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Der Reiz des Verborgenen

Der Reiz des Verborgenen

Ein Quell der Weisheit, Geschichten, Inspiration: Bücher. Aber auch diese können ihren Wert verlieren. Nach der Erfindung des Buchdrucks wurden Tausende Handschriften zerschnitten und für neue Drucke verarbeitet. Im Stadtarchiv Weberbach möchte man diese Fragmente erhalten und sucht nach Paten.

Trier. Ein junger Mann verliert auf einer Jagd den Anschluss an seine Gruppe, er irrt umher, landet schließlich an der Küste, schläft auf einem mysteriösen Geisterschiff ein, erwacht in einem fremden Land und beginnt eine Liebesaffäre mit einer noch mysteriöseren Frau: Die Geschichte rund um Partonopier und Meliur von Konrad von Würzburg wäre für den modernen Buchmarkt wahrscheinlich etwas zu abwegig und märchenhaft. Der Autor Konrad von Würzburg wurde irgendwann zwischen dem Jahr 1220 und 1230 in Würzburg geboren, gestorben ist er am 31. August 1287 in Basel. Irgendwann in diesem Zeitraum fertigte er die Liebesgeschichte an. Per Hand.
Der Buchdruck
wurde erst Jahrhunderte später, um das Jahr 1450 erfunden. Und dieser wurde dem Werk Konrads zum Verhängnis, zumindest einer Abschrift davon, die Reste von ihr liegen heute in einem vergilbten Briefumschlag im Stadtarchiv in der Stadtbibliothek Weberbach in Trier.
Ted Schirmer, 37 Jahre alt, Bibliothekar, und Michael Embach, 60 Jahre, Leiter der Bibliothek, sitzen vor einer Pappschachtel, darin große und kleine Umschläge, auf die mit der Hand ein paar Zeilen geschrieben wurden, wie: "Mittelhochdeutsch", "13 Gedichte" oder eben "Partonopier und Meliur". Darin befinden sich einzelne Pergamentstücke, manchmal nur zurechtgeschnittene Fetzen. Es ist eine Sammlung von sogenannten Fragmenten, Überbleibseln einstiger Handschriften aus dem Mittelalter. Schirmer zieht ein dickes Buch von einer Ablage, ein Druck aus dem Jahr 1650, der Inhalt ist egal. In diesem Fall beurteilt Schirmer das Buch nur nach seinem Einband.
"Als der Buchdruck stärker aufkam, wurden viele alte Handschriften an Druckereien verkauft", weiß Schirmer. Die Druckereien recycelten die robusten und teuren Pergamentseiten. "Die ursprüngliche Handschrift wurde zerschnitten und zu Einbänden und Verstärkungen für die genähten Papierseiten verarbeitet." Oft seien es liturgische oder juristische Texte, die man in anderen Büchern wiederfindet, sagt Embach. "Wenn ein Kloster aufgelöst wurde, hatte man keine Verwendung mehr für die Lieder dieses Klosters. Wenn Gesetze geändert wurden, verloren die früheren juristischen Texte ihre Bedeutung." Es habe aber auch viele Handschriften gegeben, die obsolet wurden, eben weil der Buchdruck nun da war, sagt Schirmer. Der Zahn der Zeit nagte an den Druckwerken und löste die Pergamentstücke von Einband und Seiten, zum Vorschein kamen eben diese Handschriften, die schon so manchen Schatz in sich bargen.
"Vor wenigen Jahren fand ein Luxemburger Kollege ein Fragment, auf dem sich eine sehr frühe Abschrift der 'Physica' von Hildegard von Bingen befand", berichtet Embach. Eine Sensation: "Abschreiben war im Mittelalter vergleichbar mit 'Stille Post'-Spielen", sagt Schirmer, "Texte wurden nach den neusten Erkenntnissen der Zeit verändert, umgeschrieben. Die Idee von einem Autor als Urheber kam erst im Humanismus auf." Aber diese Abschrift von Hildegards Text sei sehr alt und wahrscheinlich sehr nah an den originären Gedanken Hildegards von Bingen, erklärt Embach. Der Fund sei eine Quelle der Erkenntnis, aber vor allem eines: Zufall. In fast jeder Bibliothek lägen solche Fragmente, weiß Embach, das Suchen darin gleiche der Nadel im Heuhaufen. "Wir haben etwa 1000 Fragmente hier", sagt Schirmer, alleine 14 Umschläge befänden sich in der Schachtel, die vor ihnen liegt. Darin wären unterschiedlich viele Einzelstücke. Eine Unmenge an Fragmenten, die Kollegen aus früheren Jahrhunderten ihnen da überlassen hätten. Und eine Menge an Arbeit.
Die Fragmente liegen momentan in einfachen Briefumschlägen, die nicht säurefrei sind, das setzt den Stücken auf Dauer zu. Außerdem werden sie durch physische Belastungen, wie herausholen aus dem Umschlag und wieder reinstecken, durch Bewegungen im Umschlag, zusätzlich belastet. "Die Kollegen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben genommen, was sie damals zur Verfügung hatten, zudem gab es noch ein ganz anderes Bewusstsein, was das Konservieren anbelangt", erklärt Embach. Die Stücke lägen teils Jahrhunderte in diesen Briefumschlägen: "Und damit wir für spätere Generationen noch etwas zum Vererben haben, arbeiten wir gerade daran, das Ablagesystem zu professionalisieren." Konkret heißt das, jedes Fragment soll eine säurefreie Hülle bekommen, in der das Stück nicht hin- und herrutschen kann, und vor allem, in der es problemlos betrachtet und erforscht werden kann:
"Wir können nicht erforschen, was wir nicht anschauen können", sagt Schirmer. "Durch die Konservierung ergeben sich auch Chancen, die Fragmente zu erforschen und zu ordnen. Ein weites Feld, an dem nicht nur die beiden interessiert sind: "In Trier liegt die größte Sammlung hebräischsprachiger Fragmente in Deutschland." Wahrscheinlich durch einen mittelalterlichen Pogrom kamen die hebräischen Schriften in den Besitz eines Klosters in der Nähe von Trier, welches die Schriften wiederum Druckereien anbot. Gerade korrespondiert die Bibliothek mit einer Institution in Jerusalem, die großes Interesse an den Daten der Fragmente hat. Ein Traum wäre eine Digitalisierung, mit der auch andere Institutionen und Bibliotheken weltweit auf das Material zugreifen könnten, vielleicht würden sich so weitere Zufallsfunde ergeben, meint Embach. "Aber das ist ja auch der Reiz der Fragmente", sagt Schirmer, "dieses Verborgene, völlig Unbekannte, das irgendwo schlummert. Man sucht über Jahrhunderte etwas in Büchern und weiß nicht, dass es eigentlich in den Einband eines anderen Buches eingearbeitet wurde." Partonopier und Meliur bricht übrigens mitten im Geschehen ab, die Geschichte erscheint unvollendet. Vielleicht finden sich ja noch ein paar Zeilen im Einband eines anderen Buches, irgendwo in einer Bibliothek.GEMEINSAM ERHALTEN


Extra

 Die Reste von Konrads Werk könnten bald in einer säurefreien Hülle stecken.
Die Reste von Konrads Werk könnten bald in einer säurefreien Hülle stecken. Foto: (g_kultur
Der Reiz des Verborgenen
Foto: (g_kultur

(sbra) Die Stadtbibliothek Weberbach und ihr Förderverein suchen aktuell nach Paten, die Konservierungen mitfinanzieren möchten. 60 Euro kostet der Vorgang, bei dem Fragmentenstücke in einer säurefreien, durchsichtigen Hülle befestigt werden. Informationen und eine Broschüre mit weiteren Hinweisen zu den Fragmenten gibt es beim Förderverein per E-Mail unter foerderverein@trier.de