Vom Steinewerfer zum Außenminister

Vom Steinewerfer zum Außenminister

Grünes Urgestein, polemischer Debatten-Redner, angesehener Bundesaußenminister und gesetzter Alt-Politiker: Joschka Fischer feiert an diesem Samstag in Berlin seinen 60. Geburtstag.

Berlin. Das Nobelrestaurant "Grill Royal" in der Berliner Friedrichstraße darf sich heute Abend über besonders illustre Gäste freuen. Altbundeskanzler Gerhard Schröder wird kommen und Ex-Innenminister Otto Schily, aber auch Star-Dirigent Daniel Barenboim und Schachweltmeister Garri Kasparow. Und natürlich stehen zahlreiche Promi-Grüne auf der Einladungsliste, angefangen von Renate Künast über Jürgen Trittin bis hin zu Claudia Roth. Denn der Gastgeber heißt Joschka Fischer. Heute wird er 60 Jahre alt.Auch nach dem Rückzug noch schwer beschäftigt

Auch wenn das Land nach dem Scheitern der rot-grünen Koalition nur noch wenig Notiz vom einstigen Sponti, Außenminister und grünen "Gott-Vater" nimmt, so ist Fischer immer noch schwer beschäftigt. Erst gestern kehrte er von einer Türkei-Reise zurück, bei der es auch zu einem Treffen mit dem Staatspräsidenten kam. Davor war Fischer auf Vortragsveranstaltungen in Griechenland unterwegs. Aus der aktuellen Tagespolitik hat er sich freilich komplett ausgeklinkt, was aber beileibe nicht heißt, dass ihm die grüne Politik egal wäre. Schließlich hat er die Partei wie kaum ein anderer geprägt. Unvergessen Fischers Vereidigung als erster grüner Umweltminister in Hessen, die er in Turnschuhen absolvierte. Berüchtigt der Zwischenruf in seiner parlamentarischen Frühphase, "mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch". Bewunderungswürdig aber auch, wie es ein Steinewerfer und Taxifahrer zum zweitwichtigsten Regierungsmitglied Deutschlands bringen konnte. Eine solche Biografie fasziniert, sorgt aber auch für Eitelkeiten, die Fischer im Übermaß besitzt. Nach ihm komme nur noch die politische "Playback-Generation", hat Fischer verächtlich gesagt. Doch darin steckt natürlich auch ein Fünkchen Wahrheit. Der gebürtige Baden-Württemberger brauchte kein Parteiamt, um sich grünen Respekt zu verschaffen. Fischers Mittel waren Wortgewalt und rhetorische Überzeugungskraft. Gleich in drei Bundestagswahlkämpfen hintereinander bewies er das eindrucksvoll. Am Abgrund stehend immer in Hochform

Sein Kampfgeist war immer dann in Hochform, wenn die Grünen wieder mal am politischen Abgrund standen. Innerparteilichen Pessimismus pflegte er mit ätzendem Spott ("Was machen die Feuchthosen in Berlin?") zu kommentieren. Fischer zog die Massen an. Selbst bei einer Wahlkampfveranstaltung im Januar in Hessen wollten den Polit-Pensionär noch weit über 1000 Leute hören. Den zweitgrößten Zulauf bei einem hessischen Grünen-Termin verbuchte Jürgen Trittin - es waren gut 100. Als Fischer 1994 den grünen Fraktionsvorsitz im Bundestag übernahm, galten seine Abgeordneten noch als unbeschriebenes Blatt. Wenige Jahre später konnte die Öffentlichkeit schon mehr mit den Namen Margareta Wolf, Matthias Berninger oder Rezzo Schlauch anfangen. Es waren fast durchweg gestandene Fachleute, die sich unter Fischer profilierten, aber inzwischen wie er der Politik entsagt haben. Aus Fischers Sicht konnte diese Lücke bislang nicht geschlossen werden. Vielleicht ist darüber Näheres im zweiten Band seiner Memoiren zu erfahren, der die Entwicklung nach dem Terror-September des Jahres 2001 bis hin zu den vorgezogenen Neuwahlen Ende 2005 behandeln soll. Das Buch könnte im nächsten Jahr auf den Markt kommen.

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