Arbeit gegen vergessen mit neuen Ergebnissen

Arbeit gegen vergessen mit neuen Ergebnissen

Wenn der Aktionskünstler Gunter Demnig zehn seiner Klein-Skulpturen im Straßenpflaster versenkt, wird damit die Erinnerung an Menschen wachgehalten, die im Trier der NS-Zeit drangsaliert wurden.

Trier In der Erkenntnis, dass in der Erinnerungskultur die immensen Opferzahlen der NS-Zeit das individuelle Leid eher verschleiern, hat der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig die Stolpersteine erdacht.
Der Trierer Stadtrat hat die Verlegung der kleinen Gedenksteine im Straßenpflaster als "dezentrale Skulpturen" im öffentlichen Raum 2004 grundsätzlich befürwortet. Mittlerweile erinnern mehrere Hundert der zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatten an Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die entrechtet, eingesperrt, gefoltert oder gar ermordet wurden. Initiator war zunächst der Kulturverein Kürenz, seinerzeit in Zusammenarbeit mit der AG Frieden.
Am Montag, 6. November, kommen zehn Steine hinzu: Um 15 Uhr verlegt Demnig bei seiner 16. Aktion in der Stadt zunächst in der Hohenzollernstraße 13 zwei Steine vor dem einstigen Wohnhaus der Zwillingsbrüder Ernst und Leo Salomon. Als homosexuelle Juden wurden sie besonders unbarmherzig verfolgt (siehe Bericht unten).
Um 15.35 Uhr geht es im Bereich der Engelsstraße 15 weiter: Hier werden sechs Steine verlegt in Erinnerung an Maria Cordie, Michael und Peter Meyer, Anna Perings, Cäcilia Reichertz und Josef Scheit.
Sie alle waren gehörlos und besuchten das Internat der Provinzial-Gehörloseneinrichtung, den Vorläufer der heutigen Wilhelm-Hubert-Cüppers-Schule. Als "fortpflanzungsgefährliche Erbkranke" wurden sie im Elisabeth-Krankenhaus zwangssterilisiert.
Die Verlegung dieser Stolpersteine ist sichtbares Ergebnis einer Unterstützung des Kulturvereins Kürenz durch die Gerda-Henkel-Stiftung. Sie finanziert seit April 2017 für ein Jahr die Forschung zu den Schicksalen der gehörlosen Schüler in Trier. 80 von ihnen wurden zwangsoperiert - "eine im Vergleich mit anderen Taubstummenanstalten unerwartet hohe Opferzahl", erklärt der Historiker Thomas Schnitzler, der mit dem Thema sehr persönlich verbunden ist: Sein Großvater hatte sich als Chefarzt des Elisabeth-Krankenhauses geweigert, die Sterilisationen durchzuführen - und wurde daraufhin durch einen willfährigen Arzt ersetzt.
Als Historiker hat sein Enkel mehrfach heftige Vorwürfe erhoben: Seiner Ansicht nach wird die Forschung und Erinnerung zum Thema in Trier durch die historisch verstrickten Institutionen gezielt ausgebremst.
Zwei weitere Stolpersteine, die am Montag verlegt werden, sind ausnahmsweise demselben Menschen gewidmet: Hilarius Feller aus Ehrang. Vor der historischen Torausfahrt des Brüderkrankenhauses (Peter-Friedhofen-Straße 7) soll sein Stein ab 16.15 Uhr als neuester von dann insgesamt 27 Stück "die Identifizierung jener 500 Psychiatriepatienten vorantreiben, die der Krankenmord-Aktion T4 und der anschließenden ‚wilden Euthanasie‘ zum Opfer fielen", schreibt der Kulturverein Kürenz in einer Erklärung.
Ein weiterer Stein wird am ehemaligen Wohnhaus Fellers um 17 Uhr in der Kyllstraße in Ehrang gesetzt - auf besonderen Wunsch des Vereins Ehranger Heimat. Der bringt sich, wie viele andere Einzelpersonen oder Institutionen auch, auf Anstoß durch den Kulturverein rege in die Erinnerungsarbeit ein.
Eine Einstellung, die sich Thomas Schnitzler auch von anderen Beteiligten in der Region wünscht.Extra: ES WERDEN PATEN GESUCHT


Nicht nur die Forschungsarbeit, auch die Verlegung der Stolpersteine ist mit Kosten verbunden, für die der Kulturverein Kürenz auch aktuell wieder Paten in Trier und Umgebung sucht. Interessierte können sich dafür bei Historiker Thomas Schnitzler melden unter der E-Mail: T_ Schnitzler@gmx.netExtra: FORSCHUNGSERGEBNISSE IM INTERNET

Der Historiker Thomas Schnitzler (links) und Johannes Verbeek vom Kürenzer Kulturverein präsentieren neue Forschungsergebnisse zu den Schicksalen gehörloser Menschen in Trier in der NS-Zeit. TV-Fotos (3): Frank Göbel. Foto: Frank Goebel (fgg) ("TV-Upload Goebel"
Die Stolpersteine am ehemaligen Hintereingang des Elisabeth-Krankenhauses. Foto: Frank Goebel (fgg) ("TV-Upload Goebel"


Die Forschungsergebnisse des Kulturvereins werden nicht nur in Form der Stolpersteine sichtbar: Seit kurzem werden sie in Kooperation mit dem "Bund der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten" auch im Internet veröffentlicht. Auf einer Internetseite des Bundes sind bereits Biografien von 27 Opfern aus Trier detailliert belegt - und weitere in Vorbereitung. Weitere Informationen unter: <%LINK auto="true" href="http://www.euthanasiegeschaedigte-zwangssterilisierte.de/themen/stolpersteine/trier/" text="www.euthanasiegeschaedigte-zwangssterilisierte.de/themen/stolpersteine/trier/" class="more"%>