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Geschichte
Reformer, Pädagoge und Wohltäter

Der jüdische Auswanderer Edmund Scheuer (1847 bis 1943) stammt aus der Moselstadt Bernkastel-Kues.
Der jüdische Auswanderer Edmund Scheuer (1847 bis 1943) stammt aus der Moselstadt Bernkastel-Kues. FOTO: TV / Markus Philipps
Bernkastel-Kues. Vor 75 Jahren ist der bekannte Deutschamerikaner Edmund Scheuer in seiner Wahlheimat Toronto gestorben. Der Auswanderer von der Mosel gilt als Vater des liberalen Judentums in Kanada. Von Markus Philipps

„Ich habe Freundlichkeit zum Ideal meines Lebens gemacht und sehe alle Menschen als Kinder Gottes an, unabhängig von Rasse, Nationalität oder Glaubensbekenntnis.“ Dieses historische Zitat stammt von dem bedeutenden deutsch-jüdischen Auswanderer Edmund Scheuer, der als „Vater des Reformjudentums in Kanada“ angesehen wird.

Der frühere Moselaner wurde am 13. Oktober 1847 als Sohn der Eheleute Isaac und Johanna Scheuer (geborene Strauss) in der preußischen Stadtgemeinde Bernkastel geboren. Seine höhere Schulausbildung absolvierte der spätere jüdische Aktivist im französischen Metz.

Im Alter von 18 Jahren siedelte er nach Paris über, um als Exporthändler für das amerikanische Unternehmen seines Schwagers Herman Levy zu arbeiten. 1871 wanderte Scheuer nach Kanada aus und ließ sich zunächst in der Großstadt Hamilton (Ontario) nieder.

 Dort engagierte sich der hauptberufliche Juwelier als Schatzmeister für die jüdische Gemeinde Anshe Sholom. Ab 1873 bekleidete er das Amt des Präsidenten der Kongregation. Unter seinem Einfluss entwickelte sich die Synagoge gemäß dem Vorbild der damaligen Reformbewegung deutsch-amerikanischer Juden zur ersten nicht-orthodoxen jüdischen Gemeinde des Landes.

Vor diesem Hintergrund gründete Scheuer einst die erste Sabbatschule Ontarios. Außerdem war er maßgebend am Bau der Hughson Street Synagoge beteiligt. 1886 zog der Wahlkanadier nach Toronto und etablierte sich im Schmuckhandel der wachsenden Metropole. Als Mitglied der Synagoge Holy Blossom („Heilige Blüte“) übernahm er mehrere Jahre lang die Leitung der gemeindeeigenen Sabbatschule. Später diente der leidenschaftliche Pädagoge als Direktor der Zionistischen Freien Schule an der Ecke Cecil/Beverley Street.

Im Rahmen seines liberal jüdischen Unterrichtes verfasste Scheuer eine Reihe von Lehrbüchern, die zum Teil auch in den Vereinigten Staaten Amerikas und in England Verwendung fanden. Darüber hinaus fungierte er als Schatzmeister des Baukomitees der damaligen Holy Blossom Synagoge in der Bond Street.

1892 rief Scheuer die erste jüdische Wohltätigkeitsorganisation Torontos ins Leben. Zudem leitete er über mehrere Jahrzehnte die kanadische Abteilung der britischen „Anglo-Jüdischen Vereinigung“ (Toronto). 1916 gründete der Wohltäter die gemeinnützige Organisation „Vereinigung der jüdischen Philanthropen Torontos“. Darüber hinaus übte er seit 1902 das Amt des Friedensrichters aus.

Ab 1933 engagierte sich der frühere Deutsche im kanadisch-jüdischen Kongress, um gegen den seinerzeit stark zunehmenden Antisemitismus zu kämpfen. Von 1934 bis 1939 stand er dem Kongress als Ehrenvizepräsident vor.

Nur wenige Jahre später starb Scheuer am 2. Juli 1943 an den Folgen eines Verkehrsunfalls mit einer Straßenbahn.

Seine letzte Ruhestätte fand der geschätzte Reformer auf dem Friedhof der Holy Blossom Synagoge in Toronto.