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KZ Buchenwald: ARD zeigt Neuverfilmung des Romans "Nackt unter Wölfen" - Figur erinnert an Trierer Hans Eiden

Der Lagerälteste Krämer (Sylvester Groth) steht auf dem Appellplatz im Konzentrationslager Buchenwald vor einem SS-Offizier – eine Szene aus der Neuverfilmung des Filmklassikers Nackt unter Wölfen .Foto: MDR/UFA FICTION
Der Lagerälteste Krämer (Sylvester Groth) steht auf dem Appellplatz im Konzentrationslager Buchenwald vor einem SS-Offizier – eine Szene aus der Neuverfilmung des Filmklassikers Nackt unter Wölfen .Foto: MDR/UFA FICTION FOTO: MDR/HA Kommunikation
Trier. In der DDR gehörte der Roman "Nackt unter Wölfen" zur Pflichtlektüre. Die ARD zeigt heute (20.15 Uhr) die Neuverfilmung der Geschichte über ein jüdisches Kind im Konzentrationslager Buchenwald. Das erschütternde Drama soll zur "Trauerarbeit" anregen. Zudem setzt es einem Trierer KZ-Häftling ein filmisches Denkmal. Elke Eich

Trier. Nach dem Erfolg ihres preisgekrönten Fernseh-Mehrteilers "Unsere Mütter, unsere Väter" haben sich Regisseur Philipp Kadelbach und Drehbuchautor Stefan Kolditz erneut einen Stoff aus der Zeit des Nationalsozialismus vorgenommen. Die Neuverfilmung von Frank Beyers Defa-Klassiker "Nackt unter Wölfen" (1963) nach dem gleichnamigen Roman von Bruno Apitz, einem ehemaligen Häftling des Konzentrationslagers (KZ) Buchenwald, setzt dabei auf schonungslose und tief bewegende Bilder.

Der Film setzt Maßstäbe, radikale und unbequeme, die sich gegen den Wunsch vieler richten, "endlich" vergessen zu dürfen: Tatsächlich wollen laut einer Bertelsmann-Studie 81 Prozent der Deutschen die Nazi-Zeit "hinter sich lassen". 58 Prozent sind sogar dafür, "definitiv einen Schlussstrich" unter dieses grausame Kapitel der deutschen Geschichte zu ziehen.
Angesichts dieser Statistik würde sich der 1950 gestorbene Trierer Kommunist Hans Eiden vermutlich im Grab umdrehen. Er war einer der politischen Häftlinge im KZ Buchenwald, das die Nazis von 1937 bis 1944 auf dem Ettersberg bei Weimar als Arbeitslager betrieben. Insgesamt waren in diesem Zeitraum etwa 250.000 Menschen aus allen Ländern Europas dort inhaftiert, rund 56 000 starben.

Eidens Häftlingsnummer war die 6222. Von Ende 1944 bis zur Befreiung des KZ am 11. April 1945 war er Lagerältester, ein einflussreicher Mann neben den SS-Offizieren (siehe Hintergrund). In Kadelbachs Film, der fast komplett in einem originalgetreu in der Tschechei nachgebauten Lager gedreht wurde, setzt nun Schauspieler Sylvester Groth ("Inglourious Basterds") dem Trierer Widerstandskämpfer in der Figur des Krämer ein würdiges Denkmal, ohne dass dabei Realitäten beschönigt würden. Die Geschichte handelt von einem dreijährigen Jungen, der im Frühjahr 1945, versteckt in einem Koffer, ins KZ Buchenwald geschmuggelt wird. Die Amerikaner nahen schon - herbeigesehnt von den Lagerinsassen und gefürchtet von den SS-Offizieren. So kurz vor der Befreiung löst das Kind eine fundamentale Debatte unter den kommunistischen Funktionshäftlingen aus, die für die SS das Lager mitverwalten. Soll der Junge gerettet oder zum Wohle aller geopfert werden?

Eine Gruppe von Häftlingen versteckt den Jungen schließlich vor der SS, obwohl dies eine geheime Widerstandsgruppe im Lager gefährden könnte, die sich auf die letzte Auseinandersetzung mit der SS vorbereitet. Der Junge wird zum Katalysator für das Verhalten der Einzelnen: Wer gibt dem kollektiven Druck nach, wer bewahrt seine Menschlichkeit? Neben die Parole vom "Überleben um jeden Preis" tritt die Frage: "Wer sind wir, wenn wir nicht mal ein Kind schützen können?"

Vor allem Hans Pippig (Florian Stetter) ist bereit, sein Leben für das Kind zu riskieren. An ihm wie auch an der Person des Lagerältesten Krämer zeigt sich aber auch die Ambivalenz menschlichen Verhaltens in einer von der SS angelegten Struktur, die zwar bekämpft wird, aber aus der es lange kein Entrinnen gibt. Krämer verhindert zwar Schlimmes, wird aber auch zum Täter: Denn seine Fürsprache für einen Häftling kann auch indirekt das Todesurteil für einen anderen bedeuten, etwa, wenn es um die Auswahl der Insassen für die von der SS erzwungenen Todesmärsche geht.Beklemmende Szenen


Eine Kategorisierung in "Das ist der Böse, das der Gute, das ist das Schwein, das der Opportunist" funktioniere in einer solchen Ex-tremsituation nicht, sagt Krämer-Darsteller Sylvester Groth. Durch das Kind im Lager werde bei den Insassen jedoch etwas geweckt, sagt Florian Stetter, der Hans Pippig spielt: "Es hat einen Panzer aufgebrochen, einen Rest von Seele, eine Menschlichkeit freigelegt, die sie wieder gespürt haben nach langer Zeit."

Ein Panzer, der nötig ist im verrohten Umfeld des Lagers - auch das zeigt der Film in beklemmenden Szenen. Wer schützen will und sich sogar foltern lässt, und wer dann doch bereit ist, das Kind oder einen Genossen zu verraten, ist nicht vorherzusagen. Das einzig Berechenbare an den Menschen scheint ihre Unberechenbarkeit. Um das zu verstehen, seien auch die brutalen Folterszenen im Film wichtig, sagt Produzent Nico Hofmann. Der Film solle Trauerarbeit und innere Anteilnahme möglich machen: "Das geht nur, indem man den Schmerz an sich ranlässt."

Der Lagerälteste Krämer überlebt das KZ. Am Ende des Films fordert er über Lautsprecher Einhalt, als die SS geflohen ist und sich Häftlinge an zurückbleibenden Peinigern rächen wollen. Die Ansprache ist der Rede von Hans Eiden nachempfunden, die dieser tatsächlich damals gehalten hatte (siehe Hintergrund). Laut Drehbuchautor Kolditz ist die Rede in Apitz' Roman nicht enthalten. Im Film erinnert sie an die menschlichen Worte des Trierers.

Alle am Film Beteiligten sind sich einig: Vergessen werden darf diese Zeit, und was sie mit Menschen gemacht hat, niemals. ARD-Programmdirektor Volker Herres zitierte bei einer Vorpremiere den israelischen Maler Yehuda Bacon: "Ob das Erzählen etwas bringt? - Wenn es gelingt, dann bewirkt es schon etwas: Es kann die Menschen zum Guten erschüttern."

Das Erste zeigt im Anschluss an den Film die Dokumentation "Buchenwald - Heldenmythos und Lagerwirklichkeit".Extra

Hans Eiden, ein gelernter Dreher, war ab 1929 KPD-Mitglied und bis 1933 politischer Stützpunktleiter des "Kampfbundes gegen den Faschismus" in Trier-Nord. Er geriet mehrfach in "Schutzhaft" und war wegen Hochverrats drei Jahre im Zuchthaus. Vom 16. September 1939 bis zur Befreiung war er im Konzentrationslager (KZ) Buchenwald inhaftiert. Als Lagerältester und "Funktionshäftling", der Mithäftlinge kontrollieren sollte, gelang es ihm mit taktischem Geschick, bei der SS kleine Verbesserungen im Lager durchzusetzen. Eiden soll mehrfach Todesmärsche verhindert haben. Bei der Lagerbefreiung zeigte er menschliche Größe, als er mit einer Rede über den Lagerfunk vor Lynchjustiz warnte. Überliefert ist seine Mahnung: "Diese Verbrecher gehören vor ein Gericht der Völker." Nach der NS-Diktatur kehrte Eiden nach Trier zurück und saß bis Juni 1948 für die KPD im ersten rheinland-pfälzischen Landtag. Am 6. Dezember 1950 starb er an den Folgen seiner langen Haft. 1995 wurde an der Stelle seines Geburtshauses in der Trierer Engelstraße ein Denkmal errichtet. In Weimar ist eine Straße nach ihm benannt. red