Auf den Weg und an die Leine!

Auf den Weg und an die Leine!

Mit fast 500 Hektar Fläche ist der über Jahrzehnte vom Militär genutzte Mattheiser Wald heute ein beliebtes Ziel für Spaziergänger, Hundehalter und Radfahrer. Doch Mountainbiker, Reiter und frei laufende Hunde setzen geschützten Tieren und Pflanzen bisweilen zu. Behörden und Verbände wollen gemeinsam erreichen, dass Freizeitnutzer des Forsts die geltenden Regeln stärker beachten.

Trier. Er komme nicht vom Weg ab, versichert Jürgen Plunien, und seinen Hund führe er immer an der Leine. Betreten der Ortsvorsteher und sein Jack Russel Terrier den Mattheiser Wald, gehen sie mit gutem Beispiel voran. Soll heißen: Weder läuft der Hund frei herum, noch schlägt sich sein Herrchen in die Büsche oder nimmt Abkürzungen über Wiesen. Plunien (CDU), der seit 2014 Ortsvorsteher von Mariahof ist und im Höhenstadtteil aufwuchs, ist dankbar für das nahe gelegene Naturschutzgebiet. Doch er hofft, dass auch alle anderen Besucher die Regeln für das besondere Areal beherzigen.500 Hektar Natur pur


Diese Hoffnung teilt er mit vielen anderen: Zahlreiche Akteure haben sich formiert, um gemeinsam für den Schutz des annähernd 500 Hektar großen Flora- Fauna-Habitats zu sorgen. Mit von der Partie sind Umweltverbände wie BUND und Nabu, Bundes- und Landesbehörden wie die Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord, und auch das Forstamt der Stadt Trier. "Wir wollen künftig noch stärker vor Ort aufklären und informieren", kündigt Forstamtsleiter Gundolf Bartmann gegenüber dem TV an. So wolle man erreichen, dass "die dem Naturschutzzweck angepasste Erholung und Freizeitnutzung im durch Rechtsverordnungen geschützten Gebiet möglich bleibt". Im Klartext: Das Schutzgebiet soll für Besucher weiterhin zugänglich sein und in der Freizeit genutzt werden, doch nur in einem Rahmen, der den Belangen von Tier- und Pflanzenwelt nicht zuwiderläuft.
Denn als Triers einziges Flora-Fauna-Habitat spielt der Mattheiser Wald in puncto Schutzstatus quasi in der Europa-League (siehe Extra). Maßgeblich für die Anerkennung als Naturschutz- und später auch FFH-Gebiet war der Nachweis zahlreicher seltener, zum Teil vom Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten, darunter Gelbbauchunke, Bechstein-Fledermaus, buntes Vergissmeinnicht und Trespen-Federschwingel. Auch Wildkatzen wurden zwischenzeitlich nachgewiesen. Der "unschätzbare langfristige Wert dieses Naturgutes rechtfertigt die Forderung nach einem sensiblen Umgang", so Bartmann; das gelte keineswegs nur für Forstleute, sondern für alle Waldbesucher und natürlich auch Freizeitsportler.
Manfred Weishaar trifft nach eigener Darstellung des Öfteren auf Spuren von Zeitgenossen, die sich im Mattheiser Wald von den vorgegebenen Wegen entfernt haben. "Wir stellen einen sehr hohen Freizeitdruck fest", sagt der Trierer Nabu-Vorstand und Fledermaus-Experte. Nicht alle hielten sich an die Regeln, weiß Weishaar und verweist zur Erinnerung auf die seit kurzem an den Zugängen zum Wald aufgestellten Schilder. Demnach darf das Gebiet nur auf den Wegen betreten werden, sind Hunde anzuleinen und dürfen insbesondere Radfahrer und Reiter die ausgeschilderten Hauptwege nicht verlassen. Vor allem Mountainbiker machten den Naturschützern zu schaffen, aber auch Freizeitaktivitäten wie Geocaching, eine Art elektronischer Schnitzeljagd, berichtet Bartmann. Auch das Pflücken von Blumen ist untersagt, ganz zu schweigen von Autofahren oder Campen im Wald. All diese Aktivitäten könnten den Lebensraum von Pflanzen und Tieren empfindlich stören, Arten wie die Wildkatze würden eventuell das Weite suchen, fürchten die Naturschützer.
Geht es nach Bartmann, führt die gemeinschaftliche "Informationsoffensive" zu einer Art sozialer Kontrolle: Menschen, die um die Sinnhaftigkeit der Regeln wissen, klären vor Ort jene auf, denen sie bislang unbekannt sind oder die sie nicht beherzigen. Der Forstamtschef macht allerdings auch klar, dass bei schwerwiegenden Verstößen Anzeige erstattet werde. Umweltfrevler könnten nicht auf Nachsicht hoffen.
Jürgen Plunien hat sich schon als sozialer Kontrolleur betätigt und Hundehalter auf ihre Anleinpflicht hingewiesen. Die Reaktionen: meist "Staunen und Unverständnis", berichtet er. Auch Weishaar hat seine Erfahrungen gemacht: Die einen hätten "ungläubig geguckt", andere "rüpelhaft reagiert". Doch es gibt auch Menschen, die sich sensibilisieren lassen: So berichtet ein Mountainbiker, der namentlich nicht genannt werden will, dass er die meiste Zeit auf dem Hauptweg fahre, aber auch schon mal von diesem abgekommen ist. "Mir war das gar nicht bewusst, dass man das nicht darf", räumt er ein und verspricht, künftig mehr Rücksicht zu nehmen.
Weishaar treibt unterdessen noch eine weitere Sorge um: Die Auswirkungen des geplanten Quartiers Castelnau II. Das neue Viertel könne den Druck auf das Schutzgebiet noch steigern, fürchtet der Nabu-Mann.Meinung

Besonderes Terrain
Dass viele Menschen ungläubig staunen ob der nicht wenigen Regeln, die es im Mattheiser Wald zu beachten gilt, kann kaum verwundern. Warum seinen Hund an der Leine führen in einem Gelände, in dem über Jahrzehnte französische Soldaten lautstark ihre Gefechtsübungen absolvierten? Weshalb stellen Mountainbiker für Molch und Co ein größeres Risiko dar als all die Panzer und schweren Fahrzeuge, die das Areal vor 20 Jahren durchpflügten? Dennoch haben die Regeln ihre Berechtigung, und sie ergeben sich aus einer Ironie der Geschichte: Ausgerechnet dort, wo das Töten geübt wurde, blühte in Nischen das Leben und überdauerten seltene Tiere und Pflanzen die Jahrzehnte. Wäre es anders gewesen, der Mattheiser Wald hätte nach Abzug des Militärs nie seinen hohen Schutzstatus erlangt. Jetzt, da der Forst eine Flora-Fauna-Habitat-Gebiet ist, dient das Areal in erster Linie der Natur und zahlreichen Arten als Rückzugsort. Es ist gut, dass Verbände und Behörden hierfür gemeinsam das Bewusstsein schärfen wollen. Mit Schildern wird es jedoch nicht getan sein. Ein Ansprechpartner vor Ort, der Besuchern und nicht zuletzt Stadtkindern und Jugendlichen die Bedeutung des Mattheiser Walds und dessen Artenvielfalt vor Augen führen könnte, wäre kein Luxus. trier@volksfreund.deExtra

Der Mattheiser Wald war einst im Besitz der Abtei St. Eucharius (heute St. Matthias). Über Jahrzehnte dienten große Teile des Forsts als Militär übungsplatz, zuletzt für die französischen Streitkräfte. Als diese Ende der Neunziger das Feld räumten, ging das Areal an Land und Bund über. Dass der Mattheiser Wald unter Naturschutz gestellt und vor etwas mehr als zehn Jahren auch als Flora-Fauna-Habitat-Gebiet in das europäische Schutzgebietsnetz Natura 2000 aufgenommen wurde, ist maßgeblich das Verdienst der Triererin Gisela Schmidt. Die Bedeutung des Walds ergibt sich unter anderem aus seiner Größe als zusammenhängendem Waldgebiet. Bestimmte Fledermausarten, aber auch die Wildkatze finden hier gute Lebensbedingungen vor. mst

Mehr von Volksfreund