Stadtwerke Trier halten an Moselkraftwerk fest

Stadtwerke Trier halten an Moselkraftwerk fest

Ein Wissenschaftsinstitut wägt Chancen und Risiken ab. Nun werden Mitinvestoren gesucht, um das Projekt Pumpspeicherkraftwerk an der Mosel bei Ensch zur Baureife zu bringen.

Pumpspeicherkraftwerke, so ist die derzeit vorherrschende Meinung in Deutschland, seien wirtschaftlich nicht rentabel. Dazu passen Meldungen, dass der Bauriese Hochtief Pläne für Pumpspeicherkraftwerke (PSKW) in Thüringen und Nordrhein-Westfalen fallen lässt und auch der Freistaat Bayern entprechende Vorhaben zu den Akten gelegt hat.

Der Energiemarkt hat sich mit dem steigenden Anteil erneuerbarer Energien (bundesweit etwa 30 Prozent, in der Region Trier 60 Prozent) verändert. Früher war gutes Geld mit den Wasserspeichern zu verdienen. Die Verdienstspanne zwischen billigem Nachtstrom und teurem Tagstrom machte es möglich. Nachts wird das Wasser nach oben in ein großes Becken gepumpt und bei hohem Strombedarf nach unten abgelassen, wobei es Turnbinen antreibt und Strom erzeugt. Heute ist das nicht mehr profitabel. Denn am Tag, wenn viel Energie benötigt wird, laufen Windräder und Solaranlagen sowieso auf Hochtouren.

Die Stadtwerke Trier (SWT) lassen sich von solchen pessimistischen Einschätzungen nicht entmutigen und halten an ihrem Großprojekt, dem PSKW "Rio" an der Mosel bei Ensch (Verbandsgemeinde Schweich) fest. SWT und die Juwi-Gruppe haben eine Projektentwicklungsgesellschaft gegründet mit dem Ziel, das Kraftwerk mit 300 Megawatt Leistung zu bauen. 600 Millionen Euro Baukosten stehen im Raum. Das obere Becken ist auf dem Hummelsberg bei Bekond geplant, das Unterbecken im 200 Meter tiefer gelegenen Kautenbachtal bei Ensch. Beide Becken sollen mit sechs Millionen Kubikmeter Wasser gefüllt werden. Dass das Projekt grundsätzlich realisierbar ist, hatte die Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord (SGD) nach einjähriger Prüfung im Raumordnungsverfahren festgestellt (TV- Bericht vom 6. September 2013).

Mit Blick auf den Ausbau erneuerbarer Energien seien solche Kraftwerke ein wichtiger Baustein der künftigen Energieversorgung, da elektrische Energie gespeichert und bedarfsgerecht zur Verfügung gestellt werden könne. So verkündeten es die Stadtwerke vor fünf Jahren. Eigentlich sollte schon 2018 mit dem Bau von Rio begonnen werden, aber das 600 Millionen Euro-Projekt liegt auf Eis. SWT-Chef Olaf Hornfeck steht weiterhin dazu, aber unter geänderten Vorzeichen: "Hauptzweck ist nicht mehr das Pumpen, sondern das Ausregeln." Bei der Neubewertung von Chancen und Risiken haben sich die Stadtwerke auf Erkenntnisse des Arrhenius-Insituts (Hamburg) gestützt. Der Auftrag lautete, die "Energiewabe Region Trier" zu bewerten - unter besonderer Berücksichtigung der Speicherung von Strom aus erneuerbaren Energien.

Bisher haben SWT und Juwi etwa 3,5 Millionen Euro in das Projekt gesteckt. Unter gab es Bohrungen, um die geologische Eignung des Geländes zu erkunden. Weitere Untersuchungen soll es während des Planfeststellungsverfahrens geben. Dessen erfolgreicher Abschluss käme einer Baugenehmigung gleich. Olaf Hornfeck geht davon aus, dass bis dahin weitere sechs bis sieben Millionen Euro in die Hand genommen werden müssen. Aber nicht alleine von den Stadtwerken. Hornfeck: "Wir gehen in der ersten Jahreshälfte auf die Suche nach Partnern, die an unser Projekt glauben." Außerdem will SWT Winzerbetrieben in Ensch Weinberge aus dem PSKW-Umlegungsverfahren zur Verfügung stellen (siehe Info).

Hornfeck und Rio-Projektleiter Rudolf Schöller setzen ihre Hoffnungen auf das neue Strommarktgesetz. "Es bringt uns zwar keine Förderung für unser Vorhaben, aber es hilft uns weiter", sagt Hornfeck. Dem Bund geht es hauptsächlich um Versorgungssicherheit: Jederzeit soll die Erzeugung und der Verbrauch von Strom austarierbar sein. Je mehr Strom aus Wind und Sonne produziert wird, desto mehr schwankt die Einspeisung ins Netz. Schöller dazu: "Jeder Stromproduzent muss künftig seine Bilanzkreise in Ordnung halten, und zwar alls 15 Minuten. Im Klartext heißt das, es müssen jährlich 35.000 Messwerte eingehalten werden." Wie Abweichungen erfasst und "bestraft" werden, darüber brüte die Bundesnetzagentur noch.

FLURBEREINIGUNG: SWT UND
DLR MOSEL VERHANDELN

300 bis 350 Hektar Fläche benötigen die Stadtwerke Trier, um das Pumpspeicherkraftwerk an der Mosel bauen zu können. 140 Hektar nehmen die Bauwerke in Anspruch, hinzu kommen Ausgleichsflächen. Um die Flächen durch Ankauf und Tausch zusammenzubekommen, hat das Dienstleistungszentrum Lädlicher Raum (DLR) Mosel ein Flurbereinigungsverfahren auf einer Fläche von 925 Hektar eingeleitet. Betroffen sind die Gemarkungen Bekond, Ensch, Fastrau, Fell, Longen, Mehring und Schweich. 4100 Grundstücke gibt es, die Grundbücher weisen 1211 Eigentümer aus. Diese haben Verzichtserklärungen unterschrieben, die ihnen im Fall des PSKW-Baus bis zum Dreifachen des ermittelten Bodenwerts garantieren.

Ob die Stadtwerke es hinbekommen, vorzeitig eine Teilfläche aus der Flurbereinigung auszulösen, damit Winzer aus Ensch zusammenhängende Flächen bewirtschaften können, ist noch unklar. Dazu Claudia Strauch vom DLR: "Eine Teillösung zum jetzigen Zeitpunkt macht keinen Sinn. Wir müssten ja das Verfahren neu aufrollen. Auch will SWT nur den einfachen Bodenwert zahlen."

SWT und Rio: Wann ist die Schmerzgrenze erreicht?

Eins muss man den Stadtwerken lassen: Sie sind mutig und gehen unbeirrt ihren Weg. Die Frage ist nur, wie schmerzresistent das Unternehmen ist und wie viel Geld es angesichts des unberechenbaren Kurses, den die Bundesregierung in der Energiepolitik fährt, noch in das Projekt Pumpspeicherkraftwerk investieren möchte?
Die Wirtschaft hat sich kaum auf ein neues EEG-Gesetz eingestellt, da greifen auch schon neue Verordnungen mit geänderten Umlagekriterien. Diese hektischen Zeiten sind nichts für Unternehmen wie die Stadtwerke, die verlässliche Rahmenbedingungen brauchen. Schließlich soll das Moselkraftwerk viele Jahrzehnte in Betrieb sein.
Dass Pumpspeicherkraftwerke energietechnisch gesehen einen hohen Wirkungsgrad haben und man Speicher für den Ökostrom benötigt, ist unstrittig. Experten sagen allerdings auch, dass "Rio" in der Region Trier nur ein Baustein von vielen sein kann.
Nun soll also die Formel "mehr Regler, weniger Speicher" das Pendel zugunsten von SWT ausschlagen lassen. Aber nur, wenn Investoren anbeißen ... Rio ist ein unkalkulierbares Abenteuer.
a.follmann@volksfreund.de

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