In Rheinland-Pfalz fehlen Tausende Pfleger

In Rheinland-Pfalz fehlen Tausende Pfleger

Alarmierende neue Zahlen rütteln die Politik wach. Immer mehr Menschen brauchen Hilfe, doch es gibt zu wenige Kräfte und stationäre Plätze. 2018 soll eine Imagekampagne starten.

Der Anteil älterer Menschen in der Gesellschaft wächst beständig, ebenso die Gefahr, mit zunehmender Lebensdauer pflegebedürftig zu werden. Das Statistische Landesamt hat mittels des Bevölkerungswachstums nun neue Zahlen ermittelt, wie viele Menschen in Rheinland-Pfalz schon in weniger als zwanzig Jahren nicht mehr ohne fremde Hilfe leben können.

Mehr zum Thema: Fragen und Antworten zur Pflege: Der Weg ins Ungewisse

Der Anstieg ist gewaltig: Gibt es derzeit rund 116.000 Pflegebedürftige im Land, schnellt die Zahl danach bis 2035 auf knapp 162.000 und damit um mehr als ein Drittel nach oben. Bis zum Jahr 2060 kalkuliert das Landesamt mit etwa 220.000 Pflegebedürftigen. Auch die Region Trier erlebt einen Zuwachs. Wo derzeit etwa 14.700 Menschen Pflege benötigen, sollen es bis 2035 gut 20.000 und bis 2060 etwa 28.600 sein.

Marcel Hürter, Präsident des Statistischen Landesamtes, spricht von einer neuen Entscheidungsgrundlage für die Politik, auf die diese Antwort finden müsse.

Die Zahlen dürften besonders die Suche nach neuen Kräften verschärfen. Es hakt bereits jetzt. Das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium geht derzeit von rund 1900 Pflegern aus, die im Land fehlen. Bis 2030 soll die Lücke bei Altenpflegern bei 2900 liegen. Die Landespflegekammer und die Pflegegesellschaft behaupten, dass diese Zahlen höher liegen. Obendrein drängt sich nach den Berechnungen des Landesamtes künftig noch häufiger die Frage auf, wo Angehörige Hilfe erleben. Danach sollen im Land schon im Jahr 2035 mehr als 8400 stationäre Plätze fehlen, davon 668 in der Region Trier.

Wie reagiert das Land? Pflegeministerin Sabine Bätzing-Lichten8thäler (SPD) sagt, es brauche ein ganzes Bündel an Maßnahmen, um die Herausforderungen zu lösen. Im kommenden Jahr will das Land eine erneute Qualifizierungsoffensive für Pflegekräfte starten, um neue Auszubildende zu gewinnen. Das Ministerium plant auch eine Imagekampagne für den Beruf.

Bätzing-Lichtenthäler kündigt ebenso an, die Zuwanderung ausländischer Pflegekräfte zu fördern, Berufsbedingungen zu verbessern, die Vorsorge vor Pflegebedürftigkeit zu stärken und Hilfen für die Familien auszubauen. Berater sollen zu persönlichen Pflege-Managern ausgebildet werden. Auf Bundesebene haben sich die möglichen Jamaika-Koalitionäre darauf geeinigt, mehr Stellen für die Pflege schaffen zu wollen. Markus Mai, Vorsitzender der Landespflegekammer, reicht das nicht aus.

Der Trierer fordert, dass Pflegekräfte ein Einstiegsgehalt von 3000 Euro brutto bekommen und bei den verschiedenen Arbeitgebern auch gleich bezahlt werden. Regine Schuster von der rheinland-pfälzischen Pflegegesellschaft sagt dagegen, es brauche weitere Fachkräfte, die in den Einrichtungen helfen dürften. Sie schlägt vor, ungelernte Assistenzkräfte zu schulen und bereits stärker in der Pflege einzubinden. Gerald Gaß, Vorsitzender der Landeskrankenhausgesellschaft, ist dagegen für eine stärkere Akademisierung der Pflege, um kluge Köpfe für den Beruf zu gewinnen.

Michael Wäschenbach, pflegepolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Mainzer Parlament, vermisst dagegen Ideen der Landesregierung, Pfleger über digitale Hilfen zu entlasten. Er kritisiert, die Landesregierung habe kein Konzept.
Wie das Landesamt zu den Zahlen kommt

Die Zahlen bauen auf der Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Landesamtes von 2015 auf. Bei den Berechnungen wurde ein Schnitt der Pflegequoten der vergangenen Jahre und der Pflegeleistung genommen.

Hier geht's direkt zur Studie des Statistischen Landesamtes.

MeinungNach mir bitte nicht die Sintflut …

Es ist ein Rechenspiel mit einem erschreckenden Ergebnis: Um mehr als 45.000 Menschen soll die Zahl der Pflegebedürftigen in Rheinland-Pfalz bis 2035 steigen, Tausende stationäre Plätze fehlen, Betreuung in der Familie gehört immer mehr der Vergangenheit an.

Die Zahlen des Statistischen Landesamts haben einen großen Vorteil: Sie verschleiern nicht, sondern sie offenbaren, auf welchen Pflegenotstand unsere Gesellschaft hinsteuert. Das Ärgernis in der Debatte: Viel zu häufig wird noch auf das reine Problem von fehlenden Fachkräften verwiesen, anstatt energisch zu handeln. Jetzt ist es an der Zeit, es nicht mehr bei Absichtserklärungen zu belassen. Es braucht eine Debatte über einheitliche Tarife, um junge Kräfte nicht direkt mit mickrigen Löhnen abzuschrecken. Es braucht ein Einwanderungsgesetz, um international leichter Fachkräfte zu gewinnen. Es wird die Diskussion geben, was ein Pfleger können muss, was nicht. Und die Gesellschaft muss aushandeln, wie viel ihr Pflege wert ist. Nach uns die Sintflut? Nach mir bitte nicht.

f.schlecht@volksfreund.de