Die Kirche und das Volk

Die deutschen Bischöfe haben erkannt, dass sich die katholische Kirche bewegen muss, wenn sie nicht noch mehr Mitglieder verlieren will. In den Ergebnissen zu einer Vatikan-Umfrage analysieren sie den Zustand relativ offen. Kritiker hoffen auf eine grundlegende Reform

Eigentlich wollte das Bistum Trier nichts mehr zu den Ergebnissen der Papst-Umfrage sagen. Alles was es dazu zu sagen gebe, habe man bereits am 2. Januar in einer Pressemitteilung kommuniziert, teilte Bistumssprecher André Uzulis gestern zunächst mit, ehe er sich doch noch äußerte. Andere Bistümer waren da kommunikativer. In Köln hat es eine Pressekonferenz zu den dortigen Erkenntnissen gegeben. In München hat der frühere Trierer Bischof und jetzige Erzbischof Reinhard Marx die Antworten seiner Gläubigen zusammenfassen und ins Internet stellen lassen. Genau wie auch das Bistum Augsburg.

"Jedes Bistum entscheidet für sich, wie es kommunikativ mit den verschiedenen Themen umgeht", erklärt Uzulis. Wegen des geringen Rücklaufs bei der Befragung halte man beim Bistum Trier die Mitteilung von Anfang Januar für ausreichend. 208 Gläubige aus dem Bistum haben an der von Papst Franziskus im Oktober gestarteten Umfrage teilgenommen.

Einer von ihnen ist Hanspeter Schladt aus Neuwied. Der Lehrer ist Sprecher der Bewegung Wir sind Kirche im Bistum Trier. Die Ergebnisse zeigten deutlich, dass das Kirchenvolk nicht hinter der Sexualmoral der katholischen Kirche stehe. Die wird meist kompliziert und in für Laien schwer verständlichem Kirchendeutsch formuliert. In der Zusammenfassung der deutschen Bischöfe heißt es auf die Frage nach der Theorie und Praxis des Naturrechts "in Bezug auf die Verbindung zwischen Mann und Frau im Hinblick auf die Bildung einer Familie": "So werden Liebe und Sexualität einerseits und die Zeugung von Kindern andererseits zunehmend als zwei verschiedene voneinander getrennte Lebensvollzüge erlebt und verstanden." Unter Punkt sieben "Zur Offenheit der Eheleute für das Leben" heißt es weiter, dass "die Unterscheidung zwischen ‚natürlichen\' und ‚künstlichen\' Methoden der Geburtenregelung und das Verbot der letzteren von der großen Mehrheit der Katholiken als unverständlich abgelehnt und in der Praxis nicht beachtet" werde. Die 27 Bischöfe analysieren auf 20 Seiten die Ergebnisse, auf Vorschläge "aus pastoraler Sicht", wie an einigen Stellen verlangt, verzichten sie aber.

Die Formulierung der Fragen zeigt, dass sie sich eigentlich an kirchliche Würdenträger und weniger an die Gläubigen richteten. Trotzdem hatte sich der Trierer Bischof Stephan Ackermann entschlossen, die Gläubigen zu befragen. Das Erzbistum Köln und das Bistum Münster hatten den Fragebogen an Gremien und Verbände weitergeleitet.

In den komplizierten Fragen sieht Bistumssprecher Uzulis auch den Grund für die geringe Beteiligung an der Befragung. "Die haben manch einen Interessierten abgeschreckt." Kirchenkritiker Schladt sieht darin eher einen Protest der Gläubigen, ähnlich wie von Nichtwählern bei Bundestagswahlen. Auch wenn sich wegen der geringen Beteiligung keine weiteren Bewertungen ableiten ließen, deckten sich. die Trierer Ergebnisse "im Großen und Ganzen mit den Rückläufen in anderen Bistümern", sagt Uzulis. Auch die hiesigen Gläubigen hätten eine Diskrepanz zwischen der Lebenswirklichkeit von Paaren und der Lehre der Kirche "zu den vielfältigen Formen des Zusammenlebens" kritisiert. So werde in den meisten Rückmeldungen das Zusammenleben von Paaren vor der Ehe, also ohne Trauschein, als "Regelfall" eingeschätzt. Fast ein Viertel der im Bistum an der Umfrage teilnehmenden Gläubigen hat die Diskriminierung der wiederverheirateten Geschiedenen kritisiert.

Hanspeter Schladt von Wir sind Kirche glaubt, dass Papst Franziskus die deutschen Bischöfe mit dem Fragebogen unter Druck gesetzt habe. Er wolle wissen, was das Kirchenvolk an der Basis glaubt.

Die Veröffentlichung der Ergebnisse durch die Bischöfe wirke "befreiend und ist ein wichtiger Schritt zu einer ehrlichen und offenen Kommunikation", sagt der Präsident des Zentralrats der deutschen Katholiken, Alois Glück. Immerhin kommen die Oberhirten am Ende der 20-seitigen Zusammenfassung zu der Erkenntnis, die Kirche müsse zu einer anderen Ansprache der Gläubigen finden, weg von einer Verbotsethik und von rigorosen Anforderungen, die befreit ist "vom Vorurteil der Leibfeindlichkeit und einer lebensfeindlichen Gesetzesethik".Extra

Die Deutsche Bischofskonferenz hat eine Zusammenfassung der Antworten auf die Befragung der Gläubigen in allen 27 deutschen Diözesen sowie rund 20 katholischen Verbänden und Institutionen veröffentlicht. Hier Kernaussagen zu einigen Fragen. Die meisten Gläubigen bringen mit der Kirche einerseits eine familienfreundliche Haltung, andererseits eine lebensferne Sexualmoral in Verbindung. Die kirchlichen Aussagen zu vorehelichem Geschlechtsverkehr, zur Homosexualität, zu wiederverheirateten Geschiedenen und zur Geburtenregelung finden (...) kaum Akzeptanz oder werden überwiegend explizit abgelehnt. Das katholische Familienbild wirkt auf viele zu idealistisch und lebensfern.

Außerhalb der Kirche wird die kirchliche Sexualmoral als reine "Verbotsmoral" wahrgenommen und in Argumentationsduktus und Sprache als unverständlich und lebensfern bewertet. Die kirchliche Weigerung, homosexuelle Lebenspartnerschaften gesellschaftlich und rechtlich anzuerkennen, wird als Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verstanden. Das Prinzip einer strengen Unauflöslichkeit der Ehe mit der Konsequenz der Nichtzulassung einer erneuten Eheschließung wird von einer großen Mehrheit abgelehnt. Das Verbot "künstlicher" Methoden der Geburtenregelung wird von der großen Mehrheit der Katholiken abgelehnt und in der Praxis nicht beachtet. dpaExtra

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat vor deutschen Kirchenrechtlern auf ein Problem im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen hingewiesen. Diese fühlten sich für einen Neuanfang von der katholischen Kirche bestraft, sagte Marx (Foto: dpa) in München. Damit spielte der Kardinal darauf an, dass geschiedene Katholiken nach einer erneuten zivilen Heirat vom Kommunionempfang ausgeschlossen werden und bisweilen auch ihren Arbeitsplatz bei der Kirche verlieren. Marx warb für einen helfenden Umgang der Kirche mit Wiederverheirateten. "Wenn wir das nicht schaffen, werden wir scheitern", unterstrich er. KNA