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Von Trier aus an die Westfront

Von Trier aus an die Westfront

Der Feldzug Deutschlands gegen den "Erbfeind" Frankreich im Jahr 1914 begann in Trier. Zum Auftakt unserer Serie über den Ersten Weltkrieg analysieren heute Historiker aus Deutschland, Luxemburg und Frankreich die Kriegsfolgen in der Region.

Trier. Paul Jansen, geboren am 14. Mai 1892 in Pronsfeld, gefallen am 7. August 1914 in Vance, Belgien. Michael Feilen, geboren am 4. September 1891 in Trier-Pfalzel, gefallen am 31. August 1914 bei Montgon, Frankreich. Rudolf Hermann, geboren am 16. Juni 1891 in Veldenz, gefallen am 24. September 1914 bei Souain-Perthes, Frankreich.
Drei Namen. Drei Schicksale. Stellvertretend für Hunderte von Männern aus der Eifel, von der Mosel, der Saar, aus Trier, die bereits in den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs ihr Leben verloren. Auf den Schlachtfeldern in Frankreich oder in Belgien. Allein die Verlustliste des 7. Jägerregiments zu Pferde, das in Trier stationiert war, umfast 154 Namen von bis Kriegsende Gefallenen. Allein auf dem Trierer Hauptfriedhof wurden 900 Kriegstote bestattet, 100 in Bitburg, 82 in Gerolstein.
Trier war zur damaligen Zeit eine bedeutende Garnisonsstadt. Neben dem Jägerregiment war hier auch die 16. Kavallerie-Brigade stationiert, die zur 16. Trie-rer Division gehörte.
Trier und die Eifel waren Aufzugsgebiet der deutschen Truppen, von hier aus marschierten sie nach Frankreich, gegen den "Erbfeind", und teilweise auch in Belgien ein. Von Trier aus starteten kurz nach der Mobilmachung am 1. August Kolonnen von deutschen Soldaten in Richtung Luxemburg. Am Tag der Mobilmachung sollen sich überall in der Stadt Menschen versammelt und gejubelt haben, von "gewaltiger vaterländischer Begeisterung" ist in Zeitungsberichten der damaligen Zeit zu lesen.
Der Marsch des 7. Infanterie-regiments zum Westbahnhof sei von einer begeisterten Volksmenge begleitet worden. Bereits in den ersten Kriegstagen wurde die Schifffahrt auf der Mosel eingestellt, genauso wie der Zugverkehr. Die einzigen Züge, die rollten, dienten dem Truppentransport Richtung Frankreich.Trier wird zur Frontstadt


Trier wurde zur Frontstadt und zum Drehkreuz der deutschen Truppenbewegungen in Frankreich. Und auch zu einer bedeutenden Lazarettstadt, wo verwundete Soldaten versorgt wurden. "Die Krankenhäuser der Region dienten bald nach Kriegsbeginn als Kriegslazarette", sagt Matthias Krell, bei der Landeszentrale für politische Bildung zuständig für Frieden- und Sicherheitspolitik.
Auch Gerolstein, als Eisenbahnstadt, war ein wichtiger Aufmarschpunkt. Das Eisenbahn-Regiment habe in den ersten Kriegstagen die Bahnanlagen vor Fliegerangriffen gesichert. "Alle wichtigen Punkte, Straßen und besonders Wasserleitungen werden scharf bewacht", heißt es etwa in den Aufzeichnungen des Apothekers Ferdinand Winter für das Eifelvereinsblatt. "Die Eifel war aus strategischen Erwägungen im Vorfeld des Ersten Weltkriegs von Bedeutung, weil über verschiedene Eisenbahnlinien der Nachschub gesichert werden sollte", sagt Matthias Krell von der Landeszentrale für politische Bildung. Luxemburg, von 1867 an neutral, wurde zum Hauptquartier des Deutschen Reiches. Von hier aus wurde der Krieg an der Westfront organisiert. Kriegsmaterial und Verpflegung wurden über Luxemburg nach Frankreich transportiert.Stahlindustrie macht mit


Auch die damals florierende Stahlindustrie war an der deutschen Kriegsmaschinerie beteiligt. Der Widerstand der Luxemburger gegen die deutschen Besatzer habe sich in Grenzen gehalten, sagt der luxemburgische Historiker Benoît Majerus. Das habe mit der seit Jahren engen Verflechtung von luxemburgischer und deutscher Politik sowie Wirtschaft zu tun gehabt. "Deutschland wurde nicht als Feind angesehen." Die Luxemburger Großherzogin hatte sogar den deutschen Kaiser auf ihrem Schloss in Colmar-Berg empfangen. Alle Zeitungen in Luxemburg seien zu dieser Zeit auf Deutsch erschienen, die Priester des Großherzogtums hätten alle in Deutschland studiert, so wie auch ein Großteil der Akademiker. Viele in Luxemburg hätten zu der Zeit die Hoffnung gehabt, dass das Großherzogtum als Freistaat Teil des Deutschen Reiches werden könnte, sagt Majerus. Während des Krieges habe auch Belgien Ansprüche auf das Großherzogtum erhoben, sagt Krell.
Die Stimmung in Lothringen, etwa in Metz, war eine andere als im benachbarten Luxemburg. Dort habe eine feindliche Stimmung gegenüber den deutschen Besatzern geherrscht, sagt Wolfgang Freund. Der Historiker lehrt in Nancy und lebt in Metz. Die lothringische Hauptstadt sei Hauptdurchgangsstation für die Züge an die Westfront gewesen, sagt er. Der Metzer Bahnhof sei 1913 ausgebaut worden, um bis zu 30 000 Mann pro Tag von dort aus an die Front zu schicken. Die deutsch-französischen Beziehungen seien nach dem Krieg noch lange vergiftet gewesen, sagt Freund. Der Überfall deutscher Truppen auf Belgien habe die Ressentiments gegenüber Deutschland noch verschlimmert. Die Soldaten richteten ein Massaker unter der Zivilbevölkerung an, vier Wochen nach Kriegsbeginn waren 6000 Menschen tot. In Dinant an der Maas, unmittelbar vor der französischen Grenze, wurden Ende August 1914 von 6000 Einwohnern 671, darunter Säuglinge und Alte, von deutschen Soldaten getötet.
Über die Städte Eupen und Malmedy, die zum Deutschen Reich gehörten, versuchten die Truppen weiter Richtung Frankreich vorzudringen. Die belgischen Städte Aarschot, Dendermonde und Leuven seien bereits zu Beginn des Krieges von deutschen Truppen geplündert und in Schutt und Asche gelegt, zahlreiche Einwohner seien hingerichtet worden, sagt Krell.
Die Vergeltung Frankreichs ließ nicht lange auf sich warten. Ab 1915 wurde Trier Ziel von Fliegerangriffen - speziell die Bahnanlagen und die Kasernen, wie aus einem Aufsatz des Mainzer Geschichtsstudenten Kevin Hecken hervorgeht. Allerdings trafen die Bomben wohl auch Wahrzeichen wie Dom, Kaiserthermen und Liebfrauenkirche. Eine Bombe fiel auch auf das Dorf Oberemmel bei Konz, wo laut Augenzeugen ein Kino zerstört worden sein soll. Ein französisches Flugzeug soll von deutschen Abwehrtruppen bei Saarburg zum Absturz gebracht worden sein.
In Trier und dem Umland kam es zwar während des Krieges zu Lebensmittelengpässen. Eine Hungersnot blieb aber aus. Trotzdem wich die anfängliche Kriegseuphorie einer Kriegsmüdigkeit. Am 9. November 1918 endet auch in Trier der Krieg: "Die soziale Revolution hat in der Nacht zum Samstag (8./9. November) auch in Trier eingesetzt und gestern mit dem Übergang der Gewalt in die Hände des Arbeiter- und Soldatenrats ihren Abschluss gefunden", war damals im Trierischen Volksfreund zu lesen. Die amerikanische Armee besetzte Trier am 1. Dezember 1918, die deutschen Soldaten verließen die Stadt.