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Ein kleines Taschentuch

Ein kleines Taschentuch

Wie das Schicksal eines gefallenen Soldaten und seiner Familie noch heute betroffen macht - das schildert unsere Redakteurin Birgit Markwitan. An ihren im Ersten Weltkrieg gestorbenen Urgroßvater erinnert sie ein Taschentuch, das sie von ihrer Großmutter bekam.

Als in der Volksfreund-Redaktion die Idee aufkam, die Leserinnen und Leser aufzurufen, Erinnerungsstücke an den Ersten Weltkrieg zu schicken, fiel mir dieses kleine, bestickte Taschentuch ein, das mir meine Großmutter lange vor ihrem Tod gegeben hatte. "Das ist von meinem Vater", sagte sie. Was sie nicht sagte: Ich sollte es gut aufbewahren und in Ehren halten. Auf dem Taschentuch ist zu lesen "St. Quentin 1916-17. Meinem lieben Kind."

Ihr Vater, mein Urgroßvater, ist am 7. August 1917 in Zonnebeke bei Ypern gefallen. Er war 36 Jahre alt. Seine Frau, damals 34, blieb mit ihren vier kleinen Kindern Friedrich Wilhelm (11), Luise (9), Otto (4) und Anna (8), meiner Großmutter, im Hunsrück zurück. Ich kenne meine Urgroßmutter nur von Fotos und aus vielen Erzählungen meiner Mutter. Sie trug vom Tod ihres Mannes an bis zu ihrem eigenen Tod nur Schwarz.

Mein Urgroßvater war Goldschmied gewesen und hatte nebenher eine kleine Landwirtschaft betrieben, mit der später meine Urgroßmutter sich und ihre vier Kinder zusammen mit ihrer Schwiegermutter durchbringen musste. Wann hat mein Urgroßvater meiner Großmutter dieses Taschentuch gegeben? Bei einem letzten Fronturlaub? Sicher hatte er jedem seiner Kinder etwas mitgebracht. Der Schwester auch ein Taschentuch. Und den Brüdern?
Es gibt niemanden mehr, der das beantworten kann. Habe ich all dies meine Großmutter nicht gefragt? Ich erinnere mich nicht.

War das Taschentuch in einem Paket mit "Andenken" von der Front? Wie lange war ihr Vater schon nicht mehr zu Hause gewesen? Was war er für ein Mann - und erinnerte sich meine Großmutter überhaupt an ihn? Wie alt war sie, als er in den Krieg musste? Auf dem Taschentuch steht St. Quentin 1916-17. Diese Stadt liegt in Frankreich. War mein Urgroßvater dort, bevor er nach Flandern musste, um mit Tausenden anderen in schlammigen Gräben sein Leben zu lassen?

Ich finde im Internet, dass die Gegend um Zonnebeke nach 1914 zunächst unter deutscher Kontrolle war und in der "3. Ypernschlacht" von der britischen Armee unter schweren Verlusten erobert worden ist. Die Schlacht begann im Juli 1917 und endete im November 1917. Es heißt: "Der Durchbruch wurde … mit enormen Verlusten (Soldaten und Kriegsmaterial) erkämpft".

Wie schrecklich. Wie sinnlos.

Mein Onkel erzählt, dass er in den 1980er Jahren die Friedhöfe und Gedenkstätten bei Ypern besucht hat, um das Grab seines Großvaters zu suchen. Er hat es nicht gefunden und ist bis heute von dieser Reise zu den Schauplätzen des Leides betroffen.
Es ist schwierig, das Gefühl zu beschreiben, das die Recherche für diesen kleinen Beitrag ausgelöst hat. Sprachlosigkeit, Rührung, Trauer.
Bei wem entschuldige ich mich für alle nicht gestellten Fragen? Meine Großmutter sollte nicht den Eindruck haben, als sei diese Erinnerung an sie und ihren Vater bei mir nicht gut aufgehoben.

Birgit MarkwitanExtra

Aufruf an unsere Leser: Ein Taschentuch und seine Geschichte. Haben auch Sie ein Erinnerungsstück aus der Zeit vor 100 Jahren? Das kann ein Foto sein, ein Kleidungsstück, ein Orden, ein Brief oder eine Urkunde. Die TV-Redaktion ist auf der Suche nach Schätzen und ihren Geschichten. Schreiben Sie uns: Trierischer Volksfreund, Postfach 3770, 54227 Trier. Oder mailen Sie an: weltkrieg@volksfreund.de