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Rheinland-Pfalz hat Geburtstag: Ein Ständchen zum Siebzigsten

Rheinland-Pfalz hat Geburtstag: Ein Ständchen zum Siebzigsten

Vor 70 Jahren bejahten 53 Prozent der Bürger die Landesverfassung. Anfangs fehlte das Gemeinschaftsgefühl. Ein Trierer erinnert sich.

Foto: ARRAY(0x299f19728)

Ja, die alten Skat-Runden, sie lassen Horst Langes nicht los. Der 88-jährige Trierer erzählt, wie er in den 1960er, 1970er Jahren im rheinland-pfälzischen Landtag saß, die Abgeordneten hitzig stritten - und danach in den Kneipen friedlich Karten kloppten. Die Politiker spielten um ein bisschen Geld, mal gewann der eine, mal der andere, erzählt Langes. Nur einer jubelte recht selten, erinnert er sich. August Wolters, der auch aus Trier kam. "Er spielte nicht gut, aber wehe, wenn er gewonnen hatte", sagt Langes, lacht und redet weiter. Dann habe der glückliche Gewinner den Verlierern am nächsten Morgen im Landtag kräftig den Kopf gewaschen und Sätze gerufen wie "Ich kriege noch 3,27 Mark von dir." Natürlich so laut, dass es jeder hören konnte, verrät Langes. "Er wollte, dass es alle hören und ihm anerkennend auf die Schulter klopfen."

Erinnerungen an Rheinland-Pfalz können ein Gläschen Wein sein, die Landschaft, das Karl-Marx-Haus in Trier, die Teilnahme von Guildo Horn am Europäischen Song Contest, Meisterschaften des 1. FC Kaiserslautern, 44 Jahre CDU in der Regierung, gefolgt von nun schon 26 Jahren SPD am Stück - oder eben gemütliche Runden Skat im Landtag.
Und doch führt all das auf den 18. Mai 1947 zurück, vor 70 Jahren, als die Rheinland-Pfälzer die Landesverfassung annahmen. Ein Schritt, der alles andere als leicht war. Der Zusammenschnitt der Gebiete durch die französische Besatzungsmacht trieb vielen Menschen bei der Gründung die Sorgenfalten auf die Stirn. Die Verbundenheit fehlte, Menschen aus Trier fühlten sich eher nach Köln hingezogen als nach Mainz oder in die Pfalz. Der alte Regierungsbezirk Trier war stark katholisch geprägt, eine große Mehrheit bejahte dort die konfessionelle Schule, während die Rheinhessen eine solche Trennung ablehnten. Es gab kaum Straßen, kaum Industrie.

"Die meisten Menschen haben Rheinland-Pfalz als reines Kunstprodukt gesehen", erinnert sich Langes, der Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Kultusministerium war, Landtagsabgeordneter und von 1962 bis 1991 Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Trier-Stadt.

Die Skepsis der Bürger drückte sich in der Abstimmung für die Verfassung aus. Nur 53 Prozent der Rheinland-Pfälzer stimmten mit Ja. Die starke Zustimmung aus dem Regierungsbezirk Trier (76,5 Prozent) rettete vielleicht die Verfassung.

Langes erinnert sich, es sei schwer gewesen, für die Abstimmung zu werben. "Es gab keine Fernseher, keine Radios, über die Wahlkampf gelaufen wäre", sagt Langes. Selbst Plakate, die er für die Junge Union zur am gleichen Tag laufenden Landtagswahl verbreitete, waren ein kostbares Gut. "Die Franzosen hatten sie zugelassen, aber nur in beschränkter Menge, weil kein Papier da war." Versammlungen seien die größte Chance gewesen, sich über die Verfassung zu informieren. Und, das wendet Langes besonders ein: "Die Menschen hatten andere Sorgen als die Verfassung." Es war die Zeit nach dem Krieg, Häuser waren zerstört, Menschen hungerten, monatliche Lebensmittelrationen setzten sich aus bis zu 15 Kilo Kartoffeln, 440 Gramm Fleisch, sechs Kilo Brot und zwei Eiern zusammen. Langes, der im Krieg mit 15 Jahren kämpfen musste und früh verwundet wurde, kämpfte für die Verfassung, weil er sich die Demokratie wünschte.

Inzwischen ist das Bundesland darüber hinausgewachsen, stark im Export, bekannt für chemische Industrie, Autos, Mittelstand, Wein, manchmal sogar für Fußball-Pokalsensationen von Eintracht Trier. Der Weg zum heutigen Rheinland-Pfalz sei denkbar schwierig gewesen, sagt der jetzige Landtagspräsident Hendrik Hering. Aber er habe sich gelohnt. Und bestimmt nicht nur wegen lustiger Skat-Geschichten, die hängengeblieben sind. "Die Verfassung ist das Fundament der Demokratie in unserem Bundesland." Und somit der Anfang.Rheinland-Pfälzer feiern den Geburtstag Mit Gottesdienst, Musik, Theater und Ansprachen feiern Vertreter aus Politik und Gesellschaft heute den 70. Geburtstag von Rheinland-Pfalz in Mainz. Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn hält dabei eine Festansprache. Die 70-Jahr-Feier steht unter dem Motto "Der Mensch ist frei" - das ist der erste Satz in der Landesverfassung. Literatur: Kleine Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz vom Mainzer Historiker Michael Kißener, Landeszentrale für politische Bildung. Eine Chronologie der 70 Jahre