Motor nur im Notfall

TRIER/NEUMAGEN-DHRON. Wovon jahrelang geträumt und hinter vorgehaltener Hand geredet wurde, das wird nun Realität: Das legendäre Neumagener Weinschiff schippert ab 2007 über die Mosel. Der hölzerne Nachbau des römischen Frachters entsteht als Kooperationsprojekt von Land, Gemeinde und Handwerkskammer.

Die Präsentation war dem Anlass angemessen: ADD-Präsident Josef Peter Mertes ließ eigens aus Mainz aus dem Museum für antike Schifffahrt das 1:10-Modell des Weinschiffs nach Trier befördern, um der versammelten Medienlandschaft einen Vorgeschmack auf das besondere Mosel-Erlebnis zu bieten, das ab dem kommenden Jahr das touristische Angebot erweitern soll.Die steinerne Version des antiken Wein-Transporters gehört zum kulturellen Allgemeingut der Region, ziert das Landesmuseum, allerlei Publikationen und manchen Schreibtisch. Nach der Porta dürfte es die meist verkaufte römische Miniatur der Region sein.

Die Idee spukte schon lange herum

Die Idee, das Mammut-Ruderboot in einer schiffbaren Form zu rekonstruieren, spukte schon lange durch einige moselanische Köpfe. Doch erst als Handwerkskammer-Präsident Hans-Hermann Kocks und ADD-Chef Josef Peter Mertes, nicht nur Duz-, sondern auch Antikenfreunde, das Projekt adoptierten, zeichnete sich eine Realisierungschance ab. "Alle haben gesagt: Ihr seid verrückt", erinnert sich Mertes. Kein Geld, jede Menge bürokratische Hürden, mangelnde Erfahrungen in Sachen Passagierschifffahrt: Das hätte gereicht, um manch ambitionierteres Vorhaben zu Fall zu bringen.

Aber da gab es auch die Vision, die 2000-jährige Weinkultur der Region auf außergewöhnliche Weise zu präsentieren. Und eine knappe Hand voll Internet-Homepages von ähnlichen, durchweg erfolgreichen Einrichtungen.

Der Schlüssel zum Erfolg war die Idee, das ansonsten unbezahlbare Schiff als Jahres-Projekt von Lehrlingen der Trierer Handwerkskammer nachbauen zu lassen. Für die Nachwuchs-Schreiner und ihre Kollegen aus anderen Handwerken "eine Herausforderung ihres Könnens", wie es HWK-Hauptgeschäftsführer Kocks beschreibt. Ein professioneller Bootsbauer übernimmt die Anleitung, schließlich soll der Kahn am Ende tatsächlich interessierte Menschen über die Mosel schippern.

Die Ortsgemeinde Neumagen-Dhron stellt aus ihren reichhaltigen Wäldern das Holz für den Schiffsrumpf. Man werde sich beim Nachbau "eng an den archäologischen Vorbildern orientieren", verspricht Bürgermeister Willi Herres. Man will auch vor Fachpublikum bestehen können, Kooperationen mit der Uni Trier sind angedacht.

Wer so eine esoterische Idee wie den Nachbau eines Römerschiffes betreibt, muss sich auch mit St. Bürokratius in allen Varianten auseinander setzen. So wird das Weinschiff etwa 19 Meter lang sein, weil ab 20 Metern für den Betrieb ein Schiffsführer mit ordentlichem deutschen Binnenschifffahrts-Kapitäns-Patent benötigt wird. Sogar ein Umweltgutachten musste eingeholt werden, um zu dokumentieren, dass von dem Holz-Boot keine Gefahr für Flora und Fauna ausgeht. Nur so waren EU-Mittel aus dem Leader-plus-Programm zu bekommen.

So entsteht mit dem Weinschiff nun immerhin ein Wert, den Experten auf über 400 000 Euro schätzen. Aber nicht einmal die Hälfte davon fließt tatsächlich an öffentlichen Zuschüssen. Die "Muskelhypothek" der HWK und das Gemeinde-Holz decken mehr als 50 Prozent der Kosten. Für den Rest steht neben der EU auch das Land Rheinland-Pfalz gerade. Man wolle helfen, "die Region als bedeutsame Landschaft mit römisch-kulturellem Hintergrund zu profilieren", sagt Staatssekretär Günter Eymael vom zuständigen Wirtschaftsministerium.

Mit der Herstellung des Bootes ist es freilich nicht getan. Man habe viel Wert auf ein "tragfähiges Betriebskonzept" gelegt, versichert ADD-Chef Mertes. Das Schiff wird nicht im Dauerbetrieb für Einzel-Gäste unterwegs sein, sondern kann von Frühjahr bis Herbst von Gruppen gechartert werden. Als Skipper sind ausgebildete Mitarbeiter gegen überschaubare Aufwandsentschädigung vorgesehen. Die Gemeinde kümmert sich als Träger des Projekts um das Winterquartier, ein Förderverein soll bei Vermarktung und Betrieb helfen. So will man die Betriebskosten mit 15 000 Euro im Jahr niedrig halten und durch Vermietung möglichst komplett wieder einspielen.

Auch wenn sich das Schiff vorrangig durch die Muskelkraft seiner rudernden Gäste bewegen soll: Einen Motor wird es trotzdem bekommen, schon aus Sicherheitsgründen. Aber ansonsten gelten antike Regeln statt Komfort. Eine Toilette etwa wird für die rund einstündigen Fahrten nicht extra eingebaut. Schließlich gab's das bei den Römern auch nicht.

Mehr von Volksfreund