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Klassische Helden und prächtige Schurken

Klassische Helden und prächtige Schurken

"Ich kann es kaum fassen: Wir haben es geschafft", jubelte Barbara Ullmann zum guten Schluss. Grund ihrer Freude: Das Op en-Air-Konzert "Helden & Tyrannen" vor der Porta mit Victor Puhl und dem Philharmonischen Orchester war fast trocken über die Bühne gegangen.

Trier. Treffen sich ein Oberbürgermeister und ein Generalmusikdirektor in der Stadt. "Ich habe eine tollen Vorschlag", sagt der GMD zum OB. "Sollen wir nicht mal ein Picknick-Konzert vor der Porta machen?" - "Gute Idee", sagt der OB. "Das machen wir."
Zugegeben: Das ist jetzt nicht besonders witzig, aber zumindest wahr. Triers OB Wolfram Leibe, der die einleitenden Grußworte sprach, hat die Idee des Generalmusikdirektors Victor Puhl aufgegriffen und gemeinsam mit der Trier Tourismus und Marketing (ttm) und dem Theater Trier zum ersten Trierer "Picknick-Konzert" eingeladen. Die Zuhörer hatten freien Eintritt, konnten Stühle, Tische, Speisen und Getränke mitbringen (was allerdings nur wenige nutzten), und der Platz vor der Porta war rappelvoll besetzt.
Erstes Donnergrollen


Aber kampflos wollten die Wolken nicht aufgeben: Als der Bariton Nico Wouterse sich als Iago gerade mit seinem Monolog "Credo in un Dio crudel" aus "Otello" ereiferte, donnerte es, was man noch für einen tollen Regieeinfall halten konnte, ein paar Mal kräftig. Und dann schlug Puhl Verdis Musik mitten im Takt ab, weil der Krach nun auch von Nässe begleitet wurde. Woraufhin erst einmal keine Instrumente, sondern die Plastikplanen zu deren Schutz zum Einsatz kamen.
Nutzen wir die Zwangspause für einen Exkurs: Das Wetter hat mit Kultur nicht viel am Hut. Entweder ist es zu heiß, zu kalt, zu schwül oder zu nass. Richtig ist es eigentlich nie. Vielleicht fühlt sich das Wetter in Vivaldis "Vier Jahreszeiten" falsch dargestellt oder in Beethovens Sechster zu harmlos porträtiert und in den Bildern von Caspar David Friedrich zu bedrohlich gemalt. Recht machen kann man es ihm also nie. Seltsamerweise ist das Wetter in keiner mitteleuropäischen Sprache feminin, sondern maskulin oder neutral (nur die ollen Römer haben ihm das weibliche Geschlecht gelassen, weil sie wohl wussten, wie launisch es sein kann). Die beste Methode, mit solchen Zicken fertigzuwerden: gar nicht - ignorieren!
Und genau das taten dann die Blechbläser des Philharmonischen Orchesters mit ihren "wetterfesten" Instrumenten: Sie gaben ein improvisiertes Intermezzo mit Samuel Scheidts "Galliard Battaglia". Offenbar hatte das Wetter danach die Faxen dicke und zog fürs Erste grummelnd von dannen. Endlich konnten Victor Puhl und seine Musiker in die Vollen greifen: Mit Don Camillo ("Carmen"), Scarpia ("Tosca) und Mephisto ("Mefistofele") waren die klassischen Helden und Schurken in düsterer Pracht vertreten: Wouterse verlieh ihnen mit mächtigem Wohlklang Stimme und Statur. Und das Erstaunliche: Sowohl sein Gesang als auch die musikalische Begleitung kamen klar und präzise bei den Zuhörern an. Kein Ton, kein Wort verflatterte in der Abendluft, die Musik klang differenziert und konturiert bis ins Pianissimo, die Instrumentengruppen verschlabberten (mit wenigen Ausnahmen) nicht ineinander, kurz: die Porta hat den Akustik-Test bestanden. Launisch und schlagfertig führte Barbara Ullmann durchs Programm, das neben der Klassik auch die Helden des Kinos berücksichtigte: "Spartacus", "Star Wars" und "Schindlers Liste" (mit der Solovioline von Petar Entchev) und, natürlich, den "Paten", bei dem Ullmann mit heiserer Marlon-Brando-Stimme den Dirigenten fragte: "Bist du bereit, Vittorio?"
Fehlende Heldinnen

Klassische Helden und prächtige Schurken
Foto: Friedemann Vetter (ClickMe)


Von wegen einfach nur rumsitzen und zuhören: Auch das Publikum bekam es mit Puhl zu tun. Am Anfang dirigierte er die Massen zum "Freude schöner Götterfunken", und am Schluss gab es noch einen stimm- beziehungsweise schunkelseligen Verdi mit dem Gefangenenchor aus "Nabucco". Zu Tschaikowskys Krawall-Ouvertüre "1812" schließlich loderte die Porta, wenn auch nicht immer synchron zum Takt der Musik, im Schein von Feuersalven und pyromantischem Sternengefunkel.
Einziger Makel des Abends: die nicht erfüllte Frauenquote. Wo bitte waren die Heldinnen und weiblichen Tyrannen? Wo Medea oder Poppea, mit der man ja auch einen lokalen Bezug hätte herstellen können; schließlich lungert ihr Gatte Nero zurzeit überall in der Stadt herum? Wo war "Don't-cry-for-me-Argentina"-Evita - oder wenigstens Mary Poppins, die mit ihrem Regenschirm bestens für den Abend ausstaffiert gewesen wäre? Beim nächsten Picknick-Konzert also bitte nicht so gynophob programmieren, meine Herren!