Neuer Laden, keine Genehmigung: Hängepartie in der Trierer Neustraße

Neuer Laden, keine Genehmigung: Hängepartie in der Trierer Neustraße

Die Händler, Friseure und Gastonomen der Neustraße kämpfen für ihre Einkaufsmeile. Trotzdem sind etliche Schaufenster leer. Eine junge Unternehmerin steht in den Startlöchern - doch die Stadt, die die Geschäftseröffnung noch genehmigen muss, kommt nicht in die Gänge.

Die Neustraße ist ein echtes Sorgenkind: Acht leere Schaufenster gähnen Kunden auf den gut 350 Metern zwischen Fahrstraße und Kaiserstraße an. Dazu eine geschlossene Kneipe und ein Fenster, das zwar dekoriert ist - aber nur, um den leerstehenden Raum dahinter zu kaschieren.

In einem voll ausgestatteten und eingeräumten Laden, gleich am Beginn der Neustraße und gleich neben einem der vielen leeren Geschäfte, hängt ein Zettel: "Wenn die Stadt grünes Licht für die Ladennutzung gibt, öffnen wir umgehend die Türen", steht darauf. "Eigentlich wolle ich Mitte Juli aufmachen", sagt Christine Schaab, "aber mir fehlt noch die Genehmigung der Stadtverwaltung."

Die 41-Jährige will sich mit einer für Trier neuen Geschäftsidee selbstständig machen: Kunden können Tassen, Teller, Schüsseln, Frühstücksbrettchen oder Teekannen aus Keramik individuell bemalen. Alles ist vorbereitet: Die Regale sind gefüllt mit weißem Keramik-Geschirr. Arbeitstische stehen bereit. Dazu Farben, Schablonen, Mustervorlagen. Auch einen Ofen, um die Farbe in die Rohlinge einzubrennen, hat Schaab installiert. Nur reinlassen darf die frischgebackene Geschäftsfrau niemanden.

Denn die Stadt hat die Nutzung der Räumlichkeiten für den Einzelhandel noch nicht genehmigt. "Mir war anfangs gar nicht bewusst, dass ich dafür eine Genehmigung benötige, schließlich war hier vorher ein Friseur drin, und bauliche Veränderungen habe ich nicht vorgenommen", sagt Schaab.
Am 27. Juni hat sie den entsprechenden Antrag schließlich im Rathaus eingereicht. Die Stadtverwaltung forderte Unterlagen nach, unter anderem einen Grundriss des Ladens. Am 6. Juli lag der Behörde alles vor - und das Problem auf dem Tisch: "Die Situation stimmt nicht mit den uns vorliegenden, für den Friseurladen genehmigten, Planunterlagen überein", erklärt Rathaus-Pressesprecher Ralf Frühauf auf TV-Nachfrage schriftlich.

Offenbar wurde im Erdgeschoss des Hauses vor Jahren eine kleine Wohnung von den Ladenräumen abgezweigt. Nun gibt es einen Flur, der sowohl zum Geschäft gehört als auch zu diesem Privatbereich. Das macht die Sache - aus Behördensicht - kompliziert. "Was ich nicht ganz nachvollziehen kann, denn wäre wieder ein Friseur eingezogen, wäre gar kein Umnutzungsantrag nötig gewesen - die Situation mit dem gemeinsamen Flur aber weiterhin die gleiche", sagt Schaab.

Mehr als Abwarten bleibt ihr zurzeit nicht übrig. Denn wann und wie die Sache weitergeht, darüber gibt die Stadt nur vage Auskunft: "Der Rücklauf der Brandschutzdienststelle ist noch nicht eingegangen, somit kann auch kein genauer Zeitpunkt genannt werden, wann mit der Genehmigung zu rechnen ist", erklärt Rathaussprecher Frühauf. Gegebenenfalls sei auch noch ein Ortstermin nötig. Eine vorläufige Genehmigung - etwa unter der Voraussetzung, dass etwaig notwendige Brandschutzvorkehrungen nachgerüstet werden - sei nicht möglich.

Beatrix Reitemeyer, Vorsitzende der Interessensgemeinschaft Neustraße, ist enttäuscht. "Wir bemühen uns sehr, die Neustraße lebendig zu halten. Schön wäre es, sich dabei von der Stadt unterstützt zu fühlen - zum Beispiel dadurch, dass bei Genehmigungen so schnell gehandelt wird wie möglich. Stattdessen bin ich bei meiner Nachfrage wegen des Keramikgeschäfts bei der Sachbearbeiterin der Verwaltung auf taube Ohren gestoßen."
Auch Schaab ist unzufrieden: "Gut unterstützt als junge Unternehmerin fühle ich mich von der Stadtverwaltung nicht. Schließlich liegt mein Antrag nun seit sechs Wochen vor, und ich habe nichts an dem Laden, der vorher problemlos geöffnet haben durfte, verändert", sagt sie. "Und es heißt doch immer, dass die Stadt alles tut, um den Leerständen in der City entgegenzuwirken."

In der hinteren Neustraße zeichnet sich derweil der nächste tote Laden ab: Das Schuhgeschäft Becker schließt Ende August. Inhaberin Bettina Haubrich geht in Rente. "Und einen Nachmieter habe ich noch nicht gefunden", sagt die 63-Jährige, die das Geschäft von ihren Eltern übernommen hat. Trotz moderater Miete - die gut 80 Quadratmeter Ladenfläche will Haubrich für weniger als 1000 Euro vermieten - seien Interessenten rar. "Es gibt einfach weniger junge Menschen, die den Mut haben, sich im Einzelhandel selbstständig zu machen", glaubt Haubrich.

Manchmal gibt's aber auch andere Hürden: Die Kneipe "Beim Pitt" etwa haben nach TV-Informationen angeblich horrende Mieterhöhungen vertrieben, seit März ist geschlossen. "Leider entsprechen die Pachtforderungen nicht der Realität. Leben und Leben lassen!!" haben die ehemaligen Betreiber frustriert auf einen Zettel geschrieben, der an der Kneipentür hängt.
Für die wenigen Quadratmeter, auf denen bis Ende vorigen Jahres eine Juwelierin ihren Schmuck in der vorderen Neustraße anbot, wollten die Vermieter nach TV-Informationen zuletzt mehr als 1500 Euro Kaltmiete kassieren. Auch dieser Laden steht seit Monaten leer. "Die Mieten in der Neustraße sind teilweise horrend - so viel Ware muss man erst mal verkaufen, damit man das zahlen kann", sagt ein Kenner der Branche.

Keramik-Händlerin Christine Schaab ist zuversichtlich, dass sie die Miete für ihren Laden in der Neustraße 7 und ihren Unterhalt erwirtschaften kann - wenn sie denn endlich loslegen dürfte. "Seit Mai zahle ich schon Miete - wenn sich die Sache noch lange hinzieht, wird's allerdings irgendwann schwierig", sagt sie.
Am Samstag, 26. August, lädt die Interessengemeinschaft Neustraße zum Neustraßen-Festival ein. Es gibt jede Menge Livemusik und viele Aktionen der Geschäfte und Dienstleister.KommentarMeinung

Foto: Friedemann Vetter (ClickMe)

Hier hat die Innenstadt noch ein Gesicht
Ja, Vorschrift ist Vorschrift. Und Christine Schaab hätte auch früher auf die Idee kommen können, dass sie eine Umnutzungsgenehmigung benötigt. Die Unternehmerin jetzt am langen Arm verhungern zu lassen, ist allerdings nicht das, was man sich unter guter Wirtschaftsförderung vorstellt. Immerhin hatte Oberbürgermeister Wolfram Leibe im Frühjahr mit dem Slogan "Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft" selbst seine wichtigste Aufgabe formuliert. Denn ohne Geschäfte keine Gewerbesteuer. Ohne Gewerbesteuer kein Schuldenabbau. Ohne Schuldenabbau keine finanziellen Spielräume für die Stadtentwicklung. Dazu kommt, dass die Neustraße - trotz Leerstände - eine der schönsten Einkaufsstraßen Triers ist. Dort reihen sich nicht - wie in jeder x-beliebigen Fußgängerzone Deutschlands - die immergleichen Filialen großer Handelsketten aneinander. Vielmehr gibt es kreative Handwerkskunst, kleine, individuelle Läden und liebevolle Gastronomie - hier hat die City noch ein Gesicht. Die aktive IG Neustraße tut das ihrige, diesen besonderen Flair zu erhalten. Die Stadt muss nach Kräften unterstützen. Und die Vermieter dürfen nicht nur möglichst hohe Renditen im Blick haben. c.wolff@volksfreund.de