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"Wichtig ist, dass die Familie zusammenhält"

"Wir sind zufrieden", sagt Pia Teusch. Die Familie hat sich an das Leben mit dem behinderten Sohn Tim gewöhnt.Foto: Nora John
"Wir sind zufrieden", sagt Pia Teusch. Die Familie hat sich an das Leben mit dem behinderten Sohn Tim gewöhnt.Foto: Nora John
WITTLICH. Tim Teusch wurde drei Monate zu früh geboren. Die Folge seines Frühstarts sind spastische Lähmungen, eine geistige Behinderung und Krampfanfälle. Während andere Kinder mit der Zeit immer selbstständiger werden, braucht Tim auch heute mit zehn Jahren noch ständige Betreuung. Von unserer Mitarbeiterin <br>NORA JOHN

"Er ist auf dem Stand eines Vierjährigen", erzählt Tims Mutter, Pia Teusch. Durch Tims kleinen Bruder Felix hat sie den unmittelbaren Vergleich. Felix ist heute vier und in vielen Dingen schon selbstständiger als sein großer Bruder. Mit zehn Jahren wie ein Vierjähriger

Am Anfang nach der Geburt von Tim war die Behinderung noch nicht abzusehen. "Bis drei Jahre ist das nicht aufgefallen", erzählt Pia Teusch. Dann hätte er laufen sollen und lernte es nicht. "Sitzen konnte er nie", beschreibt sie eine weitere Folge der Behinderung. Mittlerweile kann Tim selbstständig gehen. Durch eine Operation im Alter von sieben Jahren konnte die Fehlstellung der Füße soweit korrigiert werden, dass er laufen lernte. Bei größeren Menschenmengen, wenn plötzlich jemand auf ihn zukommt, wird Tim noch unsicher. Fällt er hin, braucht er Hilfe, um wieder auf die Füße zu kommen. Ständige Betreuung ist daher auch heute noch notwendig. "Ich werte die Zeit gar nicht", erzählt Pia Teusch. Brote schmieren, waschen, anziehen - immer braucht Tim Hilfe wie ein Kleinkind, erzählt sie. Auch nachts müsse man immer mal wieder aufstehen, wenn Tim zur Toilette gehe, denn alleine zudecken kann sich der Zehnjährige nicht. Ein großes Problem sind auch die immer wieder auftretenden epileptischen Anfälle. "Das kann jede Minute passieren." Meist sei es jedoch beim Einschlafen oder beim Aufwachen. Bei kleineren Anfällen könnten sie selbst helfen. Bei schwereren Anfällen müsse jedoch der Rettungswagen geholt werden. Tagsüber wird er auf der Maria-Grünewald-Schule, einer Schule für Behinderte, betreut. Gegen acht Uhr wird Tim per Taxi abgeholt. Am Nachmittag spielt er bei gutem Wetter draußen, später schaut er wie andere Kinder Fernsehen, bevor es ins Bett geht. "In den Ferien ist es mehr Arbeit", sagt Pia Teusch. Auf Urlaubsreisen verzichtet die Familie meist. "Fliegen trauen wir uns nicht." In diesem Jahr plane man aber erstmals einen zweiwöchigen Urlaub in Holland. Veränderungen sind für Tim immer schwierig. Als er neue Lehrer bekam, gab es Probleme. Auch Besuche bei anderen verunsichern Tim. Er reagiere sehr feinfühlig, wenn er merke, dass er nicht richtig akzeptiert werde, sagt Pia Teusch. Doch könne er sich dann sprachlich nicht ausdrücken und mache durch größere Unruhe auf sich aufmerksam. Zwischen Arztbesuch und Krankenhaus

Geprägt ist das Leben mit dem behinderten Kind auch von vielen Arztbesuchen und Krankenhausaufenthalten. Schon oft musste Pia bei ihrer Arbeit unbezahlten Sonderurlaub nehmen, um sich um Tim zu kümmern. Viel Arbeit machten auch in den vergangenen Jahren die Anträge an die Krankenkasse. "Zur Zeit sind wir zufrieden", freut sich Pia Teusch über die erfolgreiche Beantragung der Pflegestufe zwei. Um dies zu erwirken, führte sie zwei Wochen lang ein Pflegetagebuch, in dem vom Waschen über Nase putzen jede Tätigkeit genau notiert wurde. Der Umgang mit dem behinderten Kind wirke sich auch auf den jüngeren Bruder aus, erzählen die Eltern. Oft traue man dem kleineren auch weniger zu, weil man es von dem älteren so gewohnt sei, erzählen sie. "Ich will ihn tragen, obwohl er schon längst selber laufen kann", schildert Leo Teusch. Bei allen Schwierigkeiten meint Pia Teusch jedoch, dass es ihnen vergleichsweise gut gehe. "Wichtig ist, dass die Familie zusammenhält." Manchmal allerdings komme schon der Gedanke: "Warum gerade wir", sagt Tims Mutter. Aber dann werde der Gedanke auch wieder ganz schnell weggeschoben. Richtig selbstständig wird Tim nie leben können. Dennoch haben auch seine Eltern Wünsche für seine weitere Entwicklung. "Ein Traumziel wäre es, dass er alleine in die Stadt fahren kann, und weiß wo er zu Hause ist", hofft Leo Teusch.