Neue Streetworker für Trier

Vor einem Jahr gab Triers einziger Streetworker Raimund Ackermann seinen Job auf und ging in den Ruhestand. Zumindest offiziell - hinter den Kulissen ist er noch aktiv. Seine Nachfolge hat am Donnerstag den Steuerungsausschuss beschäftigt.

Der Mann ist nicht unbedingt unfreundlich. Nur sehr grob. Er ist schwerer Alkoholiker, arbeits- und obdachlos. Wenn man mit ihm über seine Lebenssituation spricht, rutscht er sehr oft in die untere Umgangssprache ab, beschimpft die Gesellschaft im Allgemeinen und die Stadtverwaltung Trier im Besonderen und wendet sich mit derben Worten auch gegen seine Gesprächspartner.

"Er meint es gar nicht böse, da spricht der Alkohol. Es ist völlig normal, so angegangen zu werden", sagt Raimund Ackermann, der sich die Schimpftiraden anhören muss. Er behält recht: Schnell beruhigt sich der Obdachlose wieder und erzählt vom Leben auf der Straße.

Ackermann hat unzählige Szenen wie diese erlebt - und wesentlich schlimmere. Der heute 61-Jährige war 21 Jahre lang Triers einziger Streetworker. Seit einem Jahr ist er offiziell im Ruhestand. Sein Telefon, das früher Tag und Nacht geklingelt hat, bleibt jetzt meistens still. "Ich habe eine neue Nummer, die keiner kennt." Ein notwendiger Schritt, denn Ackermann ist für viele Obdachlose eine unersetzbare Vertrauensperson.

Deshalb wurde der Streetworker im Ruhestand in einem Ausnahmefall auch wieder aktiv. Denn es ging um Janosch, den Ackermann fast zehn Jahre lang betreut und versorgt hat.

Janosch kam 2006 nach Trier. Der Obdachlose war auf beiden Augen an grauem Star erkrankt.

Vor sechs Jahren hatte Raimund Ackermann erreicht, dass eines von Janoschs kranken Augen in einem Trierer Krankenhaus ohne Berechnung operiert wurde. "Ich habe ihm damals versprochen, dass das andere Auge auch noch gemacht werde. Er müsse nur Geduld haben", sagt Ackermann.

Jahre vergingen. Janosch schlief im Palastgarten. Manchmal bekam er von der Wirtin im Café Zeitsprung eine Tasse heißen Kaffee. Raimund Ackermann setzte seinen Ruhestand kurz außer Kraft, um sein Versprechen von damals einzulösen. Durch eine Spendenaktion des Vereins Trierer Nothilfe kamen die Operationskosten für das zweite Auge innerhalb von vier Wochen zusammen. "Die Operation ist erfolgreich verlaufen", erzählt Ackermann. Janosch sieht wieder mit beiden Augen. Außerdem hat er einen kleinen Job und wohnt inzwischen in einem Apartment in Trier.

Doch dieser Einsatz aus dem Ruhestand heraus soll eine Ausnahme bleiben. Straßensozialarbeit in der Ära nach Raimund Ackermann stand am Donnerstag auf der Tagesordnung des Trierer Steuerungsausschusses. Die im Winter 2015 geschaffene Übergangslösung, basierend auf einer engen Zusammenarbeit zwischen dem Trierer Sozialamt und dem Caritasverband, wird ab dem 1. Oktober von einer neuen Stelle für einen städtischen Streetworker abgelöst. Eine weitere halbe Stelle wird beim Caritasverband angesiedelt. Ab dem Jahr 2017 werden 60 200 Euro für diese Stelle im Haushalt bereitgestellt, für das laufende Jahr 2016 sind es noch 15 000 Euro. Das beschloss der Ausschuss einstimmig.

Die beiden neuen Streetworker sollen die Obdachlosenszene dort aufsuchen und betreuen, wo sie lebt - auf den Straßen. Wer Hilfe braucht und wünscht, soll vom Netz der Trierer Betreuungsangebote aufgefangen werden. Raimund Ackermann betont: "Niemand muss in Trier auf der Straße schlafen, wenn er es nicht ausdrücklich so will."Meinung

Jeden investierten Cent wertObdachlosigkeit in Trier - ein nicht besonders populäres Thema. Doch die Zahl der Menschen, die auf der Straße gelandet sind, ist in Trier gar nicht so klein. Die 23 Plätze im Benedikt-Labre-Haus, dem Übernachtungsheim der Caritas, sind in der Regel belegt. 30 Obdachlose leben auf eigenen Wunsch auf der Straße. Laut einer Analyse des Sozialamts sind jährlich 350 Menschen von Wohnungslosigkeit bedroht oder leben in prekären Verhältnissen. Die Stadt hat die gesetzliche Pflicht, Menschen bei der Überwindung sozialer Schwierigkeiten zu helfen, wenn sie aus eigener Kraft nicht dazu in der Lage sind. Beratung und persönliche Betreuung, Hilfe im Umgang mit Behörden, aber auch praktische, alltägliche Dinge wie ein warmer Schlafsack oder ein Wasserkocher gehören zum Spektrum der Hilfe, das Raimund Ackermann mehr als 20 Jahre lang angeboten hat. Die Schaffung von anderthalb neuen Streetworker-Stellen ist deshalb eine dringend notwendige und sehr wichtige Entscheidung, die jeden investierten Cent wert ist. Die Kooperation der Stadtverwaltung mit dem Caritasverband ist eine gute und erfolgversprechende Idee. j.pistorius@volksfreund.de