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Ab sofort gilt im Süden Tempo 30

Ab sofort gilt im Süden Tempo 30

Langsam nach zehn: Ab sofort gilt in der Saar- und Matthiasstraße zwischen 22 und 6 Uhr Tempo 30. Die Schilder stehen bereits. Das Umweltministerium und die Stadt Trier wollen den Verkehrslärm in der Nacht verringern.

Trier. Heulende Motoren zur Schlafenszeit - die Anwohner der Saar- und Matthiasstraße kennen diesen Effekt gut. Während ihre Straßenzüge tagsüber wegen des extremen Durchgangsverkehrs von mehr als 12 000 Fahrzeugen kaum mehr als Schleichfahrt zulassen, sind sie nachts frei, was einzelne Fahrer immer mal wieder dazu nutzen, ihre Vier- oder Zweiräder in höhere Drehzahlbereiche zu ziehen. Das soll sich ändern.
Die Stadt Trier hat gemessen. Das Ergebnis: Mehr als 500 Anwohner in der Saar- und Matthiasstraße sind mehr als 65 Dezibel am Tag und mehr als 55 in der Nacht ausgesetzt. 55 Dezibel entsprechen einem normalen Gespräch in Zimmerlautstärke (siehe Extra) - eine starke Belastung, wenn man in diesem Zimmer schlafen will.
Bereits vor zwei Jahren hat die Stadt Trier dem Land Rheinland-Pfalz ihr Interesse bekundet, ein Pilotprojekt zur Einführung von Tempo 30 an Hauptverkehrsstraßen durchzuführen. Dieses Pilotprojekt beginnt jetzt in der Saar- und Matthiasstraße und ist für ein Jahr ausgelegt. "Ich erhoffe mir eine spürbare Entlastung der Bewohner vom Lärm in der für den Schlaf so wichtigen Nachtzeit", sagt Triers Baudezernentin Simone Kaes-Torchiani.
Was soll Tempo 30 in den Nachtstunden bewirken? Kaes-Torchiani: "Nach den Berechnungen des Stadtplanungsamtes können wir mit Tempo 30 in der Nachtzeit mehr als 100 Anwohner künftig aus dem Bereich der gesundheitsgefährdenden Pegel herausholen." Ob das tatsächlich klappt, soll das Pilotprojekt zeigen. Seine Ergebnisse werden die Basis für die Entscheidung sein, Tempo 30 als dauerhaftes Instrument der Lärmminderung in Trier einzusetzen. Denn natürlich gibt es nächtliche Raser nicht nur in der Saar- und Matthiasstraße. Auch die Anwohner der Paulinstraße und der Luxemburger Straße können gleich mehrere Lieder davon singen.
Die Tempo-30-Schilder stehen, aber was wird außerdem geschehen? "Das Projekt wird mit umfangreicher Unterstützung des Mainzer Umweltministeriums durchgeführt und durch das Landesumweltamt sowie den Umweltcampus Birkenfeld wissenschaftlich begleitet", teilt das Presseamt Trier mit. So sollen der Straßenverkehrslärm und die tatsächlichen Fahrtgeschwindigkeiten kontinuierlich gemessen werden. Ob die Lärmminderung wirklich bei den Anwohnern ankommt, sollen mehrere Fragebogenaktionen klären.
Umweltministerin Ulrike Höfken erhofft sich von der Durchführung der Pilotprojekte in Trier und in anderen Städten grundlegende Aussagen über die Machbarkeit und Akzeptanz von Geschwindigkeitsbeschränkungen zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen durch Verkehrslärm. "Unsere Messungen zeigen, dass es im Bereich der Saar- und Matthiasstraße im Stadtteil Trier-Süd vor allem nachts unerträglich laut ist", betont die Ministerin. "55 Dezibel werden dort deutlich überschritten. Das ist die rote Linie, ab der die Weltgesundheitsorganisation WHO kurzfristigen Handlungsbedarf sieht."
Höfken unterstreicht: "Tempo 30 ist nicht nur eine wirksame, sondern auch eine realisierbare Maßnahme zum Lärmschutz. Besonders die vielen Kommunen, die noch keinen Lärmaktionsplan aufgestellt haben, sollten auch diese Maßnahme jetzt ernsthaft in den Blick nehmen." Der Lärmaktionsplan der Stadt Trier ist in Arbeit und soll dem Stadtrat im Dezember zur Beratung und Beschlussfassung vorgelegt werden. Tempo 30 spielt darin eine wichtige Rolle und wird auch für die Paulinstraße sowie die Strecke Zuckerbergstraße/Metzelstraße erwogen.
Das Pilotprojekt ist das Ergebnis einer Kooperation der Stadt und des Landes. Ein weiterer entscheidender Partner wurde erst vor Kurzem über Tempo 30 in der Nacht informiert: die Polizei. Nur sie kann und darf kontrollieren, ob sich die Fahrer an die neue Regel halten. "Mit Schreiben vom 9. Juli wurde die Polizei über das Pilotprojekt in Kenntnis gesetzt", sagt Ralf Frühauf vom städtischen Presseamt. Das bestätigt Polizeisprecherin Sabine Bamberg. "Die Polizei wird das Projekt in die Verkehrsüberwachung einbinden." Wann und wie oft, bleibt vorerst geheim.Meinung

Pro: 50 Sekunden für ruhige Nächte
Zwei Minuten, 30 Sekunden. So lange dauert es in etwa netto (ohne Ampelstopp), Saar- und Matthiasstraße mit Tempo 30 zu durchfahren. Mit 50 geht das vielleicht 40 oder 50 Sekunden schneller. Gewiss, es fällt nachts bei freier Straße schwer, den Fuß vom Gas zu nehmen. Aber dieses kleine bisschen Zeit, das Autofahrer durch Tempo 30 mehr einplanen müssen, könnte 100 Anliegern der beiden Straßen ruhigere Nächte bescheren. Der auf ein Jahr angelegte Versuch wird zeigen, ob das gelingt. Eine gute Sache also. Lärm macht schließlich krank. Und sollte der Versuch erfolgreich sein, dann gibt es doch gar kein Vertun: Dann muss Tempo 30 nachts auf möglichst vielen Straßen in der Stadt umgesetzt werden. Und dann müssen auch endlich Geschwindigkeitskontrollen von der Stadt übernommen werden, was CDU, FWG und FDP vergangenes Jahr verhindert haben. Nur wenn die Stadt effektiv kontrollieren kann, kann sie ihre Bürger vor Lärm und Rasern schützen. m.schmitz@volksfreund.de

Kontra: Polizei hat Schwarzen Peter

Wer nachts mit 80 durch die Saarstraße rast, ist in Zukunft nicht mehr 30, sondern 50 Stundenkilometer zu schnell. Er ist mit 200 Euro, zwei Punkten und einem Monat Fahrverbot dabei - wenn er erwischt wird. Erwischt wird er natürlich nur, wenn die Polizei genau dann mit dem Blitzer auf der Lauer liegt. Kontrollen der Ordnungshüter sind für sehr viele Fahrer die einzige Motivation, den Fuß vom Gas zu nehmen. Deshalb wird sich die Masse der Fahrer auch nur dann an Tempo 30 zwischen 22 und 6 Uhr halten, wenn sie regelmäßige Kontrollen fürchten. Die brutal unterbesetzte Polizei hat damit den Schwarzen Peter, während Stadt und Land den Anwohnern schon jetzt Entlastungen ankündigen. Das ist ebenso unseriös wie unrealistisch. Noch illusorischer ist Tempo 30 im gesamten Stadtgebiet. Wo niemand kontrolliert, weil keine Behörde das dafür notwendige Personal hat, wird sich kaum jemand daran halten. Ein Phänomen, das Raser ebenso prägt wie Falschparker. j.pistorius@volksfreund.deExtra

Geräusche entstehen durch Schwingungen und breiten sich in der Luft als Schallwellen aus. Zwei Größen bestimmen, wie intensiv ein Geräusch beim Ohr ankommt: Die Frequenz, das ist die Anzahl der Schwingungen pro Sekunde, prägt die Tonhöhe. Je höher die Zahl dieser Schwingungen, desto höher wird der Ton wahrgenommen. Die Lautstärke eines Tons ist der Schalldruck, dessen Pegel messbar ist und in Dezibel angegeben wird. Die Atemgeräusche eines Menschen liegen bei zehn Dezibel, ein tickender Wecker schon bei 30. Ab 55 Dezibel gilt ein Geräusch als laut und störend: Ein Zug, ein Rasenmäher oder auch eine Hauptverkehrsstraße fallen in den Bereich, der das Risiko von Herz- und Kreislauferkrankungen erhöhen kann. Gehörschäden sind ab 85 Dezibel möglich - eine Lautstärke, der sich viele Freunde mobiler Musik über Kopfhörer freiwillig hingeben. Interessant: Lautes Händeklatschen direkt am Ohr kann schlimmer sein als ein Düsenjet beim Warmlaufen. Beide Ereignisse liegen jenseits der 105-Dezibel-Grenze, ab der Lärm gefährlich wird. Eine Senkung des Tempos von 50 auf 30 Stundenkilometer bewirkt nach Angaben des Bundesumweltamts eine Lärmsenkung um drei Dezibel. Das sei, so ein Lärmexperte des Bundesumweltamts, eine starke Lärmreduktion und eine spürbare Entlastung der Anwohner. jp