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"Wir spielen wirklich das Stück"

"Wir spielen wirklich das Stück"

Wird die zweite klassische Opernproduktion dieser Saison im Trie-rer Theater so provokant wie die erste? Urinale oder Pädophilie auf der Bühne müssen die Besucher jedenfalls nicht befürchten. Alexander Charim will in seiner "Tosca"-Inszenierung vielmehr den Hintergründen in Puccinis Musikdrama nachspüren.

Trier. Eine Star-Sängerin gerät in die Politik, wird zum Objekt erotisch-politischer Machenschaften, tötet ihren Beherrscher, muss erleben, dass ihr Geliebter wider Erwarten gleichfalls sterben muss und stürzt sich am Ende selber in den Tod.
"Ein Opernkrimi" heißt es in der Jahresvorschau des Trierer Theaters zu Giacomo Puccinis "Tosca", und kriminalistische Motive gibt es in der Tat. Aber Alexander Charim, Regisseur der Trierer Neuproduktion, stellt kein Stück von Verbrechen und Verfolgung auf die Bühne. Mit seinem Konzept will er die Nuancen und Hintergründe der drastischen Handlung ausleuchten. Er sucht im scheinbar Eindeutigen nach den Übergängen. Und im allzu Bekannten, vielleicht allzu Vertrauten dieser Oper nach dem Fremden, dem Ungewohnten.
Kern von Charims Konzept ist: Die Handlung wird zur Inszenierung auf der Bühne, und Tosca ist zugleich Regisseurin und Hauptdarstellerin in einem eigenen Drama auf der Bühne. Das sei "ein Rahmen" und doch mehr als ein dramaturgischer Kniff. Denn in der Doppelfunktion der Tosca spiegele sich das Uneindeutige dieser Opernhandlung, das schwer Abgrenzbare.
So gehen in der Trierer Inszenierung bei der Tosca-Figur Lebensrealität und Theaterfiktion ineinander über. Tosca ist eine Persönlichkeit, die sich mit all ihren großen Emotionen auch selber in Szene setzt. Und der Polizeichef Scarpia: Da schwingt im tödlichen Machtverhältnis zwischen ihm und Tosca eine erotische Anziehungskraft mit - auf beiden Seiten. Oder auch: Wie politisch oder unpolitisch ist Toscas Geliebter, der Maler Cavaradossi, wirklich? Und wie berechtigt ist Toscas Eifersucht, die Scarpia schamlos ausnutzt?
Dennoch soll die Trierer "Tosca" kein historisch-politisches Drama werden und ohnehin kein melodramatisch hochgespielter Kriminalfall. Anders als der "Fidelio" wird es auch kein "Musiktheaterprojekt nach Puccini" sein. Dirigent Victor Puhl: "Wir spielen wirklich das Stück." Urinale, Nacktszenen, pädophile Ausbrüche oder willkürliche Kürzungen und Ergänzungen muss also niemand befürchten. Aber natürlich habe die Musik der "Tosca" in manchen Szenen etwas Gewalttätiges. Das dürfe auch der Dirigent nicht unterschlagen.
Und wie sieht es aus mit der Sängerfreundlichkeit der Inszenierung? Müssen die Akteure singend auf dem Kopf stehen oder sich in verqueren Positionen auf der Bühne räkeln? Da wird Alexander Charim ganz eindeutig. Natürlich helfe es nicht, wenn sich die Sänger unwohl fühlten. Aber: "Was szenisch gut gemacht ist, was klar und entschieden gespielt wird, ist auch gut für Stimme und Gesang."

Giacomo Puccini, "Tosca". Inszenierung Alexander Charim, musikalische Leitung Victor Puhl. Solisten, Chor und Extrachor des Theaters sowie die Kinder-Musiktheatergruppe Cantarella. Philharmonisches Orchester Trier. Aufführungen: 16., 22., 24., 31. Januar, 3. und 16. Februar, 4., 11. und 13. März.

Extra

 Es wird brenzlig für Cavaradossi (Marco Jentzsch im weißen T-Shirt): Probenfoto der Trierer „Tosca“-Inszenierung mit Rainer Scheerer, Bonko Karadjov und Christian Sist als Scarpia (von links). Foto: Vincenzo Laera
Es wird brenzlig für Cavaradossi (Marco Jentzsch im weißen T-Shirt): Probenfoto der Trierer „Tosca“-Inszenierung mit Rainer Scheerer, Bonko Karadjov und Christian Sist als Scarpia (von links). Foto: Vincenzo Laera

Alexander Charim (Foto: privat) wurde 1981 in Wien geboren. Studium der Germanistik und Geschichte an der Universität Wien. Regieassistent und Hospitant am Burgtheater Wien und an der Wiener Staatsoper, unter anderem bei Luc Bondy und Peter Zadek. 2003-2007 Studium der Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin. Seitdem arbeitete Alexander Charim als freier Regisseur für Schauspiel und Musiktheater, unter anderem an der Deutschen Oper Berlin, der Staatsoper Hannover, dem Staatstheater Karlsruhe, dem Schauspielhaus Wien, den Kunstfestspielen Hannover, der Oper Frankfurt, dem Theater Aachen, dem Theater Osnabrück, dem Theater St. Pölten, der Stadtschouwburg Rotterdam und dem Radialsystem Berlin. Viele seiner Inszenierungen wurden zu Theaterfestivals eingeladen. 2014 wurde Charims Inszenierung von "Weh dem, der lügt" am Theater St. Pölten nominiert für den Nestroy als "Beste Aufführung/Bundesländer". red