Christoph Grimm wird 60

TRIER. Der ranghöchste Politiker der Region feiert einen runden Geburtstag: Christoph Grimm, Präsident des rheinland-pfälzischen Landtags, wird heute 60 Jahre alt.

Politiker unterliegen, zumindest optisch, oft einem frühen Alterungsprozess. Manch 50-Jähriger, auf der langen Ochsentour durch die Partei-Institutionen vorzeitig gereift und ergraut, wirkt da von der Physiognomie und der Körpersprache her wie ein rüstiger Rentner. BeiChristoph Grimm ist es eher umgekehrt. Nichts in seiner Optik weist darauf hin, dass er das durchschnittliche Pensions-Alter des öffentlich Bediensteten in dieser Republik längst erreicht hat. Weniger Wohlmeinende könnten das darauf zurückführen, dass sich der Sozialdemokrat im Laufe seiner Karriere weniger verausgabt habe als andere. Was gegen diese These spricht, ist der Umstand, dass Grimm auch inhaltlich manchen Reife- oder Anpassungsprozess konsequent verweigert hat. Von Altersmilde oder gewachsener diplomatischer Konzilianz keine Spur, im Gegenteil: Immer noch ist er für Provokationen aller Art gut. Die Bereitschaft, mit seiner Meinung anzuecken, zieht sich wie ein roter Faden durch Grimms politische Laufbahn.Kübel von Dreck über den Jung-Abgeordneten

Als er einst die unangenehme Wahrheit aussprach, dass die deutsche Wehrmacht mit ihrem Kriegs-Engagement den Betreibern der Konzentrationslager die Ausführung ihrer Verbrechen erst ermöglicht habe, wurden Kübel von Dreck über den damaligen Jung-Abgeordneten ausgeleert. Seine pointierte Kritik an der Trierer Justiz (Er zitierte Tucholsky: Die Staatsanwaltschaft sei "wie die Kavallerie, dumm aber schneidig".) kostete ihn die Chance, 1991 das Wunsch-Amt als rheinland-pfälzischer Justizminister zu übernehmen. Zuletzt nahm ihn die CDU ins Visier, als er gegenüber Schülern seine Entscheidung, als Jugendlicher in die SPD einzutreten, damit begründete, bei CDU und FDP seien ihm "zu viele alte Nazis gewesen". Mut zur Unbequemlichkeit bewies Grimm auch als SPD-Parteivorsitzender in der Kommunalpolitik: Als der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Manfred Maximini 1991 das Amt des Kulturdezernenten anstrebte - wofür er, nicht nur nach Einschätzung Grimms, ungeeignet war - organisierte der Parteichef eine Mehrheit gegen den mächtigen Fraktionschef. Die SPD flog auseinander, Maximini machte seinen eigenen Verein auf, Grimm ließ die Parteifreunde auf dem Scherbenhaufen sitzen und beschränkte sich fortan auf gelegentliche gallige Kommentare aus dem fernen Mainz. Erst nach einem Jahrzehnt nahm er sich in die Pflicht, kehrte in den Parteivorsitz zurück und versucht seither mit mäßigem Erfolg, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Als "Kärrner" würde ihn dennoch wohl niemand bezeichnen. Die Rolle des selbstlosen, sich unermüdlich für Partei- und Gemeinwohl aufopfernden Politikers hat er stets gerne anderen überlassen, ebenso wie das Pflügen des steinigen Ackers des Wahlkreis-Lobbyisten. Dass es für ihn auch ein Leben jenseits der Politik gibt, daraus hat er nie einen Hehl gemacht. Dass ihm das hierzulande keine Sympathie, sondern Misstrauen einbringt, gehört wohl zu den Ärgernissen eines Politikerlebens in Deutschland. Dem gelernten Juristen Grimm eilt der Ruf der Unnahbarkeit und der Arroganz voraus. Gelegentlich hat er ihn selbst nach Kräften gefördert, etwa beim unseligen "Weckmann-Skandal" oder beim Krisen-Management nach Affären in der Landtags-Verwaltung. Aber sein Image-Problem hat eher damit zu tun, dass er, anders als viele seiner Kollegen, nicht bereit ist, Leutseligkeit zu mimen. Es dürfte wohl noch mehr Politiker geben, die Fastnacht und Festchen, Vereinsleben und Ehrennadel-Verleihungen, Miss-Wahlen und Geschäftsjubiläen wenig abgewinnen können. Aber Grimm ist zu ehrlich, um sich zu verstellen - oder zu bequem. Aber auch diese Art von Konsequenz ist nicht populär, so wenig wie politische Standfestigkeit bei starkem Gegenwind. Bundespolitisch ist der profilierte Linke Grimm recht still geworden, spätestens seit sein Freund Oskar Lafontaine zu seiner großen Enttäuschung die Politik mit einem Salto mortale verließ. Aber dass die "Linie Schröder" mit den sozialen Grundsätzen der alten Tante SPD nur mühsam zu vereinbaren ist, merkt man ihm gelegentlich an. Und lokalpolitisch ist er immer noch als Reizfigur gut: Seit er den Kammern deutlich die Meinung sagte und sich weigerte, den geforderten Kotau in Sachen "Moselaufstieg" zu machen, spricht IHK-Präsident Wolfgang Natus öffentlich nur noch von "demjenigen, dessen Namen ich nicht mehr in den Mund nehme". Ganz so, als sei Grimm der Teufel persönlich. Solche Feindbild-Pflege wird er zum Sechzigsten sicher mit stillem Vergnügen zur Kenntnis nehmen.