Wittlicher Stadtbücherei landesweit spitze

Wittlicher Stadtbücherei landesweit spitze

120 000 Besucher hat der Automat an der Eingangstür zur Stadtbücherei 2011 gezählt. Hallen- und Freibad kommen insgesamt auf 93 000. Die öffentliche Bildungseinrichtung der Stadt Wittlich punktet auch sonst: Spitzenplätze im Bibliothekenvergleich, landesweite Vorreiterrolle bei der chipgesteuerten Ausleihe, und sogar eigene Erfindungen gibt es.

Wittlich. "Wir nennen es Dagmars Erfindung." Elke Scheid, Leiterin der Stadtbücherei Wittlich, hält sechs CDs in der Hand. Sie stecken nicht in einer Plastikbox, sondern in einer transparenten Hülle. Die lässt sich wie ein Buch aufklappen und hat auf beiden Seiten übereinander gestaffelte Einschubtaschen für die silbrigen Scheiben.
63 000 Bücher mit Chip


Dagmar Berg hat sie mit der Nähmaschine zusammengeheftet. Nicht weil die Mitarbeiterin der Stadtbücherei gerne bastelt, sondern weil es eine solche CD-Aufbewahrung auf dem Markt bisher noch nicht gibt. Sie macht aber möglich, was im Herbst in der Stadtbücherei Einzug gehalten hat: Ein neues Ausleihsystem, für das zunächst alle 85 000 Medien, davon 63 000 Bücher, mit einem Chip versehen wurden. Der kann bei der Ausleihe per Radiofrequenz gelesen werden. Bei maximal zehn Büchern auf einmal, oder bei CD-Sammlungen eben durch die Hülle. Und bei der Rückgabe müssen die Mitarbeiter nicht mehr die CD-Boxen öffnen und auf Vollständigkeit überprüfen.
"Bei Kunden, die viel ausleihen, konnte das schon mal eine Viertelstunde dauern. Außerdem gehen die Boxen schnell kaputt, und die Hüllen brauchen weniger Platz im Regal", sagt Elke Scheid. Generell müssen die Medien dank des Chip-Systems nicht mehr einzeln eingescannt werden. Wer will, kann sie einfach auf den neuen Ausleihautomaten legen. Dort schiebt man seinen Bibliotheksausweis hinein, der Automat erfasst den ganzen Stapel Medien auf einmal, man bekommt einen Bon mit den einzelnen Titeln und dem Rückgabedatum. Die Gebühr wird im Ausleihkonto des Kunden verbucht, fertig. "Das ist einfacher als ein Geldautomat", sagt Elke Scheid, und es habe neben der Zeitersparnis für die Mitarbeiter auch den Vorteil, dass man sich weder anstellen muss noch jemand sieht, was man sich da ausleiht.
95 000 Euro investiert


"Es ist diskreter. Obwohl - die Wittlicher sind gar nicht so genant", sagt die Büchereileiterin. Trotzdem nutzt nicht jeder das neue Angebot, das landesweit Wittlich als einzige öffentliche Bibliothek bietet und in dessen Realisierung 95 000 Euro investiert wurden. "Nein ich möchte nicht, dass die netten Damen hier arbeitslos werden." - Das hätten manche Kunden gesagt. Dann wurde ihnen erklärt, dass die neue Technologie nicht deshalb da ist, damit Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, sondern um zusätzliche Leistungen erbringen zu können. Denn Ideen gibt es viele. Insbesondere im Hinblick darauf, dass die Nutzer älter werden.
Wer nicht mobil ist und in die Stadt kommen kann, wem das Tragen von Büchern zu schwer geworden ist, wer schlecht sieht und sich deshalb selbst kein Hörbuch ausleihen kann, der könnte künftig trotzdem vom mehrfach ausgezeichneten Angebot der Wittlicher Stadtbücherei profitieren. Elke Scheid denkt an eine "aufsuchende Arbeit" und erklärt: "Senioren, die nicht mehr hierherkommen können, könnten von einem Ring von Ehrenamtlichen besucht werden. Aber all das muss organisiert werden. Dafür braucht man Zeit."
Apropos Zeit: Auch erweiterte Öffnungszeiten soll es geben. Dabei gibt es schon ein Angebot, dass keine Öffnungszeiten kennt: Die Ausleihe von sogenannten E-Books. Die Stadtbücherei ist seit vergangenem Jahr vernetzt mit www.onleihe-rlp.de. Das heißt, auf der Internetseite der Wittlicher Einrichtung kann man sich Bücher fürs Lesen am Computer runterladen - oder für die relativ neuen E-Books. Fünf Stück gibt es in der Bücherei, finanziert von der Stiftung der Stadt Wittlich. Sie sind begehrt: Es gibt Wartelisten für die, die die neue Technik einmal ausprobieren wollen.
Es gibt aber auch Techniken, die für Kunden in Wittlich selbstverständlich sind, aber dennoch wiederum Erfindungen des Hauses sind. Etwa das Fließband an den Ausleihtresen. "Ach, das haben wir schon bestimmt vier Jahre. Ich bin durch Fachmessen gelaufen, es gab keine. Dann hat uns ein Ladenausstatter die gebaut. Ich glaube, so etwas gibt es sonst nur in Zwickau", sagt Elke Scheid. Und sie hat noch eine Neuigkeit: Ein Großteil der Regale ist auf Rollen gestellt worden. Bei einer Fläche von 1400 Quadratmetern auf drei Etagen voller Medien kann man sich vorstellen, dass auch das Zeit sparen kann, wenn einmal etwas umgestellt werden muss - auch ohne Computertechnologie.
volksfreund.de/videoExtra

Die Stadtbücherei Wittlich hat 85 000 Medien und davon 22 000 sogenannte "non books", also CD, DVD, CD-ROM und 630 Spiele, auch extra Seniorenspiele. Im vergangenen Jahr wurden 120 000 Besucher gezählt. Ansonsten steht die Jahresbilanz noch aus. Im Jahr 2010 wurden 256 000 Bücher ausgeliehen und 194 000 non books. Etwa 40 Prozent der 8000 Mitglieder kommen aus Wittlich, der Rest aus dem Umland. Jedes Jahr wird der Bestand um rund 7000 neue Medien aufgestockt. Es gibt siebeneinhalb Vollzeitstellen, die sich elf Personen teilen. Die Stadt gleicht jährlich ein Defizit von rund 400 000 Euro aus. Im Jahr gibt es 100 Klassenführungen und 55 sonstige Veranstaltungen, die die Bücherei organisiert. Einer ihrer Schwerpunkte ist zudem die Sprach- und Leseförderung. Für alle unter 18 Jahren ist die Nutzung kostenlos. Ansonsten beträgt die Jahresgebühr 28 Euro. sos

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