedliche Ausgaben hat er es mittlerweile beim "Weiberdorf" gebracht, dem wohl bekanntesten Viebig-Roman, der die Zustände in Eisenschmitt zu Anfang der Industrialisierung beschreibt, als die Männer des Orts zum Arbeiten in in den Ruhrpott gingen und nur zwei Mal im Jahr heim kamen. Die Kirche hatte das naturalistische Werk, das auf einer wahren Begebenheit beruht, jedoch dichterisch ausgeschmückt ist, wegen Verstoßes gegen Sitte und Anstand auf den Index gesetzt.

Doch Viebig hat nicht nur Romane geschrieben. Polte: "79 Novellen sind von ihr bekannt, einzelne sind in Büchern oder Illustrierten erschienen, in denen man sie nie vermuten würde." Und schwups beginnt Polte - wie so oft im Gespräch - den Inhalt einer Novelle zu erzählen, die er in einer Art Jahrbuch mit dem Titel "Frohes Schaffen" gefunden hat. Polte sammelt die Viebig-Geschichten nicht nur, er lebt mit ihnen. Polte: "Als ich zum ersten Mal nach Eisenschmitt gekommen war, kannte ich schon den ein oder anderen Weg dort und habe mich gefragt: Was war hier los zu Viebigs Zeiten?" Die Antwort gibt der Viebig-Fan sich in seinem leicht rheinischen Akzent selber: "Jubel, Trubel und so 'ne Scherze, wenn die Männer kamen..."

Ob Sonnenuntergang am Mosenberg oder die Umgebung seiner Heimat, in der der Roman "Das Kreuz im Venn" spielt, für Polte gilt immer: "Ich sehe die Gegend mit Viebig-Augen." So manche Wanderung auf Viebigs Spuren machen seine Frau und seine Kinder auch mit, doch es gibt Grenzen. "Als wir in Berlin waren und am Bundesarchiv vorbeikamen, da habe ich überlegt, ob ich mich auf die Suche nach autobiografischen Unterlagen Viebigs machen soll, die dort in einer Kiste lagern sollen." Doch seine Frau habe mit den Worten protestiert: "Wir machen Ferien". Daraufhin hat er das Projekt zumindest verschoben.