Durchsichtiges Manöver

In ihrer angeblichen Sorge um den Klimaschutz sind die Energie-Riesen EnBW und RWE auf einen cleveren Trick verfallen. Ältere Atommeiler sollen länger am Netz bleiben. Im Gegenzug müssten jüngere eher abgeschaltet werden.

Wer bei dieser Logik ins Grübeln kommt, sollte sich darüber nicht wundern. Warum betagte Kernkraftwerke, die noch unsicherer sind, der Umwelt zuträglich sein sollen, versteht sowieso kein vernünftiger Mensch. Als ob es Tschernobyl nie gegeben hätte. Den Energieversorgern geht es in Wahrheit auch um etwas ganz anderes. Wer alte Meiler länger betreiben will, der schöpft Hoffnung, dass der beschlossene Atomausstieg doch nicht so unumstößlich ist wie allgemein deklariert. Nach den rechnerischen Restlaufzeiten sollte das Kraftwerk Neckarwestheim I im Jahr 2009 vom Netz gehen. Genau zu dieser Zeit winkt aber auch die nächste Bundestagswahl, bei der sich die politischen Mehrheiten verschieben könnten. Also muss Neckarwestheim II einspringen, das theoretisch noch bis 2022 Strom liefern könnte, um seine Namensschwester über das brisante Datum hinaus am Leben zu halten. Nach dem Gesetz ist die Übertragung von Reststrommengen von einem AKW auf das andere tatsächlich möglich. Seine rot-grünen Schöpfer setzten aber in erster Linie darauf, dass modernere Meiler länger am Netz bleiben und die unsicheren Kantonisten verschwinden. Dass die umgekehrte Variante zur Regel werden könnte, hatte kaum jemand bedacht. Man kann nur hoffen, dass Umweltminister Gabriel dieses durchsichtige Manöver der Konzerne zu verhindern weiß. Wer am Atomausstieg rührt, der rüttelt an einem Grundkonsens in der Bundesrepublik. nachrichten.red@volksfreund.de