| 06:58 Uhr

Vegane Aktivisten halten Tiertransporte in Wittlich an
Zwei Minuten Abschiednehmen

Ein Schwein auf dem Weg zum Schlachter. Das Tier schaut unter den Gitterstäben hervor, als es die Aktivisten bemerkt.
Ein Schwein auf dem Weg zum Schlachter. Das Tier schaut unter den Gitterstäben hervor, als es die Aktivisten bemerkt. FOTO: TV / Nathalie Hartl
Wittlich. 22 000 Schweine transportieren Lastwagen jede Woche zum Schlachtbetrieb Simon-Fleisch. Vegane Aktivisten stellen sich ihnen regelmäßig bei Demonstrationen in den Weg und halten die Fahrzeuge an. Für Samstag planen sie die erste zwölfstündige Aktion. Von Nathalie Hartl
Nathalie Hartl

Auf drei Etagen stehen Schweine dicht gepfercht in einem Lastwagen. Von der Mast sind sie zur Schlachtung nach Wittlich gefahren worden. In einem Industriegebiet kurz vor den Toren des Betriebs Simon Fleisch kommt es zu einem ungeplanten Halt. Das Fahrzeug mit dem belgischen Nummernschild bremst kurz ab und versucht, weiterzurollen, aber 30 Menschen blockieren die Fahrbahn vor ihm. „Stop für zwei Minuten mit den Schweinen“ steht auf einem Schild, das eine junge Frau in einer leuchtenden Warnweste Richtung Fahrerkabine hält. Zwei Minuten dürfen die Demonstranten das Fahrzeug anhalten. Das ist mit der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich abgeklärt. 120 Sekunden, in denen sie die Tiere vor ihrem Tod streicheln, fotografieren und verabschieden.

Durch die Gitterstäbe des Lasters schiebt sich ein Rüssel. Das Schwein, zu dem er gehört, sieht nach draußen und erspäht eine Hand, die zu ihm wandert. Schnauze und Finger treffen sich für einen Moment. Während die Frau vor dem Gitter das Tier mit ihrer rechten Hand streichelt, filmt sie die Szene mit einer Handykamera in ihrer linken. So steht sie vor dem Fahrzeug und hält den Atem an. Fliegen dringen aus den Luftschlitzen nach draußen und eine Mischung aus Urin- und Fäkalgeruch schlägt ihr entgegen. Sie murmelt Abschiedworte. „Die zwei Minuten sind vorbei“, ruft eine Stimme von hinten.

Das Fahrzeug ist weg, die Aktivisten stehen noch an der Straße. Zwei umarmen sich. „Es tut mir so leid“, sagt eine mit Tränen in den Augen. Und die andere: „Wir werden das schaffen.“

Was aber wollen die Demonstranten, von denen fast alle Veganer sind, mit ihrer Mahnwache erreichen? „Wir sind hier, um zu dokumentieren, was den Tieren widerfährt“, sagt Tina, die die Aktionsgruppe Wittlich Pig Save 2017 mitgegründet hat. Nach jeder Aktion landen einige Fotos auf Facebook, Instagram oder Twitter. Sie sollen anderen verdeutlichen, wie die Fleischproduktion abläuft. „Die Tiere fahren ewig bis zum Schlachthaus und leiden dabei an Stress“, erklärt Simon Kleinert, einer der Organisatoren. „Sie sollen vor ihrem Tod noch ein freundliches Gesicht sehen. Das sind wir ihnen schuldig.“ Dass eine neue Regelung es möglich macht, die Trucks anzuhalten, um mit den Tieren in Kontakt treten zu können, ist für die Aktivisten ein Erfolg.

Walter Gangolf, Leiter des Fachbereichs Sicherheit und Ordnung der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich, ist zu der Demonstration am Samstagmorgen in das Industriegebiet gefahren, um sich selbst ein Bild davon zu machen. „Die Leute verhalten sich eigentlich gesittet“, sagt er. „Das Ganze tangiert den Betriebslauf in keinster Weise.“

Ausschreitungen seien der Kreisverwaltung nicht bekannt, wie deren Pressesprecher Manuel Follmann mitteilt.

Simon Fleisch sieht die neue Regelung kritisch. Die Demonstrationen seien als freie Meinungsäußerung zu akzeptieren und hätten das Unternehmen bislang nicht bei den Betriebsabläufen beeinträchtigt. Seitdem die Kreisverwaltung das Anhalten der ankommenden LKW mit Schweinen gestattet hat, habe jedoch der Grad der Aggression zugenommen. Einige Demonstranten seien beispielsweise an einem der Tiertransporter hochgeklettert. Letzteres kann die Kreisverwaltung bestätigen.

Simon Fleisch hält es außerdem nicht für zulässig, dass „völlig unkontrolliert unzählige Fotos angefertigt werden, die anschließend im Internet veröffentlicht werden“.

Als der nächste Lastwagen mit lebender Fracht um die Ecke biegt, ermahnt Gangolf die Veganer. „Bitte haltet die zwei Minuten ein.“

Die Uhr tickt erneut. Kleinert läuft zu dem Fahrer, streckt sich hoch zum Fenster, um die Warnwesten, die Kameras und die Schilder zu erklären. „Möchten Sie vielleicht etwas essen oder trinken?“, fragt er. Der Fahrer verzieht das Gesicht. „Solange ich hier stehe, sind die Ventilatoren aus“, sagt er. „Das wird für die Tiere zu warm.“

Die Demonstranten lassen das Fahrzeug ziehen. Als der Truck zum Schlachthaus eingebogen ist, schüttelt einer der Aktivisten den Kopf: „Als ob die zwei Minuten mehr nach einer langen Fahrt noch etwas ausmachen.“ Simon Fleisch sieht das anders. Die Tiere würden nervös, „wenn eine Gruppe von etwa 20  Demonstranten auf die LKW zustürzt“.

Tiertransporte wie diese gehören zum Alltag und sind gesetzlich geregelt. In der Tierschutztransportverordnung ist zum Beispiel festgelegt, dass ein 50 Kilo schweres Schwein mindestens 0,3 Quadratmeter Platz haben muss, was grob der Fläche von zweieinhalb Din-A3-Papieren entspricht. „Hinten sind insgesamt circa 150 Schweine“, sagt der Fahrer eines Wagens mit niederländischem Kennzeichen, den die Aktivisten gestoppt haben. Der Mann nimmt den Proviant, der ihm angeboten wird, wechselt ein paar Worte.

„Manche Fahrer sind wirklich nett zu uns“, sagt der Organisator der Mahnwache. Seine Mitstreiter sind teilweise von weit weg gekommen: Frankfurt, Saarbrücken, Trier. Lediglich eine Wittlicherin findet sich unter den Aktivisten. „Ich bin etwas enttäuscht, dass nicht mehr Leute aus der Gegend kommen“, sagt Maren.

Aus Hessen ist Toni di Pianduni angereist. Der Veganer hofft, dass bei den Verbrauchern, die Fleisch kaufen, ein Umdenken stattfindet. Ihn ärgere, dass Tiertransporte wie diese in Kauf genommen würden, weil das Schnitzel schmeckt. „Geschmack für ein paar Sekunden oder ein Leben?“ Die Entscheidung könne jeder mit seinem Einkaufszettel treffen.

„Ich würde mir wünschen, dass Menschen, die Fleisch essen, kommen, um sich das anzusehen“, sagt Kleinert. Der Student nutzt derzeit jede freie Minute, um sich als Aktivist zu engagieren. „Wenn wir nicht für die Tiere sprechen, wer tut es dann?“

Die nächste Mahnwache soll am Samstag, 21. Juli, stattfinden und bereits um 1 Uhr morgens starten. Es ist die erste zwölfstündige Aktion in Wittlich. Simon Fleisch befürchtet, dass es in der Nacht zu Ausschreitungen kommen könnte. „Daher haben wir die Kreisverwaltung auch eindringlich gebeten, die Demonstrationen nur noch in einem üblichen Umfang, also als ,normale Demonstration’ vor dem Betriebsgelände zu genehmigen.“ Die Kreisverwaltung sei noch in der Abstimmung, was die nächtliche Mahnwache angeht. „Es wird überlegt, ob neue Auflagen in Hinblick auf die Sicherheit sinnvoll wären“, sagt Follmann.

Mehr als 70 Teilnehmer haben sich zum „12 Hour Vigil“ bislang auf Facebook angemeldet und mehr als 360 zeigen sich interessiert.

„Stop für zwei Minuten mit den Schweinen“ steht auf dem Schild, das die Aktivisten dem Fahrer entgegenhalten.
„Stop für zwei Minuten mit den Schweinen“ steht auf dem Schild, das die Aktivisten dem Fahrer entgegenhalten. FOTO: TV / Nathalie Hartl
Während einige Menschen den Lastwagen an der Weiterfahrt hindern, sind andere an die Seite des Fahrzeugs gelaufen, um die Tiere zu fotografieren und sich von ihnen zu verabschieden.
Während einige Menschen den Lastwagen an der Weiterfahrt hindern, sind andere an die Seite des Fahrzeugs gelaufen, um die Tiere zu fotografieren und sich von ihnen zu verabschieden. FOTO: TV / Nathalie Hartl
Rüssel trifft auf Hand:  Das Schwein schnuppert an den Fingern eines Aktivisten.
Rüssel trifft auf Hand: Das Schwein schnuppert an den Fingern eines Aktivisten. FOTO: TV / Nathalie Hartl