Der Entschärfer

Fast ein Vierteljahrhundert lang hatte Willi Wehrhausen mit gefährlichen Altlasten zu tun. Die größte davon: das spreng- und kampfstoffverseuchte Gelände der früheren Hallschlager Munitionsfabrik "Espagit". Jetzt wird der Mann vom Kampfmittelräumdienst für seine Arbeit geehrt: Wehrhausen erhält heute das Bundesverdienstkreuz.

Prüm-Weinsfeld. Nicht jeder, dem sie einen Orden umhängen, hat sich wirklich um seine Mitmenschen verdient gemacht. Manchmal reicht es, nur lange genug auf einem Posten ausgeharrt zu haben. Oder zu den Mächtigen zu gehören: Sie ziehen das Brustlametta an wie das Licht die Motten.
Bei Willi Wehrhausen ist das anders: Wenn man Weggefährten fragt, wie sie auf die Nachricht reagieren, dass der 61-Jährige nun das "Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" erhält, dann sind die Reaktionen einstimmig: Diesmal trifft\'s den Richtigen.
"Ich bin darüber höchst erfreut", sagt Horst Lenz, Chef des Kampfmittelräumdiensts (KMRD) und Wehrhausens langjähriger Vorgesetzter. Die Auszeichnung sei mehr als verdient - "es ist eigentlich ein Muss, dass er das bekommt. Er hat tolle Leistungen erbracht während seiner Dienstzeit." Zu diesen Leistungen zählt natürlich auch die Arbeit auf dem Gelände der 1920 explodierten Munitionsfabrik "Espagit" in Hallschlag: Fast 20 Jahre lang hat man dort seit 1988 geräumt, mehr als 6300 Granaten wurden geborgen, Hunderte davon kampfstoffverdächtig, außerdem tonnenweise Sprengstoff, Munitionsreste und anderer Schrott aus zwei Weltkriegen. Der Preis: 55 Millionen Euro.
Herausforderung Espagit


Eine große, auch im TV über die Jahre ausführlich dokumentierte Belastung für die Anwohner, deren Grundstücke zeitweise zu Mondlandschaften wurden - aber auch für Wehrhausen: Als verantwortlicher Mann vom KMRD und im Auftrag der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion musste er gegenüber den Hallschlagern manche unpopuläre Behördenentscheidung vertreten und sah sich immer wieder mit der Aufgabe konfrontiert, vor allem menschliche Konflikte zu entschärfen. Das aber machte er offenbar so gut, dass sich jetzt auch jene für ihn freuen, die es in diesen zwei Jahrzehnten nicht einfach hatten: "Das tun wir auf jeden Fall", sagt Manfred Haep. Der Landwirt und seine Familie hatten wie ihre Nachbarn erheblich unter der Munitionsräumung zu leiden. Haep erinnert sich aber auch daran, dass Wehrhausen immer um ein gutes Miteinander bemüht gewesen sei - "und dass alles auf ihm abgeladen wurde. Das war nicht immer einfach für ihn."
"Ich habe da menschlich und fachlich sehr viel dazugelernt", sagt Wehrhausen heute über die Jahre in Hallschlag. Aber nicht nur dort hinterließ seine Arbeit Spuren: Peter Hillen vom Ordnungsamt in Prüm zum Beispiel erinnert sich an eine Reihe von Einsätzen mit Wehrhausen. "Willi ist ein sehr kameradschaftlicher Mensch. Und seine Arbeit macht er sehr gewissenhaft." Wie im Jahr 2008, als Wehrhausen im Tettenbusch oberhalb von Prüm eine Bombe fand, die sich nicht mehr entschärfen ließ: Der Kopfzünder war beschädigt, das Kriegsrelikt musste, nach der Evakuierung einiger Wohngebiete, aus dem Wald transportiert und in der Nähe von Wascheid zur Detonation gebracht werden.
Auf Wehrhausen sei immer Verlass gewesen, sagt Hillen und beschreibt den 61-Jährigen, der inzwischen in Altersteilzeit ist, als besonnen, sehr hilfsbereit, fleißig und von großem Fachwissen.
Hat er doch einmal auch Muffensausen gehabt? Ja, sagt Wehrhausen: "Bei der Bombe in der Langemarckstraße." Das war vor zwei Jahren in Prüm - "da haben wir zu viert zwei Stunden lang geochst, um den Zünder rauszukriegen", erzählt er. Am Ende seien alle fix und fertig gewesen. Auch sein ehemaliger Chef Horst Lenz, von dem er mit höchstem Respekt spricht: "Ich habe nie jemanden erlebt, der ihm das Wasser reichen kann." Zugleich habe ihn Lenz immer machen lassen, ohne ihn zu gängeln, ein Grund dafür, dass er seine Arbeit so gut habe erledigen können.
Zum Räumdienst kam der frühere Forstarbeiter Wehrhausen 1988. Bis dahin hatte er nämlich den Sprengstoffexperten so viele Bomben- und Munitionsfunde gemeldet, dass ihn der damalige KMRD-Leiter ansprach: "Hier wird eine Stelle frei, hast du nicht Lust, zu uns zu kommen?" Er hatte, er blieb - und wird heute, 27. Januar, 15 Uhr, für seine Verdienste geehrt. Die Auszeichnung überreicht Staatssekretärin Heike Raab in der Verbandsgemeindeverwaltung.
Wehrhausen glaubt, dass er das Verdienstkreuz auch seiner Tätigkeit in den Jahren nach Hallschlag verdankt: "Da haben wir intensiv die Waldgebiete ins Visier genommen - und enorme Mengen an Munition gefunden."
Willi Wehrhausen wird die Augen offen halten, auch wenn die Arbeit nun für ihn weitgehend zu Ende ist - anders als für seine Kollegen vom Kampfmittelräumdienst: "Da ist noch viel zu tun", sagt er. "Viele Kampfgebiete sind nur oberflächig untersucht. Aber da steckt noch einiges. Das wird uns noch lange, lange Jahre beschäftigen."