Der unbekannte Große: Heimatmuseum Speicher erinnert mit Ausstellung an Künstler Johannes Thiel

Der unbekannte Große: Heimatmuseum Speicher erinnert mit Ausstellung an Künstler Johannes Thiel

Er ist ein Sohn der Stadt: Das Heimatmuseum zeigt noch bis Dienstag, 31. Mai, Werke des Künstlers Johannes Thiel, der 1889 in Speicher geboren wurde. Während er vor allem als Grafiker Berühmtheit erlangte, war sein Name in der Eifel lange Zeit fast unbekannt.

Foto: (e_bit )

Speicher. Wenige Jahre vor seinem Tod schrieb Johannes Thiel in einer kurzen Biografie über sich selbst: "Wollte immer Maler werden und wurde es auch, oder auch nicht, je nach den Zeitbegriffen." Ein Künstler war er, der sich in allem versuchte - und in allem Erfolg hatte: Er machte sich mit seinen Radierungen einen Namen, er malte Aquarelle für den deutschen Adel, seine Grafiken zierten rar aufgelegte Werke von Molière und Shakespeare, er illustrierte Kinderbücher, vor allem für den Herder Verlag, später wandte er sich Landschaften und Porträtstudien zu.
Und dennoch: Der bekannte Maler und Grafiker, der 1960 mit dem Hans-Thoma-Preis ausgezeichnet wurde und dessen Name heute eine Straße im baden-württembergischen Kirchzarten ziert - in dem Ort, an dem er Jahrzehnte seines Lebens verbrachte und wo er beerdigt wurde -, war woanders beinahe in Vergessenheit geraten: in seiner Geburtsstadt Speicher.

Dort wurde Johannes Thiel geboren, am 11. September 1889, als fünftes Kind von Wilhelm Thiel und Elisabeth, geborene Müller. Die Familie hatte in Speicher ein Rahmengeschäft, zog aber dann nach Koblenz - da war Johannes Thiel fünf Jahre alt. Werner Peter Streit vom Heimatmuseum, der 1988 in einem Antiquariat auf Radierungen Thiels stieß, sich des Namens erinnerte und kurz darauf, 1990 und 1991, zwei große Ausstellungen organisierte, möchte Mann und Kunst den Speicherern wieder in Erinnerung bringen.
Er hat auch jetzt wieder eine kleine, feine Schau im Heimatmuseum ausgearbeitet, die mit zahlreichen Radierungen und illustrierten Büchern, aber auch Informationen und alten Zeitungsberichten einen Einblick in Werk und Leben von Johannes Thiel gibt.

In seiner Heimat selbst war Thiel noch einmal im Jahr 1956. Daran kann sich auch Werner Peter Streit erinnern: "Er hatte eine große Ausstellung in Trier, im Simeonstift, da hat er auch Speicher besucht. Es hieß, ein bekannter Künstler werde am Bahnhof abgeholt. Ich weiß noch, dass der Männergesangverein ihn begrüßt hat und dass es einen Empfang im Hotel Schwan gegeben hat. Ich selbst habe ihn aber nicht gesehen."
Thiel schrieb außerdem Briefe mit einem Vetter in Speicher: Als dieser starb, vermutet Streit, brach wohl die letzte Verbindung nach Speicher ab. Thiel starb am 31. Juli 1962 in einer Freiburger Klinik. 1959 hatte er einen Schlaganfall erlitten, danach aber noch hunderte Landschaftsaquarelle geschaffen.

Sein Leben: So erfolgreich es war, so voller Schicksalsschläge war es auch. Von den Kunst-Akademien in München und Stuttgart hatte es den jungen Thiel auf Reisen nach Spanien, Italien und England gezogen. Auf die eine rastlose Zeit folgte eine andere: Er wurde Soldat, bei Verdun verwundet - ein Lungendurchschuss - landete er in einem Freiburger Lazarett, wurde dort gesund gepflegt. Die Krankenschwester heiratete er. Bis in die Mitte der 1920er Jahre widmete er seine Schaffenskraft dann seinen Radierungen.

Er illustrierte bald nicht nur Kinderbücher, sondern schrieb sie auch selbst. Doch privat schlug das Schicksal hart zu: Seine Frau starb früh, auch der jüngere Sohn. Thiel meldete sich daraufhin, im Alter von 52 Jahren, freiwillig zum Kriegseinsatz, wurde als Maler und Berichterstatter an die Fronten kommandiert. 1942 war er in Russland, in Smolensk, wo im Jahr zuvor sein ältester Sohn als Fliegersoldat gefallen war. Auch Thiel sah das Kriegsgeschehen vom Flieger aus, sah vom Himmel herab auf sein grausames Gesicht. Und malte es.

Gesichter: Sie beschäftigten ihn vor allem in der Zeit danach. "Gesichter, deren Runzeln hinüber und weit, weit zurückweisen, gezeichnet von Qual, von Sorgen, Kummer und Leid. Die Freuden aber hinterließen keine Spuren", schrieb Thiel einmal über das menschliche Antlitz. Zuflucht hatte er in Kirchzarten gesucht - und gefunden. Er heiratete wieder, 1946, wurde nochmals Vater einer Tochter.

Viele seiner Werke befinden sich heute im Besitz der Familie. Neben Radierungen und Illustrationen ist noch etwas Besonderes im Heimatmuseum zu sehen: Manuskripte, über denen Thiel vermutlich gestorben ist.
"Er hat sich zuletzt viel mit Zwergen beschäftigt", sagt Streit. Ein Stoff für ein Kinderbuch - aber nicht nur: Streit vermutet, Thiel könnte dabei auch die Speicherer Sage von den Wichterchen im Kopf gehabt haben. Die kleinen Menschen sind aus Neugierde aus ihrem Versteck gekommen, dann aber bei einer Hochzeit erwischt worden - einer verlor einen silbernen Schuh, den er bis heute sucht.

Der weit gereiste Johannes Thiel: Er hatte seine Heimat keineswegs vergessen. Und Streit, der auch schon von der nächsten großen Thiel-Ausstellung in ein paar Jahren träumt, lässt nicht nur dessen Kunst, sondern auch Verbindungen wieder aufleben: Er hat Thiels Tochter, die in Karlsruhe lebt, zur Ausstellung nach Speicher eingeladen.
Das Heimatmuseum Speicher ist geöffnet: dienstags bis freitags, sonn- und feiertags, von 14 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung, Telefon: 06562/9319207.

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