Brauereien in der Kritik: Alkoholfrei meistens Etikettenschwindel

Brauereien in der Kritik: Alkoholfrei meistens Etikettenschwindel

Die Verbraucherorganisation Foodwatch schlägt Alarm: Unter den beliebtesten alkoholfreien Bieren in Deutschland ist nur ein Bier wirklich alkoholfrei: Bitburger. Die übrigen Biere haben bis zu 0,5 Volumenprozent Alkohol. Wird der Biertrinker in die Irre geführt, wie Foodwatch behauptet?

(sey) Die zur Radeberger Gruppe gehörende Marke Clausthaler bezeichnet sich selbst als Pionier der alkoholfreien Biere. Schon seit Ende der 1970er Jahre ist das "bleifreie" Clausthaler auf dem Markt. Genoss der Gerstensaft damals noch Exotenstatus, ist alkoholfreies Bier aus Handel und Gastronomie längst nicht mehr wegzudenken. Und nahezu keine Brauerei verzichtet auf das Pendant zu ihrem alkoholhaltigen Repertoire.

Nur ein Bier ist völlig alkoholfrei

Doch was heißt Pendant? Die Verbraucherorganisation Foodwatch behauptet, dass so gut wie alle angeblich alkoholfreien Biere gar nicht alkoholfrei sind, allenfalls alkoholarm. So enthalte auch das Pionierbier Clausthaler Classic 0,45 Volumenprozent Alkohol, obwohl es auf dem Etikett als "Premium alkoholfrei" beworben wird. Ähnliches gilt nach Angaben von Foodwatch auch für Erdinger alkoholfrei (0,4 Volumenprozent) oder Oettinger alkoholfrei (unter 0,5 Volumenprozent).

EU-Recht erlaubt Kennzeichnung

Nur die Bitburger Brauerei werbe als einzige Brauerei wahrheitsgemäß für ihr mit 0,0 Volumenprozent tatsächlich alkoholfreies Bier, lobt Foodwatch und fordert die anderen Brauereien auf, den Etikettenschwindel zu beenden. Ein Vorwurf, den die deutschen Brauer als überzogen zurückweisen.

"Es ist lebensmittelrechtlich zulässig, Biere mit minimalen Alkoholspuren als alkoholfrei zu bezeichnen", sagt der Geschäftsführer der saarländischen Karlsberg-Brauerei, Hans-Georg Eils, der auch Präsident des Deutschen Brauerbunds ist. Dessen Hauptgeschäftsführer Peter Hahn verweist darauf, dass nach einer EU-Verordnung Traubensaft bis zu zehn Gramm Alkohol pro Liter enthalten darf, bei Fruchtsäften dürfe der Alkoholgehalt nicht mehr als drei Gramm pro Liter betragen. Die maximal 0,5 Volumenprozent beim alkoholfreien Bier entsprächen vier Gramm Alkohol pro Liter.

Aus genau diesen Gründen steht auch der Mainzer Verbraucherschutzminister Jochen Hartloff (SPD) der Foodwatch-Forderung skeptisch gegenüber. "In vielen unverdächtigen Lebensmittel ist Alkohol enthalten", sagt der Minister und ergänzt, dass europaweit eine Kennzeichnung erst ab 1,2 Volumenprozent vorgeschrieben sei. Hartloffs Schlussfolgerung: Wer etwas ändern wolle, müsse dies auf europäischer Ebene tun. Dass die Initiative hierzu von Deutschland ausgeht, ist eher unwahrscheinlich. Denn auch auf Bundesebene scheinen die verantwortlichen Politiker den Handlungsbedarf als eher gering einzuschätzen.

Von einer Irreführung der Verbraucher könne beim alkoholfreien Bier keine Rede sein, meint auch der Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium, Peter Bleser. Wer sich informieren wolle, könne ja im Internet nachschauen, sagt der Cochemer Christdemokrat. Und eine Gesundheitsgefahr gehe von Lebensmitteln mit einem Alkoholgehalt von bis zu 0,5 Volumenprozent auch nicht aus.

Zum Betrinken zu wenig

Bleibt noch die spannende und in Internetforen heftig diskutierte Frage, ob man denn von dem vermeintlich alkoholfreien Bier auch betrunken werden kann. Die Antwort: theoretisch vielleicht ja, praktisch nie und nimmer. Denn wer mit alkoholfreiem Bier die gleiche Menge Alkohol aufnehmen wollte wie mit einem normalen Pils, müsste etwa die zehnfache Menge trinken. Ganz schön viel Flüssigkeit.

Und noch ein weiteres Problem käme hinzu: Pro Stunde baut der Körper etwa 0,15 Promille Alkohol ab. So schnell, wie beim alkoholfreien Bier der Alkohol wieder abgebaut wird, kann er gar nicht getrunken werden.

Extra: Bier in Zahlen
In Deutschland gibt es 1340 Brauereien, die im vergangenen Jahr knapp 96 Millionen Hektoliter Bier gebraut haben. Etwa jeder siebte Liter wurde exportiert. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei jährlich 107 Liter. Etwa 200 Brauereien in Deutschland brauen auch alkoholfreies Bier. Der Gesamtausstoß liegt bei 3,3 Millionen Hektolitern, das sind etwa 3,5 Prozent des insgesamt in Deutschland gebrauten Bieres. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch an alkoholfreiem Bier liegt bei 3,7 Litern.

In Deutschland gibt es 1340 Brauereien, die im vergangenen Jahr knapp 96 Millionen Hektoliter Bier gebraut haben. Etwa jeder siebte Liter wurde exportiert. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei jährlich 107 Liter. Etwa 200 Brauereien in Deutschland brauen auch alkoholfreies Bier. Der Gesamtausstoß liegt bei 3,3 Millionen Hektolitern, das sind etwa 3,5 Prozent des insgesamt in Deutschland gebrauten Bieres. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch an alkoholfreiem Bier liegt bei 3,7 Litern.