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Auszeichnung für Choreographin: Nicht nur im Tanz überwindet die Triererin Hannah Ma Grenzen

Willens- und ausdrucksstark: die Trierer Tänzerin und Choreographin Hannah Ma – hier in der Luxemburger Produktion „Dieu Monstre“.
Willens- und ausdrucksstark: die Trierer Tänzerin und Choreographin Hannah Ma – hier in der Luxemburger Produktion „Dieu Monstre“. FOTO: boshua/ Bohumil Kostohryz
Trier. Mit ihren sensiblen Tanzprojekten in der Trierer Tuchfabrik, aber auch in Luxemburg, ist Hannah Ma eine der eigenwilligsten und engagiertesten Persönlichkeiten der Region und zudem eine ausgesprochen aufgeschlossene. Seit kurzem ist die Choreographin und Tänzerin auch Trägerin des rheinland-pfälzischen BrückenPreises. Eva-Maria Reuther

Zärtlich erfüllen die leisen Töne einer arabischen Laute den Raum. Am Boden liegen schlafende Menschen im Kreis, zum Teil sieht man ihnen ihre Herkunft aus dem Nahen Osten an. Langsam belebt sich das menschliche Rund. Köpfe und Arme recken sich empor. "Sie suchen einen Ort", schreibt später eine junge Frau hinten an die Wand.

Das war im Sommer. Hannah Ma hatte damals eine Tanzperformance ihres deutsch-arabischen Projekts H.E.R.O.E.S. in der Europäischen Kunstakademie in Trier aufgeführt , in der auch syrische Flüchtlinge mitwirkten. Grenzen überwinden, voneinander lernen, den eigenen Horizont erweitern, das war schon immer das Anliegen der Choreographin, Tänzerin und Regisseurin, für das sie jetzt zusammen mit dem Verein Tufa Tanz und Dance Development Luxemburg den rheinland-pfälzischen BrückenPreis erhalten hat .

In einem Café in der Trierer Innenstadt sitzt die dunkelhaarige Künstlerin vor einem Sandwich. Den ganzen Tag hat sie in der Tufa geprobt. "Das macht hungrig", sagt die feingliedrige Frau, der man den chinesischen Vater ansieht, den sie neben der deutschen Mutter hat. Ihr Blick ist sanft, ihre Mimik lebhaft. Wenn sie erzählt, klingt aus den wohlformulierten Sätzen ein scharfer Geist und ein erklärter Wille.

Wille und Vorstellung und eine unbändige Energie haben wohl von Anfang an im Leben der Künstlerin eine Hauptrolle gespielt. Im oberbayerischen Berchtesgaden wurde sie 1979 als Tochter eines ins deutsche Alpenland verschlagenen Chinesen und einer ortsansässigen Bajuwarin geboren. Der kleine Grenzverkehr ins nahe Salzburg faszinierte schon das kleine Mädchen, das ihn so oft wie möglich nutzte. Und natürlich der Ballettunterricht, den sie dort erhielt. "Ich wusste schon mit zehn Jahren, dass ich etwas mit Tanz machen wollte", erinnert sich Ma. Gewusst, getan: Die Schülerin aus den Alpen wechselte ans Wiener Konservatorium, wo sie im kooperierenden Ballettgymnasium wohnen und ihr Abitur machen konnte.

Aus Wien gelang ihr der Sprung als Stipendiatin in die berühmte John-Cranko Schule in Stuttgart, eine der ersten Adressen der Ballettausbildung. Seitdem hat Hannah Ma noch viele Male Ort und Wohnung gewechselt, bevor sie mit ihrer Familie in Tawern ansässig wurde, wo sie inzwischen lebt. "Ich hatte lange nur so viel Besitz, wie man in einem Auto transportieren kann", erzählt sie. Trotz festen Wohnsitzes: Tief in ihrem Innern ist die Choreographin, die international arbeitet, mit ihrer Sehnsucht nach neuen Horizonten wohl einer der "Zugvögel" geblieben, die einer Trierer Produktion von 2013 den Namen gaben.

Dass sie derart über die Grenzen unterwegs ist, um zu entdecken, was die Welt verbindet und im Innersten zusammenhält, findet Ausdruck in ihrer Tanztheater-Arbeit. "Für mich ist der Tanz Weltdeutung", sagt Hannah Ma. Die betreibt sie mit der kleinsten Bewegung und jedem Muskel. Medien aller Art machen zudem aus ihren Produktionen Gesamtkunstwerke aus Bewegung und bildkünstlerischer Gestaltung. Dass die freischaffende Künstlerin mit eiserner Disziplin ihre sensiblen Projekte erarbeitet, versteht sich von selbst. "Gerade was so leicht wirkt, ist häufig in der Entstehung Schwerstarbeit", weiß Ma.

Den BrückenPreis hat die Künstlerin auch für ihr bürgerschaftliches Engagement in einem grenzüberschreitenden Projekt erhalten. "Beyond Movement" ist ein Gemeinschaftsprojekt von Tufa Tanz und dem Dance Development Luxemburg. Mit ihrer Luxemburger Kollegin, der finnischen Tänzerin Anu Sistonen, hat Ma ein Projekt erarbeitet, das sich in drei Meisterklassen mit den Themen Flucht und Vertreibung auseinandersetzt. Die Teilnehmer kommen aus Trier und Luxemburg.

Der Mensch steht stets im Fokus ihrer Arbeit, sagt Ma: "Ich bin ein intensiv fühlender Mensch." Wenn es darum gehe, solche Gefühlsmacht darzustellen, überschreite sie auch schon mal Grenzen: "Der Drang, authentisch zu sein, ist größer als das Ich, das sich schützen will."

Das Théâtre National du Luxembourg zeigt als "Tanztheater für große und kleine Menschen" Hannah Mas Projekt "Nussknacker - das Fest". Termine: 11. Dezember, 20 Uhr; 12. Dezember, 18.30 Uhr, 13. Dezember, 17 Uhr.