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So war die Nero-Ausstellung 2016 in Trier

Volksfreund-Archiv : Adieu, alter Muttermörder: Nero-Ausstellung endet am Sonntag

So viele Besucher wie Konstantin lockte Nero nicht. Dennoch ist die Ausstellung zum großen Erfolg geworden. Nicht nur wegen der euphorischen Besprechungen oder der 250 000 Gäste, die ihr Geld in Trier ließen, sondern auch weil sich die Region weiter als Ziel für Kulturreisende etabliert. Ein Beitrag von 2016 aus unserem Archiv.

Noch stehen die Menschen Schlange, um herauszufinden, wer Nero wirklich war. Um zu überprüfen, wie gut das Klischee des wahnsinnigen Muttermörders, Brandstifters und Antichristen zur historischen Realität passt. Um nachzuerleben, wie dieser umstrittene Kaiser vom hoffnungsvollen Thronanwärter zum verhassten Tyrannen wurde. Oder um einen Blick auf den Prunk zu werfen, mit dem der passionierte Sänger und Schauspieler sich in seinem goldenen Palast umgab.Es geht um viel Geld

Doch am Sonntagabend ist Schluss. Dann werden die 774 Exponate - wertvolle Statuen, Goldmünzen, Ölbilder, Kristallkelche, Filmplakate und Kruzifixe - wieder verpackt und an die 165 internationalen Leihgeber zurückgesandt. Fragt man die drei Museumsdirektoren, wie es war, so steigen sechs Daumen in die Höhe. "Viel besser geht es nicht", sagt Marcus Reuter, Leiter des Landesmuseums, der die Idee zur Nero-Schau hatte.

Mehr als 250 000 Besucher kamen. So viele wie bei der Konstantin-Ausstellung (354 000) sind das zwar nicht. Doch wurden es deutlich mehr als die (extrem vorsichtig kalkulierten) 150 000. Zwar äußerten Besucher in den Gästebüchern vereinzelt Kritik: zu wenig Sitzgelegenheiten hier, unzureichende Beleuchtung oder schwer lesbare Texte dort. Auch bot das Dommuseum manchem zu wenig Nero und zu viel Christentum. Der Großteil der Eintragungen ist - über alle Altersklassen hinweg - jedoch lobend bis euphorisch: Die Schau sei "fantastisch, grandios, unglaublich informativ". Zig nationale und internationale Medien berichteten. Darunter die größten Deutschlands.

Wie kommt es zu diesem riesigen Interesse? "Nero ist ein gutes Thema, das so noch nie gezeigt wurde, wir haben großartige Exponate, eine super Gestaltung und eine wunderbare Öffentlichkeitsarbeit", sagt Reuter. Die Schau habe sich zu einer der erfolgreichsten Ausstellungen 2016 in Europa entwickelt.

Wie Trier davon profitiert, lässt sich noch nicht beziffern. Die Museen müssen erst Bilanz ziehen, und die Ergebnisse einer Besucherbefragung, die zeigen soll, wie groß die Wertschöpfung ist, liegen noch nicht vor. Allerdings demonstriert eine Studie zur Konstantin-Ausstellung, dass es um viel Geld geht. Im Schnitt ließ 2007 jeder Besucher pro Tag 58,63 Euro in der Region. Überträgt man dies auf die 250 000 Besucher Neros, so käme man auf 14,6 Millionen Euro, selbst wenn jeder nur einen Tag geblieben wäre.

Elisabeth Dühr, Direktorin des Stadtmuseums, glaubt, dass die Schau der Marke "Museumsstadt Trier", in der sich die drei Museen zusammengeschlossen haben, einen Schub verleiht. Thomas Metz, Chef der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, betont, die Ausstellung helfe zu vermitteln, wie bedeutend Trier als antike Weltkulturerbe-Stadt sei. "Die Stadt kann wirklich stolz sein", findet Hans-Albert Becker, Chef der Tourist-Information. Deutschlandweit wurde über Nero berichtet. Und über Trier, das "Zentrum der Antike". Ein Event dieser Dimension wirke immer nachhaltig, sagt Becker, der sich dennoch eine Verlängerung über die Wintermonate gewünscht hätte. Doch nun ist Schluss.

Das nächste Großereignis kündigt sich allerdings an: die umstrittene Ausstellung zum 200. Geburtstag von Karl Marx im Jahr 2018. Becker geht davon aus, dass das Publikum ein anderes sein wird, weil er viele Gäste aus China erwartet. Dühr hofft aber auch darauf, bei den fremdelnden Einheimischen Stolz dafür zu wecken, dass "dieser wirklich bedeutende Mensch aus Trier kommt". Sie freut sich darauf, die historische Person freizuschälen von dem, "was seine Apostel später aus ihm machten". Und so dürfte der Besucher manch Neues über Marx lernen. Ähnlich wie bei Nero, der weder wahnsinnig war noch ein Brandstifter.Meinung

 Nero begeisterte schon zu Lebzeiten die Massen. Das ist ihm auch 2016 gelungen. Foto: Landesmuseum Trier
Nero begeisterte schon zu Lebzeiten die Massen. Das ist ihm auch 2016 gelungen. Foto: Landesmuseum Trier Foto: Thomas Zuehmer (h_st )

Mehr als bares Geld wertDie Nero-Ausstellung war ein riesiger Gewinn für Trier. Nicht nur, weil sie fantastisch gemacht war: Schon das Thema ist klasse, da Nero noch immer polarisiert und fasziniert. Die Exponate waren erstklassig, das Marketing professionell und die Gestaltung außergewöhnlich. Selbst in Spitzenmuseen sieht man allzu oft, dass Exponate in die Ecke gestellt werden, Schildchen daneben, fertig. Das Landesmuseum jedoch trumpfte mit seinem emotionalen Raumkonzept: Jeder Saal wurde passend zum Thema gestaltet, beleuchtet und beschallt, um die Besucher ins brennende Rom oder in den goldenen Palast Neros mitzunehmen. Die anderen Häuser boten inhaltliche Vertiefung und einen unterhaltsamen Perspektivwechsel. Kein Wunder, dass die Ausstellung ein riesiges Medienecho bekam. Kein Wunder, dass 250 000 Menschen sie sehen wollten. Trier profitiert: Nicht nur, weil Millionen in der Region bleiben, sondern auch, weil die Stadt sich als Kulturreiseziel etabliert und durch die breite Berichterstattung an Bekanntheit gewinnt. Weiter so! Adieu Nero, willkommen Karl Marx! k.demos@volksfreund.de