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Weltkulturerbe
Ein Wellness-Tempel, der seinem Namen Ehre macht

FOTO: (g_kultur
Trier. Über die heutigen Schwimmbäder und Spa-Einrichtungen hätten die Römer wohl nur müde gelächelt. Davon zeugen die Barbarathermen in Trier, die zum Weltkulturerbe zählen. Ihre einstige Bedeutung offenbart sich allerdings erst auf den zweiten Blick - dank einer wechselvollen Geschichte. Rebecca Schaal

Trier. Ganz sanft streichen die Hände über den Rücken, die Sinne sind ganz benebelt von duftenden Ölen, die angenehm warme Raumtemperatur lädt ein in den Dämmerzustand. Nebenan baden Menschen in riesigen Becken, kalt, warm, lauwarm, wie es das Herz begehrt. Manche flanieren über die wunderschönen Marmorfußböden, während ihr Blick auf die aufwendigen Mosaikbilder fällt. Draußen spielen einige mit einem Ball, andere laufen eine Runde, um den Muskeln anschließend drinnen, in der Wärme, wieder Entspannung zu schenken. Die Wissbegierigen lesen in der Bibliothek, die Hungrigen und Durstigen schlendern an den vielen Läden vorbei. Und die allermeisten nutzen ihren Aufenthalt für einen Plausch mit Nachbarn, Freunden und Bekannten.
Klingt nach Deutschlands schönstem Wellness-Tempel? Tatsächlich beschreibt es das Geschehen in den Barbarathermen. Wir schreiben das Jahr 250 nach Christus in Augusta Treverorum.

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Ein Tag in den Thermen, das ist für die Römer nicht bloß Zeitvertreib, sondern Lebensgefühl. Sie zelebrieren ihre Aufenthalte dort, machen sie zu einem All-inclusive-Erlebnis, einem gesellschaftlichen Ereignis. Und so haben die Badeanlagen wenig mit unseren Hallenbädern samt funktionalem 70er-Jahre-Charme zu tun. "Form follows function", dieses Credo aus der Architektur, das besagt, dass das Aussehen eines Gegenstands von seiner Funktion definiert wird, interessiert die damaligen Bauherren wenig. Schön soll dieser Ort sein, prunkvoll, ein Platz für das schöne Leben. Oder für das reiche, denn dort, zwischen dampfendem Wasser, Schönheitssalons und Ruheräumen, werden auch lukrative Geschäfte abgeschlossen.
Alles, nur nicht zweckmäßig soll der Mammutbau sein. Was deshalb in Trier, ganz nah an Moselufer und Moselbrücke entsteht, ist die größte Thermenanlage nördlich der Alpen und nach den Trajansthermen in Rom die zweitgrößte Anlage des gesamten Römischen Reiches - mit einem Badebetrieb, der nahezu 300 Jahre andauert. Außerdem - und das dürfte spätestens jetzt klar sein - größer als die beiden anderen Thermen der Stadt, die Viehmarkt- und die Kaiserthermen.
Beeindruckendes Beispiel gefällig? Alleine der Saal mit dem Kaltwasserbecken, dem frigidarium, war so groß, dass die Porta Nigra darin Platz gefunden hätte. Archäologe Dr. Georg Breitner vom Rheinischen Landesmuseum konkretisiert - und das nicht weniger beeindruckend: "Er war nur ein wenig kleiner als die Basilika." Hinzu kamen das Warmbad (caldarium) und das lauwarme Bad (tepidarium) - in ihrer Ausrichtung und Schönheit nordafrikanischen Vorbildern nachempfunden.
Die Barbarathermen sind aber nicht nur das größte Weltkulturerbe der Stadt, sondern wohl auch das, für das der Betrachter heute die meiste Fantasie braucht. Während die vielen Touristen ehrfürchtig vor Porta Nigra und Dom erstarren, ist es in den Barbarathermen mehr ein zweifelndes Suchen. Weil vom einstigen Glanz nicht mehr viel zu sehen ist. Dabei sollte jeder Besucher froh sein, überhaupt so nah an die Überreste heranzukommen - denn 15 Jahre lang war das wegen Restaurierungsmaßnahmen gar nicht möglich.
Erst seit 2015 gibt ein - zugegebenermaßen nicht besonders attraktiver - Steg quer über das Gelände den Blick frei auf Mauern und Steine. Dank der Schautafeln samt visueller Reise in die römische Vergangenheit lässt sich die einstige Bedeutung Stück für Stück, Becken für Becken erahnen. Ansonsten: Hier ein paar Reste einer Säule, dort ein Torbogen, da einige Mauern - und immer wieder müssen Überreste mit Hilfe von Holzdächern vor dem weiteren Verfall geschützt werden.
Jedoch: "Durch restauratorische Sicherung und sensible handwerkliche Restaurierung werden zukünftig auch bisher durch Schutzdächer provisorisch gesicherte und für Besucher nicht sichtbare Befunde wieder erlebbar", macht das rheinland-pfälzische Finanzministerium Hoffnung auf weitere, bislang unbekannte Einblicke. Das Land bezahlt die Sicherungsmaßnahmen. Die Kosten für die laufenden Arbeiten beziffert die Generaldirektion Kulturelles Erbe (GKDE) auf etwa 460 000 Euro.
In der Vergangenheit hat man es indes lange weit weniger gut gemeint mit dem bedeutenden Relikt aus römischer Zeit. Aus den Überfällen von Germanenstämmen im 4. Jahrhundert ging die Anlage noch relativ unbeschadet hervor und diente den Bewohnern als Schutz. Erst danach verfielen die Bauten, die im Mittelalter eine neue, wenn auch weitaus weniger prunkvolle Bedeutung erlangten: als Standort für den nicht mehr existierenden Vorort St. Barbara ("Barbeln"), der den Thermen ihren Namen verlieh, und als Sitz des Adelsgeschlechts de Ponte, das sich wohl wegen der Nähe zur Moselbrücke so nannte.
Stein für Stein wurden die einst so prächtigen Thermen über Jahrhunderte in die (vorläufige) Bedeutungslosigkeit abgetragen - so dienten sie seit 1611 als Steinbruch für den Bau des Jesuitenkollegs. Der natürlichen Verwitterung wurden sie schließlich erst überlassen, nachdem Franzosen Ende des 17. Jahrhunderts noch stehende Überreste gesprengt hatten.

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Ein sonniger Herbsttag Ende Oktober. Wir schreiben das Jahr 2016. Eine Mutter hetzt mit ihrem Sohn an der Hand über den Steg, der eigentlich zum Innehalten verführen will. Zum Staunen und zum Fantasie spielen lassen.
Von vielen Trieren wird er tagsüber einfach als Abkürzung genutzt, um nicht außenrum an der Südallee entlanglaufen zu müssen. Der Junge, vielleicht sieben Jahre alt, bleibt an einem Hinweisschild stehen, das - in der passenden Höhe und Aufmachung - eigens für Kinder angebracht wurde. Die Frau zieht ihn weiter, Gesprächsfetzen dringen herüber: Irgendetwas von "Mittagessen", "beeilen" und "Hausaufgaben". Ob sie etwas davon ahnt, dass genau hier vor etwa 1800 Jahren ein faszinierender Ort der Entspannung, des Genusses, der Ruhe und der Lebensfreude war?Extra

Öffnungszeiten der Barbarathermen für Besucher: April bis September: täglich von 9 bis 18 Uhr Oktober und März: täglich von 9 bis 17 Uhr November bis Februar: täglich von 9 bis 16 Uhr Der Eintritt ist frei. Weitere Fotos und Texte zu den anderen Weltkulturerbestätten unter volksfreund.de/ weltkulturerbe

Dächer aus Holz, wie hier im Hintergrund, schützen besonders sensible Überreste der Barbarathermen. Eine umfangreiche Sanierung soll künftig aber auch diese Bereiche wieder für Besucher sichtbar machen. Die Informationstafeln (Bild rechts) zeigen unter anderem, wie imposant die Innenräume der Anlage einst waren.
Dächer aus Holz, wie hier im Hintergrund, schützen besonders sensible Überreste der Barbarathermen. Eine umfangreiche Sanierung soll künftig aber auch diese Bereiche wieder für Besucher sichtbar machen. Die Informationstafeln (Bild rechts) zeigen unter anderem, wie imposant die Innenräume der Anlage einst waren. FOTO: (g_kultur
FOTO: (g_kultur