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"Moralisieren verstärkt die Scham"

"Moralisieren verstärkt die Scham"

Ein Sonderforschungsbereich (SFB) der Uni Trier beschäftigt sich seit 2002 mit dem Thema "Fremdheit und Armut". Auf seiner Arbeit basiert die Sonderausstellung "Armut - Perspektiven in Kunst und Gesellschaft": Im Stadtmuseum Simeonstift und dem Rheinischen Landesmuseum sind Kunstwerke und historische Exponate zu einem der brisantesten Themen unserer Zeit zu sehen.

Trier. Mit Herbert Uerlings, Sprecher des SFB, sprach TV-Redaktionsmitglied Ariane Arndt darüber, wie Armut heute gelebt und wie mit ihr umgegangen wird. Ist eine Gesellschaft ohne Armut möglich? Uerlings: Nein, das wird es wohl nie geben. Aber die Idee gab es immer wieder. Im 19. Jahrhundert zum Beispiel, als man Armut als Unrecht ansah, dessen Wurzeln in den gesellschaftlichen Verhältnissen lagen. Und in den Jahren 1948 bis 1972 in der Bundesrepublik, der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders. Damals glaubte man, die Armut abgeschafft zu haben, und konnte sich nicht vorstellen, dass sie wiederkommt. Ist das Thema Armut heute in Deutschland und Europa überhaupt noch akut?Uerlings: Viele Menschen haben soziale Abstiegsängste entwickelt, haben Angst vor der Schrumpfung der Mittelschicht - wofür es ja auch empirische Belege gibt. Es gibt neue Arme, ein Prekariat, Menschen, die gerade so zurande kommen, auch wenn sie noch keine Unterstützung brauchen. Und dann gibt es natürlich die 6,5 Millionen Unterstützungsempfänger. Ist Armut an bestimmte Schichten gebunden? Uerlings: Nein, sie geht quer durch fast alle Schichten, durch fast alle Berufsfelder. Woran liegt das? Uerlings: Es gibt eine Fülle von Erklärungen. Ein Grund ist der Wandel der Industriegesellschaften. Es gibt kaum noch jemanden, der ein Leben lang für ein einziges Unternehmen arbeitet. Berufliche Qualitäten, die erworben wurden, sind schnell veraltet. Von politischer Seite aus gesehen nenne ich die Stichwörter Deregulierung und Neoliberalismus. Und schließlich hat die Wirtschafts- und Finanzkrise tiefe Spuren in ganz Europa hinterlassen - und ist noch nicht ausgestanden. In Ihrem Forschungsverbund betrachten Sie den gesellschaftlichen Umgang mit Armen in Gesellschaften von der Antike bis heute. Wie lässt sich der Umgang mit Armen hier und heute beschreiben? Uerlings: Dazu muss ich ausholen: In den vergangenen 2500 Jahren gab es zwei Wendepunkte. Der eine in der Spätantike, also beim Übergang ins Mittelalter. In der Antike waren Arme Gegenstand von Komik, Spott und Verachtung. Seit der Spätantike - und da spielt das Christentum eine zentrale Rolle - gelten sie als zur Gesellschaft zugehörig. Und das gilt bis heute. Der zweite Wendepunkt vollzieht sich im 19. Jahrhundert, als - in Verbindung mit dem Sozialismus - die Menschenrechte als politische und soziale Rechte ausformuliert wurden. Das gipfelte in der UN-Charta und dem Sozialstaatsgebot. Dieser Wandel von der Verachtung der Armen bis hin zur Anerkennung ihrer Würde und Rechte gehört zur kulturellen Identität Europas. Wie wird Armut in Deutschland gelebt? Uerlings: Die Scham über die eigene Not ist weit verbreitet. Obwohl heutzutage sowohl die Armen wie auch die Nicht-Armen wissen, dass die wichtigsten Gründe für die Armut in Verhältnissen liegen, für die niemand was kann. Wie zeigt sich diese Scham? Uerlings: Viele machen von den Unterstützungsangeboten keinen Gebrauch. Zu beobachten ist auch, dass arme Menschen kaum teilhaben an der Gesellschaft und der Demokratie. Menschen in armen, prekären Lebensverhältnissen gehen kaum zur Wahl. Auch bei Demonstrationen findet man sie selten. Das Problem: Wer nicht wählt, für den interessieren sich auch die Parteien nicht. Wie sieht die andere Seite aus, der Umgang der Nicht-Armen mit den Armen? Uerlings: Der Gegenpol ist das Moralisieren. Die Versuchung und die Bereitschaft ist sehr groß. Beispielsweise zu sagen, der Arme sei selbst schuld. Das wird auch politisch ausgenutzt. In der "Faulheitsdebatte" sind ja einige vergiftete Schlagworte gefallen. Das Moralisieren aber verstärkt die Scham auf der anderen Seite. Obwohl beide es besser wissen. arn Mehr zum Thema: www.volksfreund.de/armut