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Ausgebucht! Vielen Müttern in der Region fehlen die Hebammen

Ausgebucht! Vielen Müttern in der Region fehlen die Hebammen

Alle selbstständigen Hebammen, die in der Region Trier bisher Geburtshilfe geleistet haben, haben in den vergangenen Monaten aufgegeben. Der Grund: stetig steigende Kosten. Das hat Folgen für Schwangere: Sie können zurzeit ausschließlich in einer Klinik entbinden. Und nicht alle Mütter können damit rechnen, dass sie eine Nachsorge-Hebamme finden.

Für Judyta Körner war es die erste Schwangerschaft. Bereits im fünften Monat suchte sie nach einer Hebamme. Ihre Bilanz: 15 Anrufe, 15 Absagen. "Ich hörte immer: ,Ich bin ausgebucht'", erzählt die 30-Jährige aus Trier-Irsch.

Nele Feena kam im Herbst vergangenen Jahres zehn Wochen vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt. Judyta Körner kämpfte mit der Krankenkasse um die Bewilligung einer Kinderkrankenschwester für die Nachsorge. Einen Tag vor der Entlassung aus dem Krankenhaus habe sie dann das erlösende Okay erhalten.

Sabine Roth (39) aus Gusterath erwartet im Juni ihr viertes Kind und hat sich ebenfalls auf der Suche nach einer Nachsorge-Hebamme die Finger wund telefoniert. "So früh habe ich mich noch nie kümmern müssen", sagt sie. Dahinter steckt, dass alle in der Region Trier freiberuflich arbeitenden Hebammen, die Geburtshilfe leisteten, aufgehört haben. Anja Lehnertz war die letzte, die Beleg- und Hausgeburten betreute.

Schlussstrich gezogen

Ende vergangenen Jahres hat auch sie, wie weitere elf Berufskolleginnen, einen Schlussstrich unter die freie Geburtshilfe gezogen. Lehnertz konnte - wie ihre anderen Berufskolleginnen auch - die explosionsartig gestiegenen Kosten für die Haftpflichtversicherung nicht mehr tragen. "Die aktuelle Versicherungssumme für Hebammen mit Geburtshilfe beträgt - ohne Versicherungsfall in der Tätigkeit - 5800 Euro", sagt Anja Lehnertz. Pro Geburt erhalte sie bei einer "Eins-zu-eins-Betreuung" in der Klinik rund 289 Euro. Und seit 1. Juli 2014 auch noch "lächerliche 30 Euro Haftpflichtversicherungsausgleich pro Geburt". Das durchschnittliche Jahreseinkommen einer selbstständig arbeitenden Hebamme liegt bei 24.000 Euro, der offizielle Stundenlohn bei 7,50 Euro.

Lehnertz arbeitet nun halbtags in einer Klinik - und leitet halbtags eine eigene Hebammenpraxis. Dort bietet sie Leistungen vor und nach der Geburt an.

In der Region Trier müssen Schwangere, ob sie wollen oder nicht, nun ausschließlich in einer Klinik entbinden. Dabei ist die Wahlfreiheit - also auch für eine Hausgeburt - gesetzlich festgelegt. Ebenso, dass eine Hebamme bei der Geburt anwesend sein muss.

Lehnertz kämpft als Vorsitzende des Hebammen-Kreisverbandes Trier-Saarburg und Bitburg-Prüm für ihren Berufsstand und für werdende Eltern. Vergangene Woche wurde sie zu einer ungeplanten Hausgeburt gerufen, und ein Baby kam im Auto zur Welt, weil die Frau den Weg in die Klinik nicht mehr geschafft hatte. Solche Situationen werden sich laut Lehnertz künftig häufen. Dabei weiß sie nicht einmal, ob ihr die geleistete Geburtshilfe bezahlt wird und ob sie im Notfall versichert ist.

Auch Andrea Lautwein, Familiengesundheits- und Kinderkrankenschwester im Trierer Klinikum Mutterhaus, beobachtet: "Viele Frauen stellen erst nach der Entbindung fest, dass sie Unterstützung benötigen; jedoch finden sie häufig keine Hebamme mehr."

Hinter dem Wortungetüm Familiengesundheits- und Kinderkrankenschwester verbirgt sich, dass Lautwein im Rahmen des Bund-Länder-Projekts "Guter Start ins Kinderleben" speziell fortgebildet ist, um Frauen und Familien mit besonderen Problemen zu begleiten.

Trier keine Ausnahme

"Für einen guten Start ins Kinderleben ist es sehr wichtig, dass ausreichend Hebammen und Fachkräfte zur Verfügung stehen, die junge Familien begleiten und beraten", sagt Lautwein. Die Situation in Trier sei keine Ausnahme, sagt Viviane Stehmeier-Denker, zweite Vorsitzende des Hebammen-Landesverbandes Rheinland-Pfalz.

Aus dem rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerium heißt es allerdings: "Es gibt in Rheinland-Pfalz keinen Hebammenmangel." Zwischen den Jahren 2009 und 2012 sei das Verhältnis von betreuenden Hebammen je 100.000 Frauen zwischen 15 und 44 Jahren gestiegen. "Im Jahr 2009 betreuten 77 ambulant tätige Hebammen 100.000 Frauen. Im Jahr 2012 betrug diese Zahl 85,3", sagt Johanna Bock, Sprecherin des Gesundheitsministeriums.

Die Crux dieser Zahlen: Gerade erst in den vergangenen beiden Jahren hat sich die Lage der Hebammen weiter dramatisch verschlechtert. Die Landesregierung und das Gesundheitsministerium signalisieren aber deutlich, den Hebammen zur Seite stehen zu wollen. "Wir sind der festen Überzeugung, dass die Vergütung der Hebammen so gestaltet sein sollte, dass freiberuflich tätige Hebammen ihren anspruchsvollen und wichtigen Beruf ausüben können und von den Honoraren auch gut und angemessen leben können", sagt Bock. Eine Lösung etwa der Vergütungsverhandlungen sieht die Landesregierung allerdings nur auf Bundesebene, "da bundesrechtliche Regelungen zugrunde liegen". "Ebenso ist für die Aufsicht über die Versicherungsunternehmen die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht zuständig", sagt Bock.
Extra

Aktuelle Verhandlungen zwischen den gesetzlichen Krankenkassen und den Hebammenverbänden sind vorerst gescheitert. Der Knackpunkt: Die gesetzlichen Krankenkassen wollen unter anderem Ausschlusskriterien für Hausgeburten festlegen und die Hausgeburt nicht mehr bezahlen, sobald K.-o.-Kriterien vorliegen. Beispielsweise soll die Überschreitung des errechneten Geburtstermins als Ausschlusskriterium gelten. Eine Einigung war im vergangenen Jahr erzielt worden: Insgesamt stellt die gesetzliche Krankenversicherung 2,6 Millionen Euro für den Haftpflichtausgleich der Hebammen mit Geburtshilfe zur Verfügung. Die vereinbarten Haftpflichtzulagen sollen ab Mitte dieses Jahres durch einen "hebammenindividuellen Sicherstellungszuschlag" abgelöst werden. Details für diesen Zuschlag sollten ebenfalls aktuell verhandelt werden. katHintergrund

Bis zur sechsten Woche nach der Geburt haben junge Mütter mehrmals in der Woche einen Anspruch auf eine Nachsorge-Hebamme. Zweimal können sie bis zum Ende der Stillzeit bei Stillproblemen sowie zweimal bei Ernährungsproblemen auf den Rat der Hebamme zurückgreifen. kat