Streit um die Sargpflicht

Immer mehr Muslime leben in Deutschland und wollen so begraben werden, wie ihr Glaube es verlangt. Das ist nicht überall möglich. Städte in der Region haben bereits reagiert.

Muslimischer Glaube und rheinland-pfälzische Gesetzgebung passen auf den ersten Blick nicht immer zusammen. So sorgte ein Fall aus Ludwigshafen für Schlagzeilen. Ein Muslim wollte seine Mutter auf dem städtischen Friedhof begraben lassen. So, wie dies seinem Glauben entspricht: nach einer rituellen Waschung in einem noch nie genutzten, nach Mekka ausgerichteten Grab - und ohne Sarg. Doch die Stadt verweigerte die Tuchbestattung. Denn in Rheinland-Pfalz herrscht per Gesetz Sargpflicht.

Zwar ermutigt die Landesregierung Kommunen, Ausnahmen zu genehmigen. Doch fordert Ludwigshafen, dass Mainz die Frage per Gesetz klärt. "Das bei einem so hohen Migrantenanteil über Ausnahmen zu regeln, ist nicht richtig", sagt Ulrike Heinrich, Sprecherin des Ludwigshafener Rathauses. Bei allein 15.000 türkischen Mitbürgern in Ludwigshafen müsse die Bestattung im Leichentuch als Regelfall gelten. Zwölf von 16 Bundesländern hätten ihre Gesetzgebung bereits angepasst. In Rheinland-Pfalz ist dies laut Sozialministerium jedoch nicht geplant.

Nicht nur in Ludwigshafen - überall in Deutschland steigt die Zahl der Muslime. Einer Studie des Bundesamts für Migration zufolge waren es Ende 2015 zwischen 4,4 und 4,7 Millionen. Das sind rund 5,5 Prozent der Bevölkerung. Jeder Vierte sei erst kürzlich zugezogen.
In Nordrhein-Westfalen, wo sehr viele Muslime leben, zeigt sich ein Umdenken: Immer mehr Menschen wollen nach ihrem Tod nicht mehr in die alte Heimat überführt werden, sondern in Deutschland, wo die Familie wohnt, ihre letzte Ruhestätte finden.

"Wenn man seine Religion hier frei leben darf, dann sollte es auch die Möglichkeit geben, dementsprechend beerdigt zu werden", sagt Noman Khalid, Imam einer Wittlicher Moschee.
In der Region Trier scheint es diesbezüglich keine Probleme zu geben. Für kleine Gemeinden spielen muslimische Bestattungen so gut wie keine Rolle, und die größeren Städte haben sich schon vor Jahren auf die Bedürfnisse gläubiger Moslems eingestellt. So legte Trier auf seinem Südfriedhof bereits 1994, als viele Flüchtlinge aus Jugoslawien kamen, ein muslimisches Grabfeld an. Rituelle Waschungen sind vor Ort zwar nicht möglich. Das geschieht bei den Bestattungshäusern. Auch wurde bisher ausschließlich im Sarg begraben. Doch sagt Pressesprecher Hans-Günther Lanfer: "Wir wurden von der ADD angewiesen, den Wunsch nach einer sarglosen Bestattung großzügig zu handhaben."

Die Stadt Konz hat 2012 ihre Friedhofssatzung geändert und bietet auf dem Friedhof Roscheid nun nicht nur einen Raum für rituelle Waschungen, sondern ermöglicht auch die Tuchbestattung. "Wir haben alles, was wir brauchen", sagt Tevhit Yilmaz von der Ditib-Moschee.
Auch in Bitburg und Wittlich gibt es muslimische Grabfelder. Dort herrscht allerdings weiterhin Sargpflicht. Dies könnte laut Rainer Stöckicht einer von mehreren Gründen sein, warum das Angebot bisher wenig genutzt wird. In Wittlich wurden vor allem muslimische Kleinkinder beigesetzt.

Ewige Ruhe in Tuch und unberührter Erde

ÜBERFÜHRUNG DER TOTEN
Dass bisher so wenige Muslime in Deutschland beerdigt wurden, hat auch damit zu tun, dass die türkisch-islamische Union Ditib eine Versicherung anbietet, die Verstorbene in die Türkei überführt. Inzwischen wollen immer mehr hier die letzte Ruhe finden.