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Wiedergelesen - Lieblingsbücher

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Der Bruder wird getötet, das Haus muss dem Tagebau weichen, und die Dorf-Glatzen warten auf ihn auf dem Schulhof - Thomas Sieben, der Protagonist von "Gott ist kein Zigarettenautomat", hat es nicht leicht. Im rheinischen Schillbach gehört der 14-Jährige zur Assi-Familie im Dorf: Seine Mutter trinkt und liegt meistens auf dem Sofa vor dem Fernseher.

Nach dem Tod von Jakob, seinem Bruder, wird es nur noch schlimmer. Thomas findet ihn tot im Bach. Er ist sich sicher, dass der Anführer der Skinhead-Gruppe ihn getötet hat. So entwickelt sich eine Art Jagd nach dem Mörder, die den roten Faden des Erstlingswerks von Matthias Gerhards bildet. Doch "Gott ist kein Zigarettenautomat" ist kein Krimi. Parallel zu dieser Handlung greift Gerhards eine tiefere soziale Problematik auf: Das gesamte Dorf soll durch den Braunkohle-Tagebau abgerissen werden. Der Roman erzählt von einer Jugend in Deutschland unterhalb der Armutsschwelle. Alles mit viel Humor. Auf keiner Seite, in keinem Satz wirkt Gerhards Roman pathetisch oder überdramatisiert - und Stoff dafür liefern die 350 Seiten genug. Matthias Gerhards Schreibstil zeichnet sich im Roman durch Detailliebe, Ironie und Überraschungen aus. An einigen Stellen ist fast viel zu viel Liebe für Details da, wie zum Beispiel im ersten Kapitel, wo der sehr informative Exkurs in die Ent stehungsgeschichte des Braunkohlereviers und die Familiengeschichte der Siebens die Handlung verzögern. Doch es gibt immer kleine Überraschungen, die diese eher langsamen Stellen beleben. Der Autor schafft es immer wieder, humorvolle Pointen zu setzen - egal ob das Thema lustig oder traurig ist. Wie gegen Ende des Romans, wo Thomas mit dem Gedanken an einen Selbstmord spielt. "Würde mich jemand vermissen?", fragt er sich. Eine ziemlich abgedroschene Frage. Und dann kommt der für Gerhard typische trockene Humor, der die Passage rettet: Thomas ändert seine Meinung: "Außerdem bin ich schmerzempfindlich." Ein weiteres Beispiel ist diese Selbstbetrachtung von Thomas: "Ich war nicht blöd. Aber meistens waren die Dinge in meinem Kopf irgendwie falsch angeordnet." Der Autor lässt Thomas oft philosophieren. Auch diese Gedanken zählen zu kleinen Perlen im Roman - mein Favorit: "Die Erinnerung ist die sterbliche Seele der Dinge. Wenn sie verschwindet, wissen wir nicht mehr was uns fehlt." Und am Ende hofft der Leser, dass Thomas viel vergessen wird. Barbara Cunietti Matthias Gerhards, "Gott ist kein Zigarettenautomat", Knaus Verlag, 352 Seiten, 19,90 Euro. Diese und weitere TV-Kolumnen finden Sie auch im Internet auf www.volksfreund.de/kolumne