Geschichten aus dem Turmverlies

Geschichten aus dem Turmverlies

MANDERSCHEID. Die sommerliche Hitze machte es möglich: 100 Zuschauer kamen in Shorts und Capri-Hosen zum klassischen Konzert und zur Literaturlesung nach Manderscheid.

100 Zuschauer - das waren doppelt so viele wie Rainer Laupichler, Initiator der Manderscheider Kulturtage, erwartet hatte. Doch die Begeisterung, die eine Woche zuvor die Aufführung des "Hamlet" hervorgerufen hatte, konnten klassische Klaviermusik mit der Pianistin Veronika Morgenstern (Ulm) und die anschließende Lesung aus Edgar Allen Poes (1809 bis 1849) "Die Grube und das Pendel" auf der Burg nicht hervorrufen. Dabei war das Doppelereignis bewusst nicht aktionsreich geplant, eine Einführung in Edgar Allen Poes Werk, das manchem Besucher den Zugang hätte erleichtern können, war nicht vorgesehen. Laupichler rechtfertigte sich im Gespräch mit dem Trierischen Volksfreund: "Beim Hamlet hatten wir Aktionstheater. Der Abend heute war komplett anders gedacht. Wir wollten eine Kombination finden zwischen Klassik und Erlebniswelt im Spannungsfeld der Manderscheider Burg und der künstlerischen Neuzeit." Langeweile bei den Besuchern

Das hatte zur Folge, dass trotz des stimmigen Umfelds in den Gemäuern der Niederburg und Wohlgefühls inmitten herrlicher Ruinen bei den Besuchern Langeweile aufkam. 45 Minuten Lesen aus Poes Werk, ohne den Sprecher zu sehen - der saß im Turmverlies - ermüdete selbst kulturbegeisterte Besucher. "Es gab wenig zum Schauen. Letzte Woche bei Hamlet war es die schauspielerische Leistung und der Kontakt zum Publikum, der mich richtiggehend begeistert hat. Heute ist es das andere Extrem", lautete das Resümee eines Literaturkenners und ansonsten begeisterten Fans der Manderscheider Kulturtage. Kein Zweifel aber auch: "Die Grube und das Pendel" passten bestens zu den historischen Gemäuern. Und die Idee, aus dem Verlies zu sprechen, war ebenso durchdacht wie das Umfeld mit Falknern und ihren Tieren sowie Kapuzenmännern mit Pechfackeln. Diese führten die Zuschauer gruppenweise vom Klavierkonzert hinauf zum Turm. Während die Dämmerung in Dunkelheit überging, zitierte Sprecher Ulrich Ritter die Gedanken des mit sich und der Umwelt ringenden Edgar Allen Poe. Das Leben Poes im Verlies, eine durchaus stimmige, wenn auch etwas sperrige Idee. Einführende Worte hätten genügt, um die Lesung zu einem Erfolg zu machen. Rainer Laupichler erzeugte hingegen bei seinen Begrüßungsworten eine Erwartungshaltung, der nicht entsprochen wurde. Dennoch: Die Fans der Manderscheider Kulturtage werden wiederkommen. Denn sie wissen, dass das Ambiente der Niederburg gewagten Experimente ebenso Raum bieten muss wie populären Inszenierungen.

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